Dr. Herbert Heidegger warnt auch vor einem „vergifteten Klima“, das in Gewalt enden könnte.<BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><b>Können Sie nachvollziehen, dass sich nach wie vor viele im Land nicht impfen lassen wollen?</b><BR />Dr. Herbert Heidegger: Wenn ich sehe, wie belastet unsere Krankenhäuser sind, wie körperlich und moralisch erschöpft viele Pflegende und Ärzte, wenn wir notwendige Operationen nicht durchführen können, Intensivbetten mit ungeimpften Covid-Patienten belegt sind statt mit operierten Patienten mit einer Krebserkrankung, wenn in Italien 1000, in Europa eine Million Brustkrebserkrankungen nicht erkannt wurden, wenn immer mehr Pflegekräfte den Beruf verlassen, weil sie es nicht mehr schaffen, dann fehlt mir jedes Verständnis dafür.<BR /><BR /><b>Worauf führen Sie den Widerstand beim Impfen zurück?</b><BR />Dr. Heidegger: Vorbehalte gegen Impfungen sind nichts Neues. Auch die Pockenimpfung im 18. Jahrhundert wurde von vielen nicht mitgetragen – besonders in Tirol. Menschen, die sich viel über die Pandemie informieren, Wissenschaft und Medizin vertrauen, sind impfbereiter. Viele haben Sicherheitsbedenken. Die muss man ernst nehmen, Vor- und Nachteile offen auf den Tisch legen. Anders ist es bei den Impfverweigerern. Sie halten die Impfung für überflüssig. In ihrer Sicht stellt Covid19 keine Bedrohung dar. Manche möchten mit ihrer Entscheidung, sich nicht impfen zu lassen, ihren Protest gegen Politik und Gesellschaft ausdrücken. Impfen ist eine Gesundheitsentscheidung und kein politisches Statement!<BR /><BR /><embed id="dtext86-51582818_quote" /><BR /><BR /><b>Die Impfgegner argumentieren vielfach damit, dass durch den sanften Impfzwang ihre Freiheit beschnitten werde. Wo endet die Freiheit des Einzelnen, wo beginnt die der Gesellschaft?</b><BR />Dr. Heidegger: Der zentrale Konflikt liegt zwischen der individuellen Entscheidungsfreiheit auf der einen und dem Gemeinwohl auf der anderen Seite, denn die Entscheidung des Einzelnen, sich impfen zu lassen oder nicht, hat Konsequenzen für Dritte. Impfen ist nicht nur Privatsache! Die freie Entscheidung, sich nicht zu impfen, hat Auswirkungen auf uns alle. Moralische Impfpflicht heißt, dass sich jeder verpflichtet fühlen soll, nicht nur sich, sondern auch andere zu schützen. Das gebietet der Grundgedanke der Solidarität in der Gemeinschaft. Freiheit lässt sich nicht leben, ohne Verantwortung für andere zu tragen.<BR /><BR /><b>Schafft man es, Zweifler und Zauderer noch zu erreichen?</b><BR />Dr. Heidegger: Um die Impfbereitschaft zu erhöhen, werden Methoden wie das Nudging diskutiert. Das bedeutet, Menschen nicht mit Vorschriften, sondern auf die „sanfte Tour“ in die richtige Richtung zu weisen. Der Impfbus gehört ebenso dazu wie Impfangebote in Discos oder Schulen. Fakten und Informationen motivieren Unentschlossene und Skeptiker eher zum Impfen als Anreize oder Druck. Entscheidend ist: Vertrauen aufbauen, maßgeschneiderte Infos anbieten, Bedenken erkennen, anerkennen und antworten. <BR /><BR /><b>Und wie steht es um eine mögliche Impfpflicht?</b><BR />Dr. Heidegger: Eine Impfpflicht sehen viele skeptisch. Man weiß, dass die Impfbereitschaft höher ist, wenn die Impfung freiwillig ist. Inzwischen sind zwar fast all jene geimpft, die sich freiwillig impfen lassen wollen und es bleiben fast nur Skeptiker übrig. Bei denen ist die Impfmotivation sowieso nicht vorhanden.<BR /><BR /><embed id="dtext86-51582819_quote" /><BR /><BR /><b>Lässt sich dieser Riss, der selbst durch Freundschaften und Familien geht, kitten?</b><BR />Dr. Heidegger: Corona hat unsere Gesellschaft ganz klar verändert: Soziale Unterschiede wurden sichtbarer, Probleme bestimmter Bevölkerungsgruppen verschärft. Durch die derzeitige Diskussion um die 2G-Regel sehen manche erneut das gesellschaftliche Klima vergiftet. Am Ende kann das in Gewalt ausarten. Befürworter und Gegner stehen sich immer unversöhnlicher gegenüber. Langfristig glaube ich, dass wir wieder zusammenfinden werden. <BR /><BR /><b>Wie stehen denn Sie persönlich zu 2G-Regel und Lockdown light für Ungeimpfte nach österreichischem Vorbild?</b><BR />Dr. Heidegger: Wir müssen mit allen uns gegebenen Mitteln versuchen, diese Welle zu brechen! Ich glaube nicht, dass die 2G-Regel allein die Lösung bringt. Entscheidend sind Impfung und vor allem der Booster. Denn selbst der Status Geimpft ist nicht mehr so eindeutig, wie er vor Wochen war. Die Delta-Variante hat die Karten neu gemischt. <BR /><BR /><b>Alles schreit jetzt nach der Politik, die die Regeln verschärfen soll. Verständlich oder wäre es an der Zeit, dass die Gesellschaft selbst handelt?</b><BR />Dr. Heidegger: In der wissenschaftlichen Welt gibt es zu bestimmten Themen, z.B. zur „G“-Problematik unterschiedliche Meinungen. Die Aufgabe der Wissenschaft und Medizin ist die Beratung der Politik. Die Entscheidungsgewalt und letztlich die Verantwortung liegen aber bei der Politik.<BR /><BR /><BR />