Mittwoch, 22. April 2020

Italiens Patient 1 spricht zum 1. Mal: „Meine ungeborene Tochter gab mir Energie“

Italiens inzwischen genesener „Patient 1“, Mattia Maestri, hat zum ersten Mal über die 20 Tage im Koma erzählt, in denen die Ärzte um die Rettung des ersten italienischen Covid-19-Kranken kämpften. Der 38-Jährige war am 20. Februar ins Krankenhaus der lombardischen Stadt Codogno eingeliefert worden.

Mattia Maestri.
Mattia Maestri. - Foto: © Facebook/Mattia Maestri
„Ich war bewusstlos, manchmal träumte ich, ich weiß nicht mehr was. Ich litt nicht: Ich hatte jedoch den klaren Eindruck, dass dieser Frieden der Vorraum des Todes war“, sagte der Manager des Konzerns Unilever im Interview mit der Tageszeitung „La Repubblica“.

Maestri ist, wie berichtet, erst vor 2 Wochen erstmals Vater geworden. Seine Frau Valentina, die sich ebenfalls infiziert hatte und inzwischen auch genesen ist, brachte am 7. April Tochter Giulia zur Welt. „Ich denke, dass die bevorstehende Geburt Giulias meine physischen Energien vervielfacht hat. Ich konnte nicht weggehen, während sie auf die Welt kam“, meinte Maestri.

Der Manager durfte bei der Geburt seines Kindes anwesend sein. „Ich habe zwei Stunden erlebt, die das ganze Leid davor ausgelöscht haben. Ich hatte erst kurz davor die Intensivstation überlebt. Die Lombardei beklagt tausende Tote, und dieses Kind öffnet die Augen, weil es spürt, dass das Leben trotzdem wunderbar ist“, erzählte Maestri.

„Wollte meinem Vater zum Vatertag gratulieren, da war er schon tot“

Doch das Glück ist nicht vollkommen. Sein 62-jähriger Vater Moreno zählt zu den Coronavirus-Todesopfern in der lombardischen Gemeinde Castiglione d'Adda, die am 21. Februar zur Sperrzone erklärt wurde. „Am 19. März habe ich meinen Vater vom Krankenhaus angerufen, um ihm zum Vatertag zu gratulieren. Meine Mutter hat in Tränen geantwortet und mir gesagt, dass er gestorben ist. Eine Trauerzeremonie ist unmöglich. Meine Mutter bewahrt die Asche zu Hause auf“, berichtete er. In Italien hat die Pandemie bis heute über 24.000 Menschenleben gekostet.

Wie sich der „Patient 1“ infiziert hat, ist 2 Monate nach Ausbruch der Epidemie immer noch ein Rätsel. „Das Virus hat mich erwischt, ich konnte nichts tun, um das zu verhindern. (...) Am 20. Februar war noch niemand in Europa offiziell an Covid-19 erkrankt. Ich bin noch jung und sportlich, schwebte jedoch in Lebensgefahr“, sagte Maestri. Diese Situation habe bei den Ärzten erstmals den Verdacht geweckt, dass er sich mit dem neuartigen Coronavirus angesteckt haben könnte.

„Diese Entdeckung hat nicht nur mich gerettet. Von diesem Moment an wurde bei tausenden Menschen das Virus diagnostiziert. So konnten viele Personen rechtzeitig behandelt werden“, so Maestri, der sich noch schwach fühlt. Oft muss er sich hinlegen und ausruhen. Doch er wisse, dass das Schlimmste überstanden ist. „Ich bin ehrlich: Vor mir sehe ich jetzt nur die Sonne.“

apa/stol