Es ist nicht unüblich, dass sich Menschen nach ihrer Pensionierung eine neue Herausforderung suchen. Seine Herausforderung dürfte aber doch ziemlich einzigartig sein: Der ehemalige Direktor des Hoteliers- und Gastwirteverbandes (HGV), Hansjörg Dariz (65), ging nach seiner Pensionierung in die USA, um dort eine Ausbildung zum Flugzeug-Kapitän zu machen. Mit 60 Jahren flog der gebürtige Algunder seinen ersten Passagierflug als Kapitän. <BR /><BR />Mittlerweile fliegt er nur noch privat, hat dafür aber andere Hobbys entdeckt. Was die amerikanische Gesellschaft anbelangt, so meint Dariz, habe sich Resignation breitgemacht. Jeder lebe in seiner Blase und rede nicht mehr mit Andersdenkenden.<BR /><BR /><BR /><b>STOL: Herr Dariz, viele Menschen beginnen nach ihrer Pensionierung zu reisen oder zu wandern, Sie hingegen wurden Pilot. Wie kommt man dazu?</b><BR />Hansjörg Dariz: Nach meiner Pensionierung beim HGV dachte ich mir, dass ich künftig eigentlich als Fluglehrer tätig sein könnte. Also ging ich im Jahr 2013 nach Kalifornien, um die Instrumentenberechtigung für ein- und zweimotorige Flugzeuge zu machen. Im Dezember 2015 hat sich dann ein bekannter Fluglehrer einer kalifornischen Flugschule bei mir gemeldet, um mir mitzuteilen, dass sie dringend Piloten bräuchten. Ich dachte zuerst, das sei ein Witz, denn wer wird denn einen 60-Jährigen, der ich zu diesem Zeitpunkt war, noch zum Piloten ausbilden, wissend, dass man mit 65 Jahren das Linienfliegen per Gesetz lassen muss. Aber der Fluglehrer meinte es ernst. Ich saß dann bei der Ausbildung mit meinen 60 Jahren in einer Klasse, in der der Altersdurchschnitt bei 25 Jahren lag. Ich war also der Opa in der Klasse. Aber mit 60 Jahren habe ich dann das Linienfliegen begonnen.<BR /><BR /><BR /><b>STOL: Wie war Ihr erster Flug?</b><BR />Dariz: Mein erster Flug ging von Houston nach New York und ich muss sagen, es war ein Wahnsinnsgefühl.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-52021584_quote" /><BR /><BR /><BR /><BR /><b>STOL: Bei unserem letzten Gespräch vor einem Jahr, es war kurz vor den US-Präsidentschaftswahlen, prognostizierten Sie einen knappen Sieg von Joe Biden. So war es dann auch.</b><BR />Dariz: Ja, das hatte sich abgezeichnet damals, und ich muss sagen, dass ich froh bin, dass ich recht behalten habe. <BR /><BR /><BR /><b>STOL: Seit Donald Trump US-Präsident war, ging ein Riss durch die amerikanische Gesellschaft, sagten Sie damals. Sogar Familien seien zerstritten und gespalten in Trump-Fans und Demokraten-Fans. Nun ist Joe Biden seit einem Jahr US-Präsident: Wie ist die Situation heute?</b><BR />Dariz: Es ist leider nicht besser geworden, da sich ja die Leute an sich und deren Einstellung nicht geändert haben. Und mit der Corona-Pandemie hat sich diese Spaltung in der Gesellschaft sogar noch einmal verschärft. Auf der einen Seite sind die Trump-Fans, die großteils gegen die Corona-Impfung sind und auf der anderen Seite die Demokraten. Beide stehen sich unversöhnlich gegenüber. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="717305_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><BR /><b>STOL: Donald Trump hat also immer noch seine Anhänger?</b><BR />Dariz: Allerdings, und sie sind nicht weniger geworden, ganz im Gegenteil. Trumps Anhänger sind nach wie vor felsenfest davon überzeugt, dass die US-Wahl im Vorjahr von den Demokraten gekauft wurde, dass sie gefälscht war. Diese Verschwörungstheorien kursieren noch immer. Auf der anderen Seite muss man sagen, dass die Demokraten ein zusammengewürfelter Haufen sind, die sich schwertun, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Das war schon immer so. Man sieht das gerade an den großen Gesetzesvorhaben von US-Präsident Biden: Auf der einen Seite der Infrastrukturplan und auf der anderen Seite sein Sozialprogramm. Beides ist nicht umgesetzt, da sich die Linken innerhalb der Demokraten und die gemäßigten Demokraten nicht einig werden. Das verärgert die Bürger, was sich natürlich in den Umfragen widerspiegelt.<BR /><BR /><BR /><b>STOL: Was schauen die aktuellen Umfragen denn aus?</b><BR />Dariz: Wenn jetzt gewählt werden würde, dann würde Donald Trump laut einer Umfrage der „Washington Post“ die Wahl mit einem Vorsprung von 4 Prozent gewinnen. <BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-52021585_quote" /><BR /><BR /><BR /><BR /><b>STOL: Schauen wir 3 Jahre in die Zukunft: Wäre es wirklich möglich, dass Donald Trump 2024 wieder zum US-Präsidenten gewählt wird?</b><BR />Dariz: Ich schließe es nicht aus. Das ist ein Wahnsinn, ich weiß, aber ich habe das Gefühl, dass sich die Menschen mittlerweile in ihre eigene Blase verkriechen und das ist dann eben das Ergebnis. <BR /><BR /><BR /><b>STOL: Inwiefern?</b><BR />Dariz: Unter Trump kam es zu einer Spaltung in der Gesellschaft und durch Corona hat sich das noch verstärkt. Mittlerweile ist es so, dass viele Menschen keine Lust mehr haben mit Andersdenkenden zu diskutieren, weil sie sich denken: Das hat eh keinen Sinn. Jeder lebt in seiner eigenen Blase. Mir geht es ja genauso, andererseits ist es aber gefährlich für eine Gesellschaft, wenn kein Dialog mehr stattfindet. Das verstärkt eine Spaltung noch zusätzlich. Ehrlich gesagt, ich bin nicht sehr optimistisch, was die Entwicklung der Gesellschaft in den USA anbelangt. <BR /><BR /><BR /><b>STOL: Verfolgen Sie von der Ferne noch das Geschehen in Südtirol?</b><BR />Dariz: Auf jeden Fall.<BR /><BR /><BR /><b>STOL: Und was sagen Sie als jemand, der den Blick von außen hat?</b><BR />Dariz: Ich bin erstaunt, dass die Impfgegner so zahlreich sind. Aber es ist ja so, dass die Tiroler bzw. all jene Personen, die in den Alpen wohnen, scheinbar schon immer ihre Probleme mit dem Impfen hatten. Und das setzt sich jetzt fort. Warum wir Tiroler so stur sind, was das Impfen anbelangt, kann ich nicht sagen, das ist mir ein Rätsel. <BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-52021586_quote" /><BR /><BR /><BR /><BR /><b>STOL: Apropos Impfen: Die USA haben relativ früh mit den Corona-Schutzimpfungen begonnen, Präsident Biden hat für Juli 2021 einen sogenannten Freedom-Day ausgerufen. Mittlerweile schaut die Situation nicht mehr so rosig aus. Was hat die anfangs erfolgreiche Impfkampagne so eingebremst?</b><BR />Dariz: Anfangs wurde wirklich geimpft auf Teufel komm raus, es wurden täglich bis zu 4 Millionen Bürger geimpft. Dann aber sind die „No Vax“ auf den Plan getreten und das Ende der Fahnenstange war erreicht. <BR /><BR /><BR /><b>STOL: Wie ist die Corona-Situation in den USA im Moment?</b><BR />Dariz: Die Zahl der Infektionen ist in den vergangenen Tagen um 40 Prozent nach oben geklettert, es gibt in den USA bis zu 150.000 Neuinfektionen und bis zu 1500 Corona-Tote pro Tag – insgesamt sind bislang über 800.000 Corona-Todesopfer zu beklagen.<BR /><BR /><BR /><b>STOL: Gibt es nun wieder strengere Einschränkungen?</b><BR />Dariz: Nein, überhaupt nicht. In der Öffentlichkeit und in den Medien spielt Corona in den USA kaum noch eine Rolle, das wird nur mehr so nebenher erwähnt. Und was die Bürger anbelangt: Manche setzen einen Mundschutz auf, manche eben nicht. Jeder tut mehr oder weniger das, was er meint. Da finde ich es ehrlich gesagt schon deutlich vernünftiger, was in Südtirol praktiziert wird, mit Green Pass und 2G. In den USA verlässt sich die Politik auf die Vernunft der Bürger, aber man sieht, wohin das führt. <BR /><BR /><BR /><b>STOL: Herr Dariz, Sie haben mit 60 Jahren begonnen Passagierflugzeuge zu fliegen. Sie werden im Frühjahr 66 Jahre alt. Fliegen Sie immer noch?</b><BR />Dariz: Privat schon, aber Linie fliege ich nicht mehr, das geht nur bis man 65 Jahre alt ist. Ich habe mir eine 50 Jahre alte Cessna gekauft und fliege mit dieser. Ansonsten beschäftige ich mich mit Sonnenuhren, das ist mein neuestes Hobby. Das ist faszinierend.<BR /><BR /><BR /><b>STOL: Sie leben nun seit 7 Jahren in den USA. Schließen Sie aus, dass Sie Ihren Lebensmittelpunkt irgendwann wieder nach Südtirol verlegen werden?</b><BR />Dariz: Ich schließe gar nichts aus. Mein ganzes Leben war immer durchgeplant, das wollte ich nicht mehr. Ich denke mir, jetzt soll es so laufen, wie es läuft. Ich lasse mich ziehen und mache keine großen Pläne. <BR /><BR />