<BR /><BR /><b>Zum zweiten Mal nach 1992 ist die Dialektologie-Fachtagung BÖDT in Südtirol zu Gast, wie groß ist die Bandbreite, der sich die vielen anwesenden Linguisten widmen werden?</b><BR />Birgit Alber: Die Bandbreite der Forschungen, die in den einzelnen Vorträgen vorgestellt werden, ist sehr groß. Die Themen reichen vom Einsatz neuer Methoden wie dem Crowdsourcing zur Datenerhebung über die Verwendung von Large Language Models für die Erstellung von Dialektwörterbüchern bis zur Verwendung des Wortes <i>lai</i> im Südtiroler Sprachraum. Was alle Vorträge gemeinsam haben, ist, dass sie sich mit bairischen Dialekten beschäftigen. Die Südtiroler Dialekte gehören auch zu dieser Dialektgruppe.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1359942_image" /></div> <BR /><BR /><b>Warum überhaupt ist die Thematik rund um Dialekt, Sprachvarietäten und Mehrsprachigkeit für Forscher von Interesse?</b><BR />Es ist interessant, eine einzelne Sprache zu untersuchen, aber noch interessanter ist es, mehrere Sprachen miteinander zu vergleichen. Man kann die Struktur von Sprachen vergleichen, man kann untersuchen, wie sie von den Sprechern in verschiedenen Kontexten verwendet werden oder was sich in unserem Gehirn abspielt, wenn wir mehrere Sprachen sprechen. Alle diese Forschungsansätze bringen uns der Beantwortung der Frage näher, was menschliche Sprache überhaupt ausmacht, jenseits der Besonderheiten, die wir in einzelnen Sprachen beobachten können. Dialekte tragen zu dieser Sprachenvielfalt wesentlich bei.<BR /><BR /><b>Welche aktuellen Erkenntnisse sind hierbei für Südtirols besonders spannend?</b><BR />Alber: Themen, die auf der BÖDT diskutiert werden und die auch für Südtirol wichtig sind, betreffen die Rolle der Dialekte in der Migrationsgesellschaft oder das Verhältnis von Dialekt und Standarddeutsch im schulischen Kontext. Aber auch Vorträge, in denen es um die Laut- Wort- und Satzstruktur der bairischen Dialekte geht, sind wichtig, da sie die Grundlage für präzise Beschreibungen bilden, die dann eventuell in der Vorbereitung pädagogischer Materialien oder auch bei der automatischen Spracherkennung mittels Künstlicher Intelligenz eingesetzt werden können. Für die Südtiroler Dialekte gibt es nur wenige umfassende Beschreibungen dieser Art.<BR /><BR /><b>Inwieweit tragen die Sprachvarietäten in den Südtiroler Tälern zur Ortszugehörigkeit und zur Identifikation bei.</b><BR />Alber: Dialekte sind sehr starke Identitätsmarker. Wenn ich in Südtirol Dialekt spreche, signalisiere ich, dass ich „dazugehöre„. Allerdings gibt es hier auch die Kehrseite der Medaille: wenn ich in einem Kontext Dialekt spreche, in dem Personen meinen Dialekt nicht verstehen, schließe ich diese automatisch aus. Dessen sollten wir uns als Dialektsprecher bewusst sein.<BR /><BR /><b>Was könnt ihr als Sprachforscher im Hinblick auf die weitere Entwicklung des Dialekts denn berichten? Nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass weltweit etwa die Hälfte der gesprochenen Sprachen akut vom Aussterben bedroht sind.</b><BR />Alber: Die Dialekte in Südtirol sind – anders als in anderen deutschsprachigen Regionen – keineswegs vom Aussterben betroffen. Gerade die Jugend trägt zur Vitalität der Südtiroler Dialekte bei, indem sie diese in den sozialen Medien nun auch schreibt. Als Sprachwissenschaftler fasziniert uns dabei unter anderem die Frage, ob diese Dialektverschriftung auch bestimmten unbewussten Regelmäßigkeiten folgt. Die Orthografieregeln der Standardsprache kann man in im Rechtschreibduden nachlesen, aber für die Dialekte gibt es solche Regelwerke natürlich nicht.<BR /><BR /><b>Besonderes Interesse wird an der Sprachgrenze üblicherweise den deutschen Sprachinseln zuteil. Für Sprachwissenschaftler und Dialektforscher ein “Schatz, den es zu erhalten gilt“, oder?</b><BR />Alber: Beim Zimbrischen und Fersentalerischen handelt es sich nicht nur um Sprachen, die es zu erhalten gilt. Sie können uns Sprachwissenschaftlern auch Aufschluss darüber geben, welche Merkmale einer Sprache in dieser besonderen Situation der jahrhundertelangen Isolation aus älteren Sprachstufen erhalten geblieben sind und welche vielleicht durch den langen Kontakt zu den romanischen Sprachen aus diesen übernommen werden. Das Fersentaler Kulturinstitut und das zimbrische Kulturinstitut von Lusérn wie auch das ladinische Kulturinstitut Micurà de Rü werden übrigens auf der Tagung mit Informationstischen vertreten sein.<BR /><BR /><b>Was interessiert Sie aus persönlicher Sicht am meisten am Dialekt und an den Sprachvarietäten?</b><BR />Alber: Ich persönlich finde an Dialekten besonders die strukturellen Aspekte interessant. Wie sieht zum Beispiel die Silbenstruktur von Dialekten aus? Die Südtiroler Dialekte erlauben hier Konsonantenhäufungen, die das Standarddeutsche nicht toleriert, wie im Wort <i>gschprungen</i>. Zu diesen Formen gibt es übrigens ein Poster auf unserer Tagung. <BR /><BR /><b>Zur Veranstaltung:</b><BR /><BR />Die internationale Dialektologietagung (BÖDT) findet mit Dutzenden Sprachforschern vom 16. bis 18. September am Campus Brixen der Freien Universität Bozen statt. Sie besteht seit 1980 und ist heuer zum zweiten Mal nach 1992 in Südtirol zu Gast. Als Organisatoren fungieren Forscher Alexander Glück, Prof.in Birgit Alber sowie Joachim Kokkelmans.