Donnerstag, 08. Oktober 2020

Im Zentrum steht das Nichts

Der Nobelpreis für Physik geht heuer an Wissenschaftler, die im Zentrum unserer Galaxie ein enorm großes und enorm schweres Schwarzes Loch nachweisen konnten. Der Südtiroler Astronom David Gruber kennt einen der 3 Preisträger persönlich und erklärt, was es mit Schwarzen Löchern auf sich hat.

Wie schon 2019 ging der Nobelpreis für Physik an Erforscher des Kosmos.
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Wie schon 2019 ging der Nobelpreis für Physik an Erforscher des Kosmos. - Foto: © shutterstock
„Als ich von der Vergabe des Physik-Nobelpreises gehört habe, bin ich aus allen Wolken gefallen, weil ich im Zuge meines 3-jährigen Doktorstudiums in einer Vorlesung von Professor Reinhard Genzel saß“, sagt David Gruber (35), seines Zeichens Direktor des Naturmuseums in Bozen und Astrophysiker mit einer Forschungsvergangenheit am Max Plank-Institut für extraterrestrische Physik in Garching bei München.

Der 68-jährige Direktor des besagten Instituts ist einer von 3 Forschern, die die Existenz eines immensen Schwarzen Lochs im Zentrum unserer Galaxie nachweisen konnten.

Demzufolge handelt es sich dabei um ein unsichtbares und extrem schweres Objekt, das die Umlaufbahnen der Sterne beherrscht – ein äußerst mysteriöser Himmelkörper, der eigentlich nicht fassbar ist und trotzdem alles rund um sich herum dominiert. Wie kann man denn so was überhaupt nachweisen?




Gruber erklärt, dass es grundsätzlich schwierig sei, das Wesen von Schwarzen Löchern zu erklären, weil diese Objekte keine Informationen aussenden, nicht mal Licht. Das sprenge schon mal die menschliche Vorstellungskraft. „Genzel und die US-Wissenschaftlerin Andrea Ghez hatten allerdings die gleichsam geniale wie simple Idee, dieses unfassbare Gebilde durch indirekte Effekte nachzuweisen. Sie haben die Gestirne rund um dieses Schwarze Loch jahrelang beobachtet und ihr Verhalten berechnet.

Die Form der Bahn und die Geschwindigkeit der Sterne lassen einzig und allein den Schluss zu, dass sich in der Mitte dieses merkwürdige Objekt befindet, das übrigens eher einer Kugel als einem Loch gleicht“, so Gruber. Die theoretischen Grundlagen für die Berechnungen lieferte der ebenfalls ausgezeichnete Brite Roger Penrose – übrigens aufgrund von Albert Einsteins Relativitätstheorie. Es sei erstaunlich, wie Einsteins Erkenntnisse auch noch 100 Jahre später noch nachwirken.

Diese bahnbrechende Entdeckung habe „keinen unmittelbaren Effekt auf unser Alltagsleben“, sehr wohl aber auf unser Weltbild. Gruber erklärt: „Im Laufe der vergangenen 400 Jahre mussten wir Menschen mehr und mehr feststellen, dass wir ganz und gar nicht den Mittelpunkt darstellen. Genau diese Erkenntnis wurde nun nochmals untermauert: Im Zentrum befindet sich sozusagen das reine Nichts.“ Somit wird dem Menschen einmal mehr seine Unerheblichkeit schonungslos vor Augen geführt.




Zugleich sieht sich derzeit die Wissenschaft immer stärker in der Kritik – befeuert vor allem durch so manchen Zickzack-Kurs betreffend die Corona-Pandemie. „Es ist doch gerade die Stärke der wissenschaftlichen Methodik, dass man permanent versucht, sich immer näher an die Wahrheit heranzutasten“, meint Gruber dazu.

Das Überprüfen und Widerlegen von gewonnenen Erkenntnissen sei gewissermaßen das täglich Brot eines jeden Forschers. Die Erforschung des Coronavirus sei „Wissenschaft im Schnelldurchlauf“, denn grundsätzlich erfordert die Überprüfung von Theorien und Daten Jahre und Jahrzehnte. Weit mehr Geduld als Menschen haben indes Schwarze Löcher, Zeit und Raum werden schlicht und einfach verschluckt.

az