Ulrich Graf Toggenburg (77) hat sich im Ehrenamt große Verdienste erworben. Als Präsident der Sozialgenossenschaft zum Heiligen Vinzenz hat er in jahrzehntelanger Arbeit zwei Altersheime umgesetzt. Nach seinem Rücktritt blickt er auf seine Zeit im Ehrenamt zurück und spricht über Armut in Südtirol und über die Entwicklungen im Land.<BR /><BR /><BR /><BR /><b>Graf Toggenburg, bedeutet Ihr Rücktritt einen Rückzug von allen ehrenamtlichen Tätigkeiten im sozialen Bereich?</b><BR />Ulrich Graf Toggenburg: Nein, ich bin zwar als Präsident der Sozialgenossenschaft zurückgetreten, engagiere mich aber weiterhin im sozialen Bereich. Nach der aufwendigen Renovierung und Sanierung des Altersheims Schloss Moos war der Zeitpunkt für die Übergabe des Vorsitzes der richtige. Die Sozialgenossenschaft wurde 2001 gegründet, und ich war von Beginn an Präsident. 45 Jahre meines Lebens habe ich mich für Altersheime eingesetzt und es als Verpflichtung und Aufgabe empfunden, diese dem heutigen Standard anzupassen. Jetzt ist es an der Zeit, dass Jüngere das übernehmen. Die Verantwortung ist wegen der Bürokratie, der vielen Vorgaben und Gesetze immer größer geworden. Deshalb bin ich ehrlich gesagt morgens beim Aufwachen froh, das Gefühl zu haben: Ich habe keine Verantwortung mehr.<BR /><BR /><BR /><b>Sie haben sich 45 Jahre lang intensiv und sehr exponiert sozial engagiert. Warum?</b><BR />Graf Toggenburg: Das ist mit den Jahren gewachsen. Meine Familie, mein Großvater, meine Eltern waren immer sozial engagiert und wir Kinder haben das in die Wiege gelegt bekommen. Schon im Gymnasium haben wir die Kinder der Optanten in und um Feldkirch betreut. Während meines Uni-Studiums in Österreich habe ich mich beim Malteser Hospitaldienst sozial engagiert. Nach meiner Rückkehr nach Bozen war ich in der Anfangszeit des Weißen Kreuzes dabei. 1967 und 1968 haben mein Bruder und ich uns stark dafür eingesetzt, dass dieser neue Rettungsdienst eine Überlebenschance hatte. Anfangs gab es nur zwei Autos für ganz Südtirol. Auch wenn ich schon lange Mitglied der Vinzenzgemeinschaft war und mich um das Bozner Altersheim „Pro Senectute“ gekümmert habe, ist das soziale Engagement zunehmend intensiver geworden. Vor allem als ich 2003 Präsident der Südtiroler Vinzenzgemeinschaft geworden bin. Gleichzeitig war ich auch Obmann der Sozialgenossenschaft, die ein Teil der Vinzenzgemeinschaft war und gegründet wurde, um ihren Vorstand bei Besitz und Führung von zwei Altersheimen haftungsrechtlich zu schützen. <BR /><BR /><BR /><b>Die Sozialgenossenschaft hat zwei Altersheime aufgebaut.</b><BR />Graf Toggenburg: Das erste Ziel war das Projekt für ein neues Altersheim in Bozen für die deutschsprachigen Bewohner der Stadt zu bauen. Vom Beginn der Idee bis zur endgültigen Verwirklichung hat es 20 Jahre gedauert. Dank vieler Freunde und Unterstützer aus der Politik und Wirtschaft ist es der Vinzenzgemeinschaft und der Sozialgenossenschaft gelungen, ein Heim mitten in der Stadt zu errichten, um den Menschen die Möglichkeit zu geben, in ihrer vertrauten Umgebung zu bleiben. Noch intensiver und schwieriger war die Renovierung, Sanierung und Erweiterung von Schloss Moos. Auch dieses Projekt hat 20 Jahre gedauert. Ohne gutes Durchhaltevermögen und das ungebrochene Vertrauen in die Machbarkeit gäbe es die zwei Heime nicht, deren Zukunft nun gesichert ist. Beide gehören der Stiftung Südtiroler Sparkasse, die der Sozialgenossenschaft das Fruchtgenussrecht eingeräumt und den Führungsauftrag übergeben hat. Die Sozialgenossenschaft betreut beide Heime, steht auf eigenen Füßen und ist nicht mehr Teil der Vinzenzgemeinschaft. <BR /><BR /><BR /><b>Sie waren auch zwölf Jahre lang Präsident der Südtiroler Vinzenzgemeinschaft. Was ist Ihr Bezug zum heiligen Vinzenz?</b><BR />Graf Toggenburg: Die gesamte Arbeit der Vinzenzgemeinschaft ist geprägt von den Gedanken des Heiligen Vinzenz. Seine Hingabe zu den Bedürftigen, die Werte, die er gelebt hat, wenn auch in einer anderen Zeit und in anderer Form. Ich habe versucht, diese Visionen den heutigen Gegebenheiten anzupassen, damit sie weiterleben können.<BR /><BR /><BR /><b>Sie sind für Ihren starken Einsatz für Senioren bekannt. Woher kommt dieser Antrieb?</b><BR />Graf Toggenburg: Ich habe ein inneres Bedürfnis, ein Verantwortungsgefühl und eine Art Respekt für die alten Leute, denn die Generation, die jetzt in den Altersheimen ist, hatte eine unheimlich schwere Zeit. Diese Menschen haben entscheidend dazu beigetragen, dass Südtirol so ist, wie es heute ist. Ich hatte immer das Bedürfnis, den alten Leuten zurückzugeben, was sie sich verdient haben. Sie sollen die letzte Zeit ihres Lebens ohne Sorgen in einer Umgebung verbringen, in der sie gepflegt werden, gutes Essen – wenn möglich einheimisch – bekommen und rundherum versorgt werden. Das Wohl der alten Generation liegt mir sehr am Herzen. Als ich noch ein Bub war, war die Generation meines Vaters schon alt. Vielleicht habe ich dadurch gelernt, mit alten Leuten umzugehen. <BR /><BR /><BR /><b>Wie sehen Sie die Entwicklung der vergangenen 20 Jahre in Südtirol mit Ihrer jahrzehntelangen Erfahrung im sozialen Bereich?</b><BR />Graf Toggenburg: Ich bezeichne die alten Leute, die ein Heim brauchen, als die Obdachlosen der heutigen Zeit. In den Familien spielen sich Tragödien ab, weil viele Leute keinen Heimplatz bekommen. Das ist nicht nur schwer für die Menschen, die dringend einen Platz brauchen, weil es nicht mehr anders geht, sondern auch für ihre Familien, die es nicht mehr schaffen, sie zu Hause zu betreuen. Es gibt nach wie vor zu wenig Betten. Da hat sich also nicht sehr viel verbessert. Das Altersheim der Vinzenzgemeinschaft in der Carduccistraße hatte nicht genügend Betten. Deshalb entstand das Heim in der Kapuzinergasse mit dreimal so vielen Plätzen. Dennoch sind wir heute in der gleichen Lage wie zuvor. Was sich geändert hat, ist die Qualität der Häuser, die heutzutage wirklich gut ausgerüstet sind. Das sind fast Hotels. Aber an der Problematik hat sich nichts geändert. In Bozen ist die Situation dramatisch. Ich kenne sehr viele Familien und ihre Nöte und sehe, was sich da abspielt. Als Obmann ging es mir immer darum, die gesamte Situation im Blick zu haben – nicht nur die Pflegebedürftigkeit einer Person, sondern auch ihr soziales Umfeld.<BR /><BR /><BR /><b>Die Situation in Bozen bezeichnen Sie als „dramatisch“. Wie lang ist die Warteliste für das Heim in der Kapuzinergasse?</b><BR />Graf Toggenburg: Die Warteliste ist wirklich lang und geht weit über die 62 Betten, die wir anbieten, hinaus. Wobei auf der Liste Personen sind, die sich zusätzlich in anderen Heimen eingetragen haben. Deshalb finde ich es gut, dass das Land eine einheitliche Warteliste für ganz Südtirol plant. Dadurch hat man den Überblick, wer wo angemeldet ist. Alles wird ein wenig objektiver. Was uns betrifft: Das Vinzenzhaus, eigentlich das Seniorenheim der Stiftung Südtiroler Sparkasse, ist eine private Struktur, die einzige in Bozen ohne Konvention mit der Gemeinde. Dies war eine bewusste Entscheidung. Dadurch haben wir eine eigene Warteliste und können mit viel Verantwortung entscheiden, wer es am notwendigsten hat, auch um ein gewisses Gleichgewicht im Heim zu halten, damit das Personal nicht ständig überfordert wird. <BR /><BR /><BR /><b>Aus Ihrer langjährigen Erfahrung im Ehrenamt heraus: Welche gesellschaftlichen Entwicklungen oder Veränderungen in Südtirol beobachten Sie?</b><BR />Graf Toggenburg: Die Entwicklung verläuft eher negativ. Die Mittelschicht rückt zunehmend mehr in Richtung Armutsgrenze. Früher gab es die Mindestverdiener, die Schwierigkeiten hatten, jetzt ist auch die Mittelschicht unter Druck. Die Lage ist nicht dramatisch, aber die Tendenz ist klar. Dadurch wird auch die Hilfestellung bedeutend schwieriger. Bei der Vinzenzgemeinschaft hat man früher versucht, mit Geld- oder Sachspenden zu helfen. Das hat sich völlig verändert. Geld ist nicht mehr unbedingt das erste Heilmittel. Mittlerweile geht es oft darum, für Hilfsbedürftige eine Wohnung, eine Unterkunft zu finden oder eine Arbeit zu suchen.<BR /><BR /><BR /><b>Die Armut in Südtirol hat sich verändert?</b><BR />Graf Toggenburg: Ja, weil sich die Bevölkerungsstruktur verändert hat. Viele Menschen aus dem Ausland leben und arbeiten jetzt hier und können davon oft nicht leben. Früher gab es viele Einheimische, die arm waren und von der Vinzenzgemeinschaft unterstützt wurden. Sie zu finden, war stets schwierig, weil sie sich geschämt haben. Durch die Vernetzung der örtlichen Konferenzen mit den Pfarreien oder den Dorfläden war es bedeutend leichter, versteckte Armut zu finden. Natürlich gibt es auch heute noch arme Einheimische, aber das hat sich verlagert. Heute versteckte Armut zu finden, ist noch schwieriger, weil im Supermarkt keiner mehr über eigene Probleme redet und die Pfarrer oder Seelsorger, die ihre Schäfchen tatsächlich gut kennen, sind selten geworden. <BR /><BR /><BR /><b>Wie sieht Hilfe aus, die die Vinzenzgemeinschaft leistet?</b><BR />Graf Toggenburg: Diese Frage kann ich nur schwer beantworten, da ich nicht mehr dort tätig bin. Ich glaube aber, dass es eine große Herausforderung ist, in der heutigen Zeit die richtige Form der Hilfestellung zu finden. Es wird im sozialen Bereich sehr viel verschiedene Unterstützung angeboten – dennoch fallen einige durch den Rost. Daher ist es wichtig, dass die Vinzenzgemeinschaft ihren eigenen Weg, ihren „Südtiroler Weg“, findet und sich dadurch als etwas Besonderes erweist.<BR /><BR /><BR /><b>Wo sind Sie noch ehrenamtlich aktiv?</b><BR /><BR /><BR />Graf Toggenburg: Ich bin in den beiden Altersheimen tätig und froh, wenn ich da und dort noch helfen kann. Ich bin dankbar, dass sich meine Kinder auch sehr sozial einsetzen. Das freut mich, weil das Ehrenamt heutzutage fast ein aussterbender Beruf ist.<BR />Engagieren sich heute weniger Menschen ehrenamtlich?<BR />Graf Toggenburg: Das würde ich schon sagen. Heute machen viele nur etwas, wenn es auch Geld dafür gibt. <BR /><BR /><BR /><b>Was hat das Ehrenamt Ihnen gegeben?</b><BR />Graf Toggenburg: Sehr viele positive Erinnerungen, schöne und bewegende Momente mit den Menschen in den Heimen – auch heute noch. Es gibt auch immer wieder lustige Momente, etwa wenn wir im Altersheim feiern und die alten Leute strahlen, weil sie wieder einmal tanzen. Wenn die Menschen in den Heimen durch die Betreuung einen schönen Lebensabend haben, sind das die Momente, die mir Kraft geben.<BR /><BR /><BR /><b>Ist Ihnen ein Erlebnis besonders in Erinnerung geblieben?</b><BR />Graf Toggenburg: Ich erinnere mich sehr gut an eine Frau, die über ein Jahrzehnt im Heim lebte und der es dann gesundheitlich schlecht ging. Zu der Zeit stand ich vor einer dreiwöchigen Reise nach Afrika. Als ich ihr davon erzählt habe, sagte sie zu mir: „Dann werden wir uns wohl nicht mehr sehen.“ Bei meiner Rückkehr lag sie seit einigen Tagen im Sterben. Ich bin dann zu ihr gegangen, habe sie begrüßt, so wie ich es immer mache, und bin bei ihr geblieben. Eine Stunde später ist sie gestorben. Es mag vielleicht Zufall sein, aber so ganz glaube ich es nicht. Sie hat mich wirklich sehr gern gehabt und ich glaube, sie hat auf mich gewartet. Deshalb habe ich zu den Mitarbeitern und den Führungskräften immer gesagt: Das Wichtigste ist die Liebe zu diesen alten Menschen. Wenn man sie mit Liebe behandelt und respektiert, dann geht's ihnen gut.<BR /><BR /><BR /><b>Wie stellen Sie sich Ihren eigenen Lebensabend vor, sollten Sie einmal nicht mehr selbstständig leben können?</b><BR />Graf Toggenburg: Zu meinen Kindern sage ich immer: Wenn ihr merkt, ich schaffe es zu Hause nicht mehr oder ihr schafft es nicht mehr, dann bringt mich in ein Altersheim. Ich möchte nicht, dass sie mich pflegen, auch wenn ich weiß, dass sie es machen würden. Vielleicht finde ich einen Platz in einem der beiden Heime.<BR /><BR /><h3> Zur Person</h3>Ulrich Graf Toggenburg wurde 1948 in Bozen geboren. Er besuchte dort die Volksschule und die Franziskanerschule. Am Jesuiten-Kolleg Stella Matutina in Feldkirch schloss er 1968 die Oberschule mit der Matura ab. Anschließend begann er ein Medizinstudium in Innsbruck, wechselte später jedoch an die Universität für Bodenkultur in Wien. Im Jahr 1979 kehrte Graf Toggenburg nach Bozen zurück und übernahm den familieneigenen Landwirtschaftsbetrieb. Dazu gehören rund 30 Hektar Obstwiesen in Südtirol sowie ein 22 Hektar großes Anwesen für Wein- und Olivenanbau in der Toskana. Aus der 1976 geschlossenen Ehe mit Pia Gräfin Enzenberg gingen drei Kinder hervor: Eberhard, Annette und Dèsirèe. Graf Toggenburg war sozial stets sehr engagiert, insbesondere in der Südtiroler Vinzenzgemeinschaft, deren Präsident er von 2003 bis 2015 war.