Mittwoch, 16. März 2016

Ist ein Kinderdorf überhaupt "elternfreundlich"?

Das Wohl der Kinder hat absolute Priorität. Dabei sind es nicht die eigenen Kinder, sondern jene, die im Südtiroler Kinderdorf in Brixen Zuflucht und Aufnahme gefunden haben. Um sie kreist das Tun und Denken der Erzieher und Mitarbeiter vor Ort. Doch wie verträgt sich so ein 24-Stunden-Job mit eigener Elternschaft? Und ist das Kinderdorf als Arbeitgeber überhaupt kinderfreundlich ausgerichtet? STOL hat nachgefragt.

Heinz Senoner, pädagogischer Direktor des Kinderdorfes.
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Heinz Senoner, pädagogischer Direktor des Kinderdorfes.

Südtirol Online: Von einem Kinderdorf erwartet man sich besondere Rücksichtnahme auf die Belange von Kindern. Aber inkludiert das auch die Belange der dort arbeitenden Eltern – und deren Nachwuchs?
Heinz Senoner, pädagogischer Direktor des Kinderdorfes: Das Kinderdorf nimmt in erster Linie Rücksicht auf die Belange der aufgenommenen und der begleiteten Kinder und Jugendlichen. Gleichzeitig engagieren wir uns für Familie - also Kinder, Jugendliche und Eltern. Insofern haben wir eine hohe Sensibilität für diese Belange, die wir nach Möglichkeit in unseren Arbeitsbedingungen berücksichtigen.

STOL: Und dazu haben Sie eine eigene Arbeitsgruppe „Vereinbarkeit von Beruf und Familie im Südtiroler Kinderdorf“?
Senoner: Die Arbeit als Erzieher und Erzieherin im Kinderdorf ist nicht leicht mit dem Familienleben zu vereinbaren: Turnusdienste, Nachtdienste, Aufrechterhaltung der Betreuung der Kinder an 365 Tagen im Jahr…
Die Arbeitsgruppe wurde in Verhandlungen mit den Gewerkschaften vereinbart. In Aussprache mit den Mitarbeitern versuchen wir, Lösungen zu finden, die beiden Bedürfnissen, jenem der Betreuten, also Kontinuität in der Anwesenheit der Bezugspersonen, Regelmäßigkeit bei den Turnussen,… und jenem der Mitarbeitenden, also Planbarkeit der Turnusse, an- und Abwesenheiten,…  gerecht werden.

STOL: Will heißen, das Kinderdorf bietet einen 24-Stunden Dienst - welche Herausforderungen bringt das in der Mitarbeiterplanung mit sich?
Senoner: Die Herausforderungen sind ganz unterschiedlich. Bereiche, wie die Verwaltung, sind sehr familienfreundlich geregelt. Die Erzieher haben hingegen herausfordernde Dienstpläne: Sie müssen Nachtdienste leisten und sich die Arbeit so einteilen, dass sie die 24 Stunden abdecken, Zeit für gemeinsame Sitzungen und Supervision finden und je nach Bedarf für die Treffen mit den anderen Fachdiensten, Sozialdienst, Schule, Gesundheitsdienst verfügbar sind.
Teilzeit ist zwar möglich, soll aber nicht unter 75 Prozent sein, da ein fixer Anteil der Stunden für Dokumentation und Sitzungen nötig ist.

STOL: Wie viele Mitarbeiter hat das Kinderdorf?
Senoner: 76 das entspricht 58 Vollzeitstellen.

STOL: Wie viele davon sind Väter und Mütter?
Senoner: Von 76 sind 43 Eltern - 29 Mütter bzw. 14 Väter, also über 56 Prozent. Die Kinder sind natürlich unterschiedlichen Alters, vom Baby bis zum bereits Erwachsenen.

STOL: Was bedeutet es aber für das Kinderdorf, wenn Eltern nicht mehr Vollzeit an den Arbeitsplatz zurückkommen? 
Senoner: 56 von 76 unserer Mitarbeitenden sind Teilzeitkräfte. Allerdings die meisten mit mehr als 75 Prozent, was für Eltern eine Herausforderung ist, wenn sie kleine Kinder haben. Wenn Erzieherinnen mit 50 Prozent zurückkommen möchten, vergrößern sich die Teams und damit der Kommunikationsaufwand, der Aufwand bei der Teamorganisation, der Anteil an Stunden, die nicht für Betreuung aufgewendet werden. Und damit auch die Personalkosten.

STOL: Sind viele Teilzeitkräfte auch eine Herausforderung für die zu betreuenden Kinder?
Senoner: Für die betreuten Kinder und Jugendliche ist es nicht leicht mit (noch) mehr Erziehern in Beziehung zu gehen. Teilzeitkräfte sind auch weniger oft im Dienst, also für die betreuten Kinder und Jugendlichen weniger verfügbar. Das macht die Arbeit schwieriger und beeinträchtigt unter Umständen die Qualität.

STOL: Und darum muss die Vereinbarkeit von Familie und Beruf immer wieder die Agenden von Versammlungen oder Arbeitsgruppen zieren – und ist nicht längst im Alltag umgesetzt …?
Senoner: Wir sehen das nicht als Zierde, sondern passen unser Umfeld immer wieder neuen Gegebenheiten an. Ließen früher Erzieherinnen die Arbeit, wenn ihre Kinder zur Welt kamen, kommen heute immer mehr junge Mütter nach der Karenz in den Dienst zurück.
Ein ständiger Dialog über Bedürfnisse von Mitarbeitern, deren Kindern und den Bedürfnissen des Betriebes ist also nötig. Das sensibilisiert auch Mitarbeiter ohne Kinder für die Bedürfnisse ihrer Kollegen, die Eltern sind. Schließlich sind es die Teams, die gemeinsam flexibel auf Elternschaft, Krankheit von Kindern etc. reagieren müssen.
Die Organisation versucht, die Rahmenbedingungen so zu stecken, dass Möglichkeiten entstehen, z.B. durch bezahlte Freistellung bei Krankheit eines Kleinkindes. Die Kollegen im Team müssen aber den Dienst decken, wenn ein Vater oder eine Mutter aus diesem Grund ausfällt.

STOL: Welche Möglichkeit der Mitsprachen haben Mitarbeiter mit Kindern konkret?
Senoner: Mitsprache, Mitgestaltung und Mitverantwortung sind Schlüsselworte in unserer pädagogischen Haltung. Es wäre eigenartig, wenn diese Werte nicht für die Mitarbeiter gelten würden. Wir versuchen nach Möglichkeit für alle Regelungen innerhalb eines klaren und manchmal engen Rahmens ein Einvernehmen mit den Mitarbeitenden zu finden. Dies gilt ganz abgesehen von der Frage, ob sie Kinder haben oder nicht.

Interview: Petra Kerschbaumer

stol