<BR /><BR /><b>Herr Prof. Mangott, Putin sei „für einen etwaigen Krieg mit Europa bereit“ – wie interpretieren Sie die Aussage des Kreml-Chefs? <BR /></b>Univ.-Prof. Dr. Gerhard Mangott: Putin spielt mit der Idee des Krieges, um zwei Zielgruppen zu erreichen. Auf der einen Seite will er das Engagement der europäischen Bevölkerung für die Ukraine schwächen, auf der anderen Seite sein eigenes russisches Volk glauben lassen, der Westen wolle Russland zerstören. Gleichzeitig rechtfertigt diese doppelte Botschaft in Russland die Fortführung des Krieges mit der Ukraine. <BR /><BR /><embed id="dtext86-72542430_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Ist diese Rechtfertigung deshalb notwendig, weil die Russen kriegsmüde geworden sind? <BR /></b>Prof. Mangott: Die Kriegsmüdigkeit ist in Russland zweifellos gewachsen. So viele wie noch nie sind für eine Verhandlungslösung und so wenige wie noch nie für die Weiterführung des Krieges. <BR /><BR /><BR /><b>Wie konkret ist die Gefahr, dass Russland Europa angreift? <BR /></b>Prof. Mangott: Ich halte es nicht für wahrscheinlich, dass Russland ein NATO-Land angreift. Dafür fehlen die Fähigkeiten, diese könnten aber in fünf oder sechs Jahren vorhanden sein. Nur aufgrund der gesteigerten Fähigkeiten den Schluss zu ziehen, dass ein Krieg beginnen wird, ist jedoch falsch. Allerdings glaube ich, dass die NATO angesichts der Möglichkeit, dass Russland doch angreift, daran arbeiten muss, die Streitkräfte aufzubauen und zu organisieren und die eigene Verteidigungsfähigkeit zu verbessern. Ich bin nicht einer von denen, die sagen: ,Russland wird nicht angreifen, also brauchen wir auch nicht rüsten. '<BR /><BR /><BR /><b>Apropos Streitkräfte: Was halten Sie von Wehrdienst bzw. -pflicht, die nun in vielen EU-Ländern wieder Thema sind? <BR /></b>Prof. Mangott: Der Punkt ist: Abschreckungs- und verteidigungsfähige Streitkräfte brauchen Personal. Und zwar nicht nur Freiwillige. Es ist darum nachvollziehbar, dass einige Staaten Rückgriffmöglichkeiten für die Armee schaffen. Gering ist aber auch die Wehrbereitschaft in der männlichen Bevölkerung in Europa. Es ist dies die geistige Landesverteidigung – die Bereitschaft, sich mit Waffen zu verteidigen. <BR /><BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-72542439_quote" /><BR /><BR /><b>Heißt das konkret, mit einer Schusswaffe umgehen zu können? <BR /></b> Prof. Mangott: Mit einer Waffe umgehen zu können, aber auch kämpfen zu wollen. Die Wehrbereitschaft liegt bei der männlichen Bevölkerung bei zehn Prozent. Das ist sehr niedrig. <BR /><BR /><b>Die Bereitschaft, Gewalt anzuwenden, steht aber im Widerspruch mit Werten und Grundsätzen westlicher Gesellschaften. <BR /></b>Prof. Mangott: Sicherheitspolitik muss sich auf Eventualitäten vorbereiten. Selbst wenn die Wahrscheinlichkeit eines Krieges sehr niedrig ist, muss die Politik das Land darauf vorbereiten. Und dafür muss man immer die Personalfrage lösen. Die mangelnde Wehrbereitschaft ist ein Thema, das in den europäischen Staaten angegangen werden muss. Ich urteile nicht, wenn ich von mangelnder Wehrbereitschaft spreche. Ich konstatiere lediglich den Umstand – und damit lässt sich eine schlagkräftige Armee nicht aufbauen. <BR /><BR /><b>Abseits vom Personal – wie steht es mit den europäischen NATO-Armeen? <BR /></b>Prof. Mangott: Sie haben Fähigkeitslücken in verschiedenen Bereichen. Es gibt vieles zu verbessern und zu reformieren. Bestimmte Waffensysteme stehen gar nicht zur Verfügung, einige davon baut jedes Land selbst. <BR /><BR /><BR /><b>Es ist jetzt schon von einem Krieg zwischen Europa und Russland in verschiedenen Bereichen die Rede. Würden Sie von Krieg sprechen?</b><BR />Prof. Mangott: Es ist zweifellos schon ein hybrider Krieg, im Graubereich zwischen Frieden und tatsächlichem Krieg, mit Sabotageakten, Informationsmanipulation usw. Das zu dementieren, wäre realitätsfern. <BR /><BR /><b>Wird die öffentliche Meinung in Europa auch zum Schlachtfeld dieses Krieges? <BR /></b>Prof. Mangott: Es wird viel Propaganda betrieben, sowohl von russischer als auch von ukrainischer Seite, vor allem in den sozialen Netzwerken. Man versucht, die Meinung der Bevölkerung in eine gewisse Richtung zu lenken. Russland hat das Interesse, europäische Staaten zu destabilisieren – auch mit der Unterstützung bestimmter Parteien und durch die Manipulation von Medien.