Mit der Befragung des Angeklagten Andrea Sempio haben die im Fall Garlasco ermittelnden Staatsanwälte in Pavia die neue Untersuchung über den Mord an der Wirtschaftsstudentin Chiara Poggi im August 2027 abgeschlossen. <BR /><BR />Am Donnerstag wurde dem 38-jährigen Sempio, Jugendfreund von Chiaras Bruder Marco, der Beleg mit der Ankündigung des Ermittlungsabschlusses zugestellt. Dies ist der letzte Schritt vor einem Antrag auf einen Prozess. Sempio wird vorgeworfen, Chiara Poggi aus niedrigen Beweggründen und mit besonderer Grausamkeit getötet zu haben.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1310025_image" /></div> <BR /><BR />Der Staatsanwalt von Pavia, Fabio Napoleone, will jetzt die Ermittlungsakten an die Generalstaatsanwaltschaft in Mailand weiterleiten, um einen Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens gegen Chiaras Freund Alberto Stasi anzustoßen. Stasi verbüßt derzeit eine 16-jährige Haftstrafe. Er hatte all die Jahre vergeblich seine Unschuld beteuert. <h3> Steht der Mordfall Poggi nun vor einer spektakulären Wende?</h3>Das hieße auch, dass die Verurteilung von Alberto Stasi wegen Mordes einer der größten Justizirrtümer Italiens wäre. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1310028_image" /></div> <BR /><BR />Die Staatsanwälte von Pavia sind inzwischen zu dem Schluss gekommen, dass nicht Stasi, sondern Sempio die 26-jährige Studentin mit einer noch unbekannten Waffe getötet hat. Den Ermittlern zufolge war der zum Tatzeitpunkt 19-jährige Sempio von Chiara besessen, nachdem er zufällig intime Amateurvideos von Chiara und Alberto Stasi angesehen hatte. Dieser Umstand soll durch das IT-Gutachten untermauert worden sein, das der Anklage beigefügt wurde. <BR /><BR />Laut der in der Anklageschrift veröffentlichten Rekonstruktion, die den Ermittlern zufolge von einer Vielzahl von Indizien und Beweisen gestützt wird, soll Andrea Sempio Chiara in der Villa in der Via Pascoli in Garlasco getötet haben, weil die junge Studentin seine Annäherungsversuche zurückgewiesen hatte. Er soll ihr wiederholt mit einem stumpfen Gegenstand auf den Kopf geschlagen haben. Anschließend soll er ihre Leiche in den Keller gebracht und ihr dort weitere vier bis fünf Schläge versetzt haben. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1310031_image" /></div> <BR /><BR />Ein zentraler Punkt der neuen Ermittlungen betrifft ein von den Ermittlern mit Wanzen in Sempios Auto aufgenommenes Selbstgespräch des Angeklagten am 14. April 2025, also einen Monat nach der neuen Aufnahme der Ermittlungen gegen ihn. Dabei spricht Sempio über Chiara Poggi sowie über intime Videos, die er angeblich auf ihrem Computer gesehen hat und die sich auf einem USB-Stick befunden hätten - ein Detail, das zu diesem Zeitpunkt eigentlich nicht bekannt gewesen sein konnte. Vor allem schildert Sempio, wobei er eine Frauenstimme imitiert, einen möglichen telefonischen Dialog mit dem Opfer: „Sie sagte: 'Ich will nicht mit dir reden'“, heißt es in der Aufnahme.<BR /><BR />Für die Ermittler kommen diese Äußerungen nahezu einem Geständnis gleich - auch deshalb, weil bislang nie öffentlich von Videos auf einem USB-Stick die Rede gewesen war. Chiara Poggi soll die Dateien kopiert und anschließend gelöscht haben. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft konnte nur jemand von deren Existenz wissen, der sie auf diesem Speichersystem gesehen hatte.<BR /><BR />Sempio hatte stets erklärt, die damaligen Telefonanrufe mit Chiara, die er damals getätigt hatte, seien nur deshalb erfolgt, weil er nach seinem Freund Marco gesucht habe, dem Bruder des Opfers. Diese Darstellung hatte die Ermittler jedoch schon damals nicht überzeugt, sei aber trotz Zweifel einzelner Carabinieri nie gründlich überprüft worden. Stattdessen konzentrierten sich die Ermittlungen rasch auf Alberto Stasi als alleinigen Täter.<BR /><BR />Ein weiterer Aspekt der neuen Ermittlungen betrifft mögliche Fehler bei der Spurensicherung. So sei eine Küchenmatte zusammengerollt worden, bevor Luminol auf den Boden gesprüht wurde. Dadurch könnten Spuren des Täters unentdeckt geblieben sein. Die Ermittler verweisen außerdem auf Internetrecherchen Sempios zwischen 2014 und 2015 zum „Fall Garlasco“, zu Stasi und insbesondere zu DNA-Spuren an den Händen des Opfers. Damals galt Sempio offiziell noch nicht als Verdächtiger. Auf einer beschlagnahmten Festplatte fanden Ermittler zudem Suchanfragen zum Thema „mitochondriale DNA“.<BR /><BR />Auch das frühere Alibi Sempios gerät erneut ins Visier der Ermittler. Abgehörte Gespräche sollen Zweifel an der Glaubwürdigkeit eines Kassenbons aus der Stadt Vigevano nähren, der seine Anwesenheit dort am Tattag belegen sollte. In einem Gespräch soll Sempios Vater angedeutet haben, die Mutter habe den Bon besorgt, um Sempio ein Alibi zu sichern. Zudem widersprechen Notizen des Vaters früheren Aussagen der Familie über die Bewegungen des Sohnes am Tag des Verbrechens.