Montag, 26. Oktober 2015

"Io non capisco il tedesco“ - "Das solltest du aber"

Keine Trennung nach Sprachgruppen mehr, sondern einen einzigen, zweisprachigen Pfarrgemeinderat soll es künftig in der Pfarrgemeinden der Diözese Bozen-Brixen geben. Das hat die Diözesansynode am Wochenende etwas überraschend vor allem auch für die Betroffenen beschlossen. Damit geht die Diözese einen mutigen Schritt - nach dem Credo: ein Rat, zwei Sprachen, kein Einheitsbrei. Der Weg sei manchmal mühsam, weiß Seelsorgeamtsleiter Eugen Runggaldier, aber das Ziel ist für ihn klar.

Eugen Runggaldier ist Seelsorgeamtsleiter und Moderator der Diözesansynode.
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Eugen Runggaldier ist Seelsorgeamtsleiter und Moderator der Diözesansynode. - Foto: © STOL

Südtirol Online: Aus zwei mach eins - wann und von wem ist die Entscheidung getroffen worden, dass es künftig nur noch zweisprachige Pfarrgemeinderäte in Südtirol geben soll? 

Seelsorgeamtsleiter Eugen Runggaldier, Moderator der Diözesansynode: Das Thema an und für sich ist nicht neu. Bereits zum Auftakt der Diözesansynode haben die Leute gesagt, dass wir unter den Sprachgruppen besser zusammenwachsen müssen, eine Kirche sein sollen. Daher ist dies – wenn es uns Ernst ist - in Bezug auf die Pfarrgemeinderäte nur eine logische Konsequenz.

STOL: Doch wann ist die Entscheidung dazu gefallen?

Runggaldier: Konkret geworden ist das mit den Pfarrgemeinderäten am vergangenen Samstag im Rahmen der Diözesansynode. Dort wurde es dann auch kurzerhand beschlossen.

STOL: Bislang war die Zusammenarbeit der deutsch- und italienischsprachigen Räte punktuell und freiwillig. Wie haben die Betroffenen reagiert?

Runggaldier: Für sie kam es sicher überraschend, denn wir konnten es ihnen noch nicht zeitig mitteilen. Sie haben es aus den Medien erfahren. Dazu ist zu sagen: Wir haben auch bisher bereits gemischtsprachige Pfarrgemeinderäte gehabt – so etwa in Kaltern, wo die italienischsprachigen Räte einen kleinen Kreis von Vertretern stellten.

STOL: Sie sagen es - nicht überall gibt es zwei verschiedensprachige Pfarrgemeinderatsableger: Welche Räte bzw. Ortschaften sind betroffen?

Runggaldier: Das stimmt. Es betrifft vor allem die größeren Pfarrgemeinden, wie Leifers, Bozen, Meran, Brixen, Sterzing und Bruneck, aber auch Gemeinden im Unterland und Überetsch, etwa Auer und Neumarkt.

STOL: Die Entscheidung ist ein starkes Signal der Diözese für das Zusammenleben. Kann die konkrete Umsetzung wirklich funktionieren?

Runggaldier: Die Diözese besteht nun seit 51 Jahren. Wir finden, es ist an der Zeit, dass wir in der Hinsicht einen Schritt vorwärts gehen sollten. Ein gutes Beispiel ist für mich der Pastoralrat. Vor 20 Jahren haben sich die deutsch – und italienischsprachigen Mitglieder noch getrennt voreinander getroffen, seit 9 Jahren machen wir nur noch gemeinsame Sitzungen.

Zugegeben, manchmal ist das etwas mühsam, weil man anders tickt und oft andere Anliegen und Zugänge hat, aber man lernt sich besser kennen.

STOL: In Pfarrgemeinderäten soll künftig jeder konsequent in seiner Muttersprache reden: Und das versteht dann jeder?

Runggaldier: Wie hätte es denn sonst bisher in den gemischtsprachigen Pfarrgemeinderäten funktionieren sollen? Es ist nur gut und recht, dass jeder in seiner Muttersprache sprechen kann, so, wie ihm der Schnabel gewachsen ist.

Und es wäre auch kein gutes Signal, dass wir nur noch in einer Sprache reden, weil sie ein Teil der Anwesenden nicht versteht.

STOL: Da wäre aber das Problem mit dem deutschen Dialekt …

Runggaldier: Wir im Pastoralrat sprechen Hochdeutsch, denn es ist so, dass nicht alle Italiener den Dialekt verstehen. Das muss man situationsbedingt klären. Oft sagen die Italiener auch, man könne ruhig Dialekt reden, sie verstünden das auch problemlos. Wenn aber einer sagt „Io non capisco il tedesco“, dann muss ich sagen: „Jetzt bist du seit Jahrzehnten in Südtirol, zumindest ein passives Verständnis der zweiten Sprache sollte gegeben sein.“

Durch das zweigeteilte System haben wir das Nichtlernen teilweise auch gefördert, da es nicht notwendig war, die andere Sprache zu können.

STOL: Es heißt, die Diözese werde darauf achten, daß die Sprachminderheiten in den Pfarrgemeinderäten geschützt werden. Wie soll das konkret aussehen?

Runggaldier: Die Verschiedenheit – nicht nur in Sachen Sprache – ist zu respektieren. Wenn Vorgänge und Einstellungen kulturell anders gewachsen sind, etwa die Vorbereitung auf die Firmung, dann muss dem Rechnung getragen werden. Es soll kein Einheitsbrei entstehen, aber vielleicht bereichert und ergänzt man einander.

STOL: Was bedeutet die Zusammenlegung auch konkret für die Zusammensetzung der Räte und ab wann soll sie greifen?

Runggaldier: Das bedeutet sicher, dass es weniger Pfarrgemeinderatsmitglieder geben wird. Wir haben auch einen Zusammenschluss der bestehenden Räte angedacht, aber damit würden zu große Räte entstehen, die nicht mehr arbeitsfähig wären.

Greifen soll das Ganze ab 2016, dann wenn die Pfarrgemeinderäte neu gewählt werden. Finanziell ändert sich für die Räte nichts, denn immerhin handelt es sich auch künftig um ein- und dieselbe Pfarrei. Die Geldmittel bleiben also dieselben, nur verwaltet sie künftig nur noch ein Rat.

STOL: Was sagen Sie jenen, die bereits Angst um das Brauchtum und die Traditionen haben und sie durch einen zweisprachigen Rat verschwinden sehen?

Runggaldier: Dann hätte dies bereits in den Orten mit gemischtsprachigen Räten der Fall sein müssen.

Interview: Petra Kerschbaumer

stol