Laut dem gesamtstaatlichen Bericht zum Medikamentenkonsum (Daten für 2024) bekommen staatsweit im Schnitt sechs auf 1.000 Kinder Psychopharmaka verschrieben. 2020 waren es noch drei auf 1.000 Kinder, 2011 nur eines. In Südtirol liegt die Zahl mit 7,7 sogar darüber. Staatsweit ist der Prozentsatz von 2023 auf 2024 um 8,6 Prozent gestiegen, in Südtirol hingegen nur sehr geringfügig um 0,3. „Wir haben frühzeitig reagiert“, erklärt Psychiater und Psychotherapeut Dr. Andreas Conca diese unterschiedlichen Entwicklungen.<BR /><BR />Ein Blick auf die Verteilung nach Altersklasse zeigt: Bis fünf Jahre ist der Konsum verschwindend gering. In der Alterskategorie zwischen sechs und elf Jahren liegt die Prävalenz italienweit bei 3,5 Kindern auf 1.000. Danach steigt sie massiv an auf fast zwölf Kinder und Jugendliche auf 1.000. Mitgezählt werden dabei auch Kinder und Jugendliche, die eine einmalige Verschreibung bekommen haben. Ihr Anteil machte 2024 immerhin 13,4 Prozent aus.<BR /><BR />Sehr unterschiedlich ist die Art der Psychopharmaka in den verschiedenen Alterskategorien. Während bei Kindern zwischen sechs und elf Jahren Antipsychotika und ADHS-Medikamente sich anteilig die Waage halten und Antidepressiva kaum eine Rolle spielen, nimmt der Anteil der ADHS-Medikamente in der Kategorie der Zwölf- bis 17-Jährigen stark ab, die der beiden anderen Psychopharmaka-Arten zu. Auch die Verteilung auf die Geschlechter zeigt Unterschiede: Insgesamt werden Antidepressiva wesentlich häufiger Mädchen als Buben verschrieben (ein Drittel zu zwei Drittel, hier ist der Anteil der einmaligen Verschreibungen mit 17,5 Prozent besonders hoch). Bei Antipsychotika verteilen sich die Verschreibungen zu 60 Prozent auf Buben und zu 40 Prozent auf Mädchen. ADHS-Medikamente bekommen hingegen zu 86 Prozent Buben verabreicht. <h3> Was steckt dahinter?</h3>So weit die Zahlen. Doch was steckt dahinter? Wie stellt sich die Situation aus Sicht der Kinderärzte dar? „Wir sind oftmals die ersten Ansprechpartner von Eltern und Betroffenen bzw. erhalten im Rahmen unserer Vorsorgeuntersuchungen Hinweise auf eventuelle Probleme“, erklärt Dr. Pedevilla. Verschreiben dürfen die Kinderärzte solche Medikamente nicht, sie überweisen die Kinder und Jugendlichen an Südtirols spezialisierte Zentren. „Wenn ich vor 20 Jahren ein Kind pro Jahr weiterverwiesen habe, dann sind es jetzt fünf im Monat“, sagt Dr. Emanuela Pedevilla. <BR /><BR />Erst nach einem „sehr präzisen Diagnoseprozess“ kommt es dann gegebenenfalls zur Verschreibung. „Für die Betroffenen heißt das häufig, sie können wieder ein gutes Leben führen, wieder soziale Kontakte haben“, weiß Dr. Pedevilla aus ihrer Erfahrung. Sie weiß aber auch: Hinter den ansteigenden Zahlen stecken viele Ursachen. Ein Teil lasse sich mit genetischen und Umweltfaktoren erklären, auch die steigende Aufmerksamkeit für diese Probleme spiele eine Rolle. „Aber es muss auch darum gehen, dass Familien wieder mehr Erziehungs- und Beziehungsarbeit leisten“, sagt sie.