Bei Feldarbeiten im Bereich des Lagers III, der eigentlichen Todeszone Sobibórs, stießen Archäologen im Jahr 2013 auf Mauerreste, die auf ehemalige Gaskammern hindeuten. Unerwartet entdeckten sie in der Nähe 10 fast vollständig intakte Skelette.<BR /><BR /> Aufgrund archäologischer und historischer Befunde wurden diese menschlichen Überreste ursprünglich polnischen Partisanen zugeschrieben, Opfern des kommunistischen Regimes der 1950er Jahre. Aufgrund von Zeugenaussagen war man bisher davon ausgegangen, dass alle jüdischen Opfer des Zweiten Weltkriegs vor der Auflösung des Lagers Sobibór kremiert worden waren. Am Gelände des Vernichtungslagers Sobibór, fanden Archäologen 10 Skelette. <BR /><BR /><b>Sobibór: Bis zu 250.000 Menschen getötet worden</b><BR /><BR />Genetische Nachweise gab es auch aus diesem Grund bisher nicht. Schätzungen zufolge sind in Sobibór bis zu 250.000 Menschen getötet worden. „Tatsächlich ergaben die genetischen Untersuchungen nun äußerst starke Evidenz, dass die Opfer jüdischer Herkunft waren.“, sagt Walther Parson, Leiter des Fachbereichs Forensische Genomik am Institut für Gerichtliche Medizin der Medizinischen Universität in Innsbruck und einer der Studienleiter.<BR /><BR />„Wir haben von der Lubliner Staatsanwaltschaft den Auftrag erhalten, zur Klärung der Identität der menschlichen Überreste mithilfe moderner forensischer DNA-Technologien beizutragen“, sagt Andrzej Ossowski, Leiter der Abteilung für Forensische Genetik in Stettin und ebenfalls einer der leitenden Autoren. Molekulargenetische Analysen, wurden ab 2017 unabhängig voneinander an der Abteilung für Forensische Genetik, der Pommerschen Medizinischen Universität in Stettin, Polen, sowie am Institut für Gerichtliche Medizin in Innsbruck, durchgeführt und erbrachten übereinstimmende Ergebnisse. <BR /><BR />Diese wurden nun im renommierten Fachjournal Genome Biology veröffentlicht. „Das ist ein herausragendes Beispiel interdisziplinärer Forschung innerhalb der Forensik zur Klärung historischer Fälle“, betont Parson.<BR /><BR /><b>Molekulargenetische Analysen klären jüdische Herkunft</b><BR /><BR />Die genetischen Untersuchungen umfassten die Sequenzanalyse der mitochondrialen DNA (mtDNA), die nur mütterlicherseits vererbt wird. Deren Vergleiche mit einschlägigen Datenbanken ergaben in 9 der 10 Proben vollständige Übereinstimmungen, dafür ausschlaggebend war die umfangreiche Innsbrucker EMPOP-Datenbank. 8 der Übereinstimmungen bezogen sich auf Individuen nord-, mittel- und osteuropäischer Herkunft. <BR /><BR />In Innsbruck wurden darüber hinaus väterlich vererbte Y-chromosomale DNA-Marker analysiert und ergaben Y-Linien, die bei nord-, mittel- und osteuropäischen Juden häufiger vorkommen als in der Allgemeinbevölkerung. <BR /><BR /><b>Persönliche Gegenstände der Opfer entdeckt</b><BR /><BR />Bereits zuvor waren die Skelettfunde anthropologisch untersucht und männlichen Individuen im Alter zwischen 20 und 60 Jahren zugeordnet worden. 5 Individuen wiesen Schussspuren auf, 4 davon Kopfschüsse, wie sie nach Hinrichtungen bekannt sind. In der näheren Umgebung wurden zudem Artefakte, wie Patronenhülsen und persönliche Gegenstände der Opfer, sichergestellt, die zur Interpretation des Gesamtbildes beitrugen.<BR /><BR />Die Autoren der interdisziplinären Studie kommen zu dem Schluss, dass die genetischen Ergebnisse in Kombination mit den nicht-genetischen Befunden auf eine jüdische Herkunft der Opfer stark hindeuten und nicht auf die ursprünglich vermutete, nicht-nord-, mittel- und osteuropäische Abstammung der Partisanen. <BR /><BR />Angesichts der Ergebnisse wurden die menschlichen Überreste in Anwesenheit eines Rabbiners und nach jüdischem Ritus am Ort ihrer Entdeckung wieder bestattet.