<b>von Jakob Pramstaller und Miriam Wegmann</b><BR /><BR />Die Italianisierung ist wohl eine der dunkelsten Epochen in der Geschichte Südtirols. Nach der Ersetzung von Orts- und Flurnamen, der Einführung von Italienisch als einziger Amts- und Unterrichtssprache, folgte schlussendlich die Italianisierung der Südtiroler Vor- und Nachnamen. „Dazu hat das Regime mehrere Dekrete erlassen“, weiß Professor Norbert Sparer. Nicht zuletzt jenes vom 15. Jänner 1926, also heute vor genau 100 Jahren. <BR /><BR />Die Pflicht zur Umwandlung des eigenen Familiennamens ins Italienische kam schleichend, wie Sparer berichtet. Auf dem Papier galt dieser Schritt als freiwillig. Jedoch übte der faschistische Staat enormen Druck aus, wodurch zahlreiche Südtiroler dazu gezwungen wurden, ihren Namen zu ändern. <h3> Starker Druck der Faschisten</h3>Etwa konnten Bürger eine öffentliche Stelle nur dann behalten oder antreten, wenn sie auch einen italienischen Namen trugen. „Ledige Mütter erhielten nur Hilfsgelder vom Staat, wenn sowohl sie selbst als auch ihre Kinder den Namen durch einen italienischen ersetzt hatten, um ein weiteres Beispiel zu nennen“, so Sparer. Der Druck wurde bis zur Option im Jahr 1939 aufrechterhalten.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1261689_image" /></div> <BR /><BR />Anders war es bei den Vornamen: „Inoffiziell wurden diese bereits vor den Dekreten ins Italienische übersetzt. Wurde man zum italienischen Wehrdienst eingezogen, so wurde Franz zu Francesco, aus Josef der Giuseppe“, weiß Sparer. Später galt die Regel für alle Neugeborenen zwischen den beiden Weltkriegen, für sie waren italienische Namen Pflicht. „Viele Eltern suchten deshalb bewusst nach Namen, für die es keine italienische Variante gibt“, erzählt Sparer. <BR /><BR />Der Name Ida zum Beispiel bleibt im Italienischen derselbe, auch für Hartmut gibt es keine Übersetzung. Man hat sich den Schwierigkeiten dieser Zeit angepasst.<h3>Kein Deutsch auf den Friedhöfen</h3>Die Faschisten gingen sogar noch einen Schritt weiter: Auch Namen und Gedenkschriften auf Friedhöfen wurden italianisiert. „Zuerst wurden die Vornamen angepasst, zu einem späteren Zeitpunkt auch Familiennamen und Gedenkschriften“, erzählt Sparer. Auch hier zeigten sich die Südtiroler erfinderisch. Man hat so wenig wie möglich auf den Grabstein geschrieben, sodass kaum etwas zwangsübersetzt werden musste. Spuren dieser dunklen Epoche sind heute noch auf den Friedhöfen zu finden.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1261692_image" /></div> <BR /><BR />Erst nach dem Zweiten Weltkrieg konnte der Großteil der Südtiroler – einzelne bereits vorher während der Herrschaft der deutschen Wehrmacht – den italianisierten Familiennamen zurück ins Deutsche ändern lassen. „So wurde es 1946 im Pariser Vertrag festgelegt“, informiert Sparer. „Es war ein einfacher Verwaltungsakt nötig, damals noch gegen Gebühren. Die Einführung des zweiten Autonomiestatus im Jahr 1972 ermöglichte auch die Änderung des Vornamens, dieses Mal kostenfrei.“ Die Frist endete Mitte der 1970er-Jahre: Viele haben die Möglichkeit verpasst, weshalb ältere Generationen teils auch heute noch einen Namen aus der Faschistenzeit tragen. <h3> Der italienische Klang war entscheidend</h3>Einer der Hauptverantwortlichen der Italianisierung ist Ettore Tolomei (1865-1952): Er erstellte ein Register, in dem Tausende Südtiroler Nachnamen und deren vermeintliche Übersetzungen zusammengefasst wurden. „Absurderweise glaubte Tolomei, dass die Südtiroler Nachnamen vom Italienischen abstammen. Daher wollte er sie auf ihre italienische Wurzel zurückführen“, so Sparer. Dies sei aber nur bei wenigen wirklich der Fall gewesen.<BR /><BR />Bei der Übersetzung stand für Tolomei nicht der Sinn oder die Herkunft eines Nachnamens im Vordergrund – wichtig war der italienische Klang. „Manche wurden wörtlich übersetzt, andere lautmalerisch. Bei vielen Namen gab es mehrere Varianten“, so Sparer. So wurden für den Familiennamen Hofer etwa die Übersetzungen „Dalmaso“, „Dalla Corte“, „Masi“, „Corti“ oder einfach „Offer“ entworfen. Der Name Tschurtschenthaler wurde vereinfacht, zu „Pigna“ oder „Dalvalle“. Aus Durnwalder wurde ganz einfach „Durna“ (siehe Infografik). <h3> 13.500 Südtiroler zur Namensänderung gezwungen</h3>3 Fragen an Stefan Lechner, Historiker und Projektmitarbeiter am Zentrum für Regionalgeschichte.<BR /><BR /><b>Herr Lechner, das königliche Dekret aus dem Jahr 1926 ist etwas vage formuliert. Was genau hat es vorgesehen?</b><BR />Stefan Lechner*: Das Dekret bestand aus drei Artikeln, für Südtirol war vor allem der zweite entscheidend. Dieser besagt, dass fremde Familiennamen per Antrag ins Italienische geändert werden „können“. Dafür war ein Dekret des Präfekten der Provinz nötig, die Anfrage lief über die Gemeinde. Zahlreiche Südtiroler sahen sich zu diesem Schritt gezwungen.<BR /><BR /><b>Wie viele haben ihren Familiennamen effektiv ins Italienische geändert?</b><BR />Lechner: 1935 waren es rund 1.000 Bürgerinnen und Bürger. In diesem Jahr nahm der Druck des faschistischen Regimes deutlich zu, weshalb bis zuletzt 13.500 Südtiroler ihren Familiennamen geändert haben. Die Zahl ist Ausdruck der großen Not dieser Zeit. Insgesamt hatte das Land damals rund 260.000 Einwohner.<BR /><BR /><b>Unter den Faschisten bestand die Annahme, dass Südtiroler Nachnamen teils aus dem Italienischen oder Lateinischen stammen würden – woher kommen sie tatsächlich?</b><BR />Lechner: Dieser Irrglaube war rein politisch-taktischer Natur. Südtiroler Familiennamen stehen häufig in Verbindung mit einem Gewerbe, einer bestimmten Ortschaft oder dem Namen eines Hofes. Was das Pustertal anbelangt, stammen die Namen häufig aus dem bajuwarischen Raum, in Vinschgau hingegen aus dem alemannischen – also ein germanischer Ursprung.<Rechte_Copyright></Rechte_Copyright><h3> Das Schlüsselwerk zur Italianisierung der Namen</h3>Im Zuge der Italianisierung ließ Ettore Tolomei rund 8.000 Orts- und Flurnamen ins Italienische übertragen. Doch damit nicht genug. Auch wurden um die 6.000 Südtiroler Familiennamen in einem eigenen Register erfasst und pseudoitalianisiert. Das Buch „Die gewaltsame Italianisierung der Familiennamen in Südtirol – Wie wäre heute mein Familienname?“ ist eine Neuauflage von Tolomeis sogenanntem „Namensbuch“ aus dem Jahr 1936. <BR /><BR />Es wurde vom Südtiroler Heimatbund (SHB) nachgedruckt, mit Kommentaren und Einschätzungen von Sepp Mitterhofer, Eva Klotz und Cristian Kollmann ergänzt und somit der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Auch wenn es im ersten Moment widersprüchlich erscheinen mag, nennt der SHB mehrere Gründe für den Nachdruck. Die Leserinnen und Leser sollen bei den Übersetzungen nicht nur zum Schmunzeln gebracht, sondern vor allem daran erinnert werden, dass Familiennamen genauso wie Orts- und Flurnamen ein wesentlicher Bestandteil der sprachlichen und kulturellen Identität Südtirols seien.<BR /><BR /> Wer seinen eigenen Familiennamen unter den zahlreichen Namen in der Grafik nicht entdeckt hat, kann diesen im unten beigefügten PDF des Heimatbundes nachschlagen. <BR /><BR /><div class="img-inline inline-file"><hr><a target="_blank" href="https://s3-images.stol.it/pdf/2026/01/heimatbund-buch-120-3.pdf"><img class="uk-img-preserve" src="https://s3-images.stol.it/pdf/2026/01/heimatbund-buch-120-3.jpg" /></a><br><a target="_blank" href="https://s3-images.stol.it/pdf/2026/01/heimatbund-buch-120-3.pdf" title="heimatbund_buch_120 3"><span class="uk-icon" uk-icon="icon: cloud-download;"></span> heimatbund_buch_120 3 <small>(pdf)</small></a><hr></div><BR /><BR />Gedruckte Exemplare des Buches sind nur noch in begrenzter Anzahl erhältlich. Bei Interesse kann man sich jedoch telefonisch (0471/05 16 63) oder per E-Mail an den Obmann des Südtiroler Heimatbundes, Roland Lang, wenden. <a href="mailto:roland.lang@hotmail.com" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">roland.lang@hotmail.com</a>