Montag, 04. Juli 2016

"Interessantes Erlebnis": Kletterer erzählt von Nacht in Wand

Das Kletterseil ist abgeschlagen, Umkehren aussichtslos, eine sofortige Rettung nicht möglich. Die einzige Lösung: Die Nacht ungeschützt mitten in der Kletterwand verbringen. Das Szenario, das für viele nach einem Albtraum klingt, wurde für zwei Südtiroler Bergsteiger in der Nacht auf Montag zur Realität. Und sie fanden es gar nicht so schlecht.

Badge Local
Foto: © shutterstock

Wie berichtet, waren zwei Bergsteiger aus dem Überetsch am Sonntag auf der Dimai-Route bei der Grohmannspitze unterwegs, als sie auf dem Rückweg plötzlich vom Weg abkamen und die Nacht im Fels verbringen mussten. STOL hat mit einem der beiden Bergsteiger am Montag nach ihrer erfolgreichen Bergung über den Rettungseinsatz und die vergangene Nacht gesprochen.

Zunächst war berichtet worden, die beiden hätten beim Abseilen an der Nordwand der Grohmannspitze in der Langkofelgruppe die Orientierung verloren und sich entschlossen, den Notruf abzusetzen. "Das stimmt so nicht", erklärt der geborgene Bergretter im Interview.

"Wussten genau, wo wir waren"

"Wir wussten genau, wo wir waren. Leider waren wir beim Abseilen an der Nordwand vom Nebel überrascht worden und hatten nur noch eine sehr eingeschränkte Sicht von etwa 20 Metern. Deshalb konnten wir die Abseilringe nicht mehr sehen und bogen falsch ab. Als wir unseren Fehler bemerkten, versuchten wir, eine Alternativroute zu finden."

Doch genau in diesem Moment geschah das nächste Unglück: Beim Abseilen lösten sich ein Stein, fiel genau auf das Seil und trennte es ab. Die beiden Bergsteiger waren glücklicherweise kurz vor einer Plattform in der Wand und erreichten diese unverletzt.

"In dem Moment wussten wir jedoch, dass es keinen Sinn mehr hat, alleine zu versuchen, den Berg zu verlassen. Vorher hätten wir vielleicht die Nacht in der Wand verbringen und am Morgen einen neuen Versuch starten können. Doch mit einem kaputten Seil wurde die Lage aussichtslos", berichtet der erfahrene Bergsteiger, der unerkannt bleiben möchte.

"Wichtig: Notruf so bald als möglich abzusetzen"

Gegen 19.30 Uhr setzten die beiden schließlich einen Notruf an die Landesnotrufzentrale 118 ab: "Es war sinnlos, noch länger zu warten. Es ist von größter Wichtigkeit, den Notruf so bald als möglich abzusetzen, um eine eventuelle Rettung überhaupt noch möglich zu machen. Wir mussten uns eingestehen, dass wir in einer Notsituation waren und Hilfe brauchten. Und wir wussten, dass der Rettungshubschrauber noch etwa 1,5 Stunden Zeit hätte, uns zu holen. Leider ging das dann doch nicht ganz so einfach", so der Bergsteiger.

Tatsächlich machte der Nebel eine Rettung per Hubschrauber am Abend unmöglich. Und auch eine Rettung zu Fuß war auszuschließen: "Wir wussten, dass sich das niemals auszahlen würde, vor allem, weil es uns gut ging und wir keine Angst davor hatten, die Nacht in der Wand zu verbringen. Im Gegenteil: Eine Rettung zu Fuß hätte möglicherweise andere gefährdet." 

Gegen 22 Uhr drehte der Hubschrauber schließlich unverrichteter Dinge ab und die beiden Bergsteiger richteten sich auf eine Nacht im Felsen ein. "Das war die beste Lösung für alle, und jeder, der häufiger Klettertouren macht, hätte gleich entschieden."

"Neben uns ging es 200 Meter in den Abgrund"

Die Plattform, die die beiden Kletterer erreicht hatten, war etwa 30 bis 40 Meter breit. Dort suchten sich die Männer eine Nische und stellten einen Standplatz auf: Sie versanken Haken und Nägel im Boden und sicherten sich so mittels Seil an der Felswand. "Immerhin ging es neben uns 200 Meter in den Abgrund."

"Wir hatten zwar kein Zelt dabei, gehen aber nie ohne ein Erste-Hilfe-Set auf Klettertour. Darin befindet sich unter anderem eine Rettungsdecke. Diese hat uns in Kombination mit unseren Soft- und Hardshell-Jacken warm gehalten - mehr oder weniger", so der Bergsteiger.

Gesichert und so gut als möglich eingepackt, bereiteten sich die beiden auf eine Nacht im Felsen vor. "Schlafen ist in so einer Situation nicht ratsam: Der Körper kühlt schneller ab, wenn man schläft. Das war jedenfalls unsere Erfahrung. Auch haben wir im Schlaf die Rettungsdecke weggetreten. Wir haben also versucht, wach zu bleiben und uns nur kurze Pausen des Dösens erlaubt."

Es sei eine sehr interessante Erfahrung gewesen, den Berg mitten in der Nacht zu erleben: "Wir wussten, dass wir ganz alleine sind. Es war unglaublich ruhig und - nachdem sich der Nebel verzogen hatte - klar. Man konnte den Mond und die Sterne klar sehen und wir haben viele Sternschnuppen gezählt", berichtet der Überetscher im Gespräch mit STOL. 

"Haben den Artikel über uns auf STOL in der Wand gelesen"

Apropos STOL: Auch das Südtiroler Nachrichtenportal verfolgten die beiden, während sie in der Wand auf ihre Rettung warteten. "Wir hatten guten Internetempfang in der Wand, und mein Kollege erzählte mir gerade, dass Island gegen Frankreich verloren hätte. Plötzlich - das war gegen 23.30 Uhr - meinte er, dass sogar STOL bereits über uns berichtet", erzählt der Bergsteiger lachend.

Ansonsten verlief die Nacht ruhig. "Wir waren zu keinem Zeitpunkt nervös oder verängstigt. Wir wussten, dass wir bei Tagesanbruch gerettet werden. Ich muss an dieser Stelle ein großes Lob an die Bergrettung von Gröden aussprechen. Wir standen während der ersten Stunden der Aktion am Sonntagabend ständig mit ihnen in Kontakt und wir wussten, sie kommen uns holen."

Und genau so war es auch: Gegen 6.20 Uhr wurden die beiden vom Rettungshubschrauber Pelikan 1 mittels Seilwinde geborgen und ins Tal gebracht. "Das Ganze hat 10 Minuten gedauert", berichtet der Bergsteiger abschließend.

Eine aufregende Nacht, die jedoch gut überstanden wurde: "Ich habe mir heute frei genommen, immerhin kann man eine Nacht in der Wand nicht mit mehreren Stunden Schlaf im eigenen Bett vergleichen", so der Überetscher lachend.

stol/liz

stol