Dienstag, 22. Dezember 2020

„Innehalten, statt zurück und wieder Vollgas“

Bischof Ivo Muser über die Rolle der Kirche im Corona-Jahr und warum Weihnachten 2020 die Chance auf etwas Besonderes hat.

„Ich möchte nur eines nicht: Dass man einfach sagt, schnell zurück zu dem wie es war. Nein. Damit ist es nicht getan. Dann wäre das eigentlich ein verlorenes Jahr“, sagt Bischof Ivo Muser im Weihnachts-Interview. - Foto: © ANDREAS KEMENATER
Bozen. Corona wirbelt auch Weihnachten durcheinander. Aber ist das wirklich so? Für Bischof Ivo Muser birgt Weihnachten 2020 die Chance, sich wieder auf das Wesentliche zu besinnen. Und auch wenn das Corona-Jahr viele Entbehrungen, viel Schmerz und Leid gebracht hat, gebe es die Hoffnung, dass es einen Sinn hat, egal wie es ausgeht. „Ich möchte nur eines nicht: Dass man einfach sagt, schnell zurück zu dem wie es war“, sagt Bischof Muser. „Dann wäre es eigentlich ein verlorenes Jahr.“

Interview: Michael Eschgfäller

Herr Bischof, haben wir heuer coronabedingt wirklich ein anderes Weihnachten?
Bischof Ivo Muser: Die äußeren Umstände sind natürlich anders. Für viele wird das wegfallen, was sie an Weihnachten gewohnt sind. Aber die Botschaft von Weihnachten kommt besonders in diesem Jahr in besonderer Weise. Es ist ein Gott, der seinen Himmel verlässt, der Mensch wird, dem nichts Menschliches fremd ist. Er kommt nicht bewaffnet, sondern ohnmächtig, schutzbedürftig. Und diese Botschaft, das ist die Grundbotschaft von Weihnachten, Weihnachten ist wirklich das menschlichste aller unserer Feste. Ich trau mich sogar zu sagen, das was wir zu Weihnachten feiern, gibt es in keiner anderen Religion. Gott der Mensch wird. Und das ist in diesem Jahr noch einmal unterstrichen, durch die vielen eigenartigen, schmerzlichen, leidvollen, unbewohnten Erfahrungen dieses Jahres. Ich würde schon sagen, Weihnachten kann heuer sogar existenzieller werden. Und das ist oft so: Wenn Äußeres wegfällt, kommt der Kern mehr zum Durchbruch. Das ist meine Hoffnung. Und in diesem Sinn würde ich sagen, hat Weihnachten in diesem Jahr die Kraft, authentischer zu sein, einfacher, bescheidener und vielleicht dem ersten Weihnachten näher.

Wie sehr bringt das Virus denn Ihren Weihnachtskalender durcheinander?
Bischof Muser: Schon sehr. Zum Beispiel sind viele Begegnungen in der Vorweihnachtszeit heuer in diesem Sinn nicht möglich gewesen. Ich denke da etwa an den Besuch im Gefängnis. Besonders vermisst habe ich meinen jährlichen Besuch im Palliativzentrum bei den Langzeitkranken und den Sterbenden. Ganz bewusst haben wir das nicht ausfallen lassen, sondern verschoben. Die vielen Kontakte in Alters- und Seniorenheimen, in sozialen Strukturen – das alles war eingeschränkt. Ich merke in der Reaktion der Menschen: Erst wenn etwas ausfällt, beginnt man es oft richtig zu schätzen. Es geht ja schließlich nicht nur um das Absolvieren eines Termins. Oft muss man die Erfahrung machen, etwas nicht mehr zu haben, um es in seiner ganzen Bedeutung neu zu schätzen. Persönlich vermisse ich das Händeschütteln. Nicht nur als äußeren Ritus, sondern ich möchte auf die Menschen zugehen, sie grüßen. Das ist alles nicht mehr möglich.

In ihrem Weihnachtsbrief fordern Sie die Südtiroler auf, Gelassenheit und Lebensfreude zu verbreiten. Angesichts drohenden Jobverlusts oder Konkurses fällt das halt vielen schwer. Was sagen Sie diesen Menschen?
Bischof Muser: Ja, das fällt nicht leicht. Was ich bemerkt habe, ist, dass Menschen Angst haben. Und dass Ängste geschürt werden. Das hilft nicht weiter. Realismus schon, aber Panikmache, Rebellion, das Virus leugnen, das alles hilft nicht. Mir hat auch nie der Satz „Alles wird gut“ gefallen. Das stimmt so nicht. Das ist mir zu oberflächlich. Innehalten und vielleicht auch entdecken, auf allen Ebenen, ist das was wirklich zählt. Letzthin hieß es oft „wir müssen Weihnachten retten“ – natürlich unter auch unter dem Gesichtspunkt Konsum. Nein, wir müssen nicht Weihnachten retten. Wenn schon, rettet uns diese Botschaft. Die wichtigste Aufgabe der Kirche in dieser schwierigen Zeit, die uns alle zu Betroffenen macht, den einen mehr, den anderen weniger, ist tatsächlich diese Hoffnung. Václav Havel, Tschechiens erster Präsident, sagte einmal: „Hoffnung ist nicht einfach Optimismus. Hoffnung ist nicht Überzeugung, dass etwas gut ausgeht. Hoffnung ist die Gewissheit, dass etwas Sinn macht, egal wie es ausgeht.“ Das ist letztendlich die christliche Hoffnung. Natürlich muss man ehrlich sagen, christliche Hoffnung ist nur möglich, wenn man nicht nur im Jetzt stehen bleibt, sondern es ist eine Hoffnung über die Welt hinaus. Man soll diese Erfahrung nicht schönreden. Ich bin sehr vielen Menschen begegnet, die sehr unter diesen Erfahrungen zu leiden haben. Was allein auf die Familien zugekommen ist. Oder für die Kinder und Jugendlichen: So lange keine Schule. Oder an die Altersheime. Sehr schmerzlich war, dass viele die Kranken oder die Beerdigung nicht zu halten. Aber in all dem eine wichtige Lektion. Wichtig wäre: Innehalten, reflektieren und nicht meinen, zurück zu allem und wieder Vollgas.

Nicht nur die Wirtschaft hat Corona in eine tiefe Krise gestürzt. Durch das Virus haben sich auch die Kirchenbänke noch mehr geleert. Wie sehr schmerzt das?
Bischof Muser: Das war ein gewaltiger Einbruch. So etwas hat es in der Kirchengeschichte noch nie gegeben. Epidemien hat es immer gegeben, auch dass man eine Stadt oder einen Landstrich abgeriegelt hat in der Pestzeit. Wir haben das größte Fest des Jahres, die Karwoche und Ostern hinter verschlossenen Türen gefeiert. Das sind Dinge, die sehr einprägsam sind. Was wichtig ist, dass wir neu entdeckt haben, dass Kirche nicht nur die Liturgie ist, so wichtig sie auch ist. Kirche muss auch erfahrbar sein im Respekt, in der Solidarität, in der Mitmenschlichkeit. Und auch da ist wieder viel Gutes geschehen. Aber wir sind alle zu Betroffenen geworden. Ich glaube auch als Kirche ist die Herausforderung da, authetischer zu werden. Auch da muss man sich noch einmal neu positionieren. Das ist gar keine Frage. Vielleicht haben viele das zum Anlass genommen, nicht mehr hinzugehen, sich einfach daran zu gewöhnen.

Auch an den Altären und in den Klöstern hat das Virus zahlreiche Opfer gefordert. In jeder Krise besteht bekanntlich auch eine Chance. Können Sie sich vorstellen, dass die Kirche künftig Frau mit neuen Aufgaben in der Glaubensgemeinschaft betraut?
Bischof Muser: Diese Frage beschäftigt uns alle. Das darf aber nichts mit einer Frage der Würde zu tun haben. Das wäre sonst eine klerikale Haltung, die schlimm wäre. Frauen tun in der Kirche nicht weniger als Männer. Meine Mutter hat mir und meinen beiden Brüdern die ersten Gebete beigebracht, nicht der Pfarrer. Man muss sagen, ohne Frauen läuft in unseren Pfarrgemeinden nichts. Auf allen Ebenen, im Pfarrgemeinderart oder in anderen Gremien. Der weitaus größere Teil an Gottesdienstleiterinnen sind Frauen.

Viele bemängeln ganz offen, dass in der ganzen Zeit der Pandemie von der Kirche herzlich wenig zu hören war. Können Sie diesen Vorwurf verstehen?
Bischof Muser: Ich habe aber auch das Gegenteil erfahren. Im Bozner Dom haben z.B. an den Werktagen viele hundert Menschen die Messe mitgefeiert. Die Einschaltquoten bei den Gottesdiensten, die übertragen wurden, sind förmlich explodiert. Und nie, seit ich Bischof bin, haben so viele Leute mir geschrieben, mit mir telefoniert. Dasselbe höre ich von den Pfarrern. Unter eingeschränkten Bedingungen haben wir ganz viele Menschen erreicht. Natürlich sind auch viele weggebrochen. Und auch bei den Gottesdiensten, die wir jetzt wieder feiern können, sind auch viel, viel weniger Leute. Aber die die da sind, sind mit einer großen Bereitschaft – ohne etwas zu beschönigen. Da braucht es glaube ich auch eine Aufbauarbeit.

War die Kirche mit der Situation überfordert?
Bischof Muser: Corona hat uns alle überrumpelt, alle überfordert. Aber es gab auch Zeichen der Verbundenheit, der Nähe. Ich habe mir oft die Frage gestellt, was wäre, wenn es das alles nicht mehr geben würde, Ostern nicht mehr, Allerheiligen nicht mehr, die Erstkommunion nicht mehr – erst dann entdecken wir plötzlich, was da alles auf dem Spiel steht. Und das alles ist Kirche. Aber vielleicht war es auch die Zeit, in der die Menschen besonders herausgefordert waren. Nichts war mehr selbstverständlich. Es hat noch nie so viele Gottesdienstübertragungen und kirchliche Sendungen gegeben wie in diesem Jahr. Da merkt man, dass die Menschen offenbar ein Bedürfnis danach haben.

692 Menschen sind in Südtirol nachweislich am oder mit dem Virus gestorben. Deren Angehörige konnten vielfach nicht einmal von ihren Lieben Abschied nehmen. Würde es Sie wundern, wenn viele dieser Menschen ihren Glauben verlieren würden?
Bischof Muser: Eine Krise wie die jetzige geht an die Substanz. Auch an jene des Glaubens. Glaube ist nicht nur Dank und Freude, sondern genauso das Klagen, das Schreien, das Weinen, das mit Gott hadern. Und auch unter dieser Rücksicht kann Glaube auch in einer Krise authentischer werden. Unser Beten soll nicht zu brav sein. Beten heißt, jede Lebenslage vor Gott zur Sprache bringen, mit all dem was das Leben ausmacht. Und in diesem Jahr hat der Zweifel, das Ringen, das Klagen, das Schreien, das Weinen, das Nichtverstehen einen ganz besonderen Platz. Aber das ist genauso Glaube. Insofern habe ich für solche Haltungen nicht nur Verständnis, sondern großen Respekt. Ich würde diesen Menschen aber auch sagen, schließt euch nicht in eurem eigenen Zweifel ein. Konfrontiert euch mit anderen. Da hilft oft das Gespräch. Deswegen wäre so wichtig, über den Glauben reden. Alleine kann man nicht glauben. Wir brauchen die Anderen, die uns helfen und stützen. Glauben ist nicht etwas neben dem richtigen Leben, sondern Glaube ist das Leben. Der Zweifel ist ein Bruder des Glaubens.

Sie sagen „Unser Impfstoff heißt Solidarität“: Wie groß sehen Sie die Solidarität im Land?
Bischof Muser: Eine Krise bringt immer das Beste und das Schlechteste aus dem Menschen hervor. Eine Krise allein macht uns nicht besser und nicht schlechter. Ich sehe viele, viele Formen von Solidarität, von Anteilnahme, von Mitmenschlichkeit. Es macht Eindruck. Und es hat auch neue Formen von Mitmenschlichkeit ausgelöst. Ich bin immer noch davon überzeugt, dass Solidarität bei uns einen hohen Stellenwert hat.

Einige fürchten um den sozialen Frieden im Land. Wie sehen Sie der Zukunft entgegen?
Bischof Muser: Entscheidend ist, dass wir dem Sozialen, dem Mitmenschlichen einen großen Stellenwert geben. Nie gefallen hat mir, auch wenn ich es versteh, der Ausdruck „das ist systemrelevant“. Da frage ich mich, von welchem System wir reden. Man darf das nicht auf Gesundheit und Effizienz beschränken. Systemrelevanz ist auch die Mitmenschlichkeit. Das hilft uns. Ein Händedruck z.B. ist in höchstem Maße systemrelevant in allem was er beinhaltet. Es geht eben nicht darum, Weihnachten zu retten unter einem bestimmten Aspekt, sondern die Botschaft von Weihnachten ist nichts anderes als: Wenn Gott Mensch wird, gibt es nur eine Antwort: Dass wir Mitmenschen werden.

Ihr Weihnachtswunsch für die Südtiroler?
Bischof Muser: Ich möchte nur eines nicht: Dass man einfach sagt, schnell zurück zu dem wie es war. Nein. Damit ist es nicht getan. Dann wäre das eigentlich ein verlorenes Jahr. Unlängst hat jemand zu mir gesagt: Dieses Jahr 2020 möchte ich aus meinem persönlichen Kalender und aus meinem Gedächtnis streichen. Dieses Jahr darf nicht einfach umsonst gewesen sein. All das steht auf dem Spiel. Äußerlich ändert sich heuer viel. Aber ich habe schon den Eindruck und die Hoffnung, dass vieles authentischer wird – auch als Sehnsucht. Aber natürlich eine Krise macht uns nicht von allein besser. Eine Not lehrt Beten aber Not lehrt auch Fluchen. Das alles hat immer zu tun mit der eigenen Entscheidung.

em