Er hat über 1500 Messen mitgestaltet, 4 verschiedene Bischöfe und einen Papstbesuch erlebt: Der ehemalige Brixner Domkapellmeister Heinrich Walder erzählt aus seiner 31-jährigen Amtszeit. <BR /><BR /><BR /><BR /><b>Herr Walder, würden Sie die Laufbahn als Musiker noch einmal wählen?</b><BR />Heinrich Walder: Auf jeden Fall. Ich habe das große Privileg, dass mein Beruf gleichzeitig mein Hobby ist. Das ist einfach fantastisch, und ich habe es jahrzehntelang mit Leidenschaft gemacht. <BR /><BR /><b>Sie haben 1990 die Stelle als Domkapellmeister in Brixen angetreten. Welche Bedeutung hatte es, als erster Nicht-Priester diese traditionsreiche Stelle zu bekleiden?</b><BR />Walder: Für mich persönlich gab es keine Schwierigkeiten, der Anfang war aber nicht ganz einfach. Ich weiß nicht, ob das auf mein recht junges Alter von 35 Jahren zurückzuführen war oder auf den Laienstand. Im Grunde geht es aber nicht darum, ob man als Kapellmeister geweiht ist oder nicht, sondern um die Musik und wie man die Menschen im Chor führt. Wenn man die entsprechenden Fähigkeiten besitzt, wird man sofort wohlwollend aufgenommen und akzeptiert. <BR /><BR /><embed id="dtext86-51011253_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie auf Ihre Amtszeit zurückblicken?</b><BR />Walder: Ich denke da sofort an die vielen großartigen Aufführungen – Messgestaltungen wie auch Konzerte. Mir war aber immer wichtig, dass die Musik nicht zum Selbstzweck im Vordergrund steht, sondern dass sie sich in die Liturgie integriert, dass Wort, Gesang und Gebet eine Einheit bilden. Das ist mir hoffentlich gelungen. Ich denke, dass wir durch die Musik die Menschen begeistert, bewegt und zur Andacht angeregt haben. <BR /><BR /><b>Ihr Abschied fiel mitten in die Corona-Pandemie, ihre letzte Messe gestalteten Sie mit einer kleinen Besetzung am 15. August. Wäre zum Abschied ein Konzert geplant gewesen?</b><BR />Walder: Die Einschränkungen in der Pandemie-Zeit waren sehr streng, alles war auf kleine Ensembles und Werke reduziert. Das war für mich als Domkapellmeister, der einen großen Chor zur Verfügung hat, nicht so befriedigend, aber wir haben die Zeit gut überbrückt. Natürlich wäre ein Konzert oder eine Orchestermesse zum Abschied schön, aber nicht möglich gewesen. So ist meine Zeit als Domkapellmeister langsam, fast wie mit einem diminuendo, ausgeklungen (lacht). <BR /><BR /><b>Welche Entwicklung haben der Domchor und die Brixner Kirchenmusik während Ihrer Amtszeit genommen?</b><BR />Walder: Ich muss sagen, dass ich den Chor 1990 in einem sehr guten Zustand übernommen habe. In meiner Anfangszeit haben wir zweimal pro Woche geprobt und jede Woche die Messe im Dom gestaltet. Das hat sich im Lauf der Jahre etwas reduziert, da sich die Lebensart und Freizeitgestaltung der Menschen geändert hat. Insgesamt habe ich in 31 Jahren ungefähr 1500 Messen gestaltet. Ich hoffe, dass es mir gelungen ist, das Niveau des Chores zu halten und ihn weiterzuführen. Das ist wichtig, denn Brixen ist ein Zentrum der Kirchenmusik. Leute kommen auch von weiter her, um die Hochämter zu feiern und die Musik zu hören, vor allem in der Advents- und Weihnachtszeit. <BR /><BR /><b>Gibt es Höhepunkte, auf die Sie gerne zurückblicken?</b><BR />Walder: Allerdings, ich habe 3 Bischofsweihen, 3 Bischofsbegräbnisse und einen Papstbesuch erlebt. Das ist schon etwas Besonderes. Dabei haben wir immer alle unser Bestes gegeben, denn jede Messgestaltung ist ein klingendes Gebet. <BR /><BR /><b>Gibt es eine Anekdote, die Sie erzählen möchten?</b><BR />Walder: Das Auswahlverfahren, bevor ich Domkapellmeister wurde, war recht interessant. Eigentlich hat es gar keines gegeben. Eine Abordnung des Domkapitels ist nämlich ganz überraschend in Ried im Innkreis aufgetaucht und hat die Bevölkerung über mich und meine Arbeit ausgefragt. Damals war das Amt des Domkapellmeisters wirklich noch sehr wichtig. Nach einem Konzert in Brixen, bei dem mich der Chor genau beobachtet hat, habe ich dann die Stelle bekommen. <BR /><BR /><embed id="dtext86-51011254_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Wie schwer ist Ihnen der Abschied gefallen?</b><BR />Walder: Die letzte Messe, die ich dirigiert habe, war schon sehr emotional. Die Abschiedsworte des Dekans und der anschließende lange Applaus waren sehr bewegend. Der Chor war für mich so etwas wie Familie geworden. Im Moment möchte ich etwas Abstand gewinnen, aber in Zukunft werde ich sicher einige Orgeldienste übernehmen und so diesem Teil meiner Ausbildung wieder mehr Gewicht geben. <BR /><BR /><b>Sie werden sich also nicht langweilen.</b><BR />Walder: Ich denke nicht, z. B. habe ich einen Kompositionsauftrag für eine Messe erhalten. Zu den dreien, die ich bereits geschrieben habe, sollte also noch eine hinzukommen. <BR /><BR /><b>Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Domchors?<BR /></b>Walder: Zunächst wünsche ich meinem Nachfolger Andrea Tasser, dass es ihm gelingt, die Kirchenmusik nach dieser Krise, die durchaus Spuren hinterlassen hat, wieder in Schwung zu bringen und zur Normalität zurückzuführen. Er ist ein sehr guter Dirigent, versteht es, die Leute anzusprechen und verfügt über das nötige pädagogische Geschick. Das bringt mich zum nächsten wichtigen Punkt, die Aufgabe, Nachwuchs in den Domchor zu bringen. Dafür ist er durch seine Arbeit als Lehrer am Vinzentinum sicher die richtige Person. Denn wenn man Jugendliche an die klassische Musik heranführt, weckt man gewiss bei einigen das Interesse daran, in einem Chor mitzusingen.<BR /><BR /><BR /><BR />Heinrich Walder wurde 1955 in Toblach geboren. Er studierte an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Wien, wo er 1979 das Diplom in Kirchenmusik und 1980 bei Michael Radulescu das Orgeldiplom erwarb. Er wirkte 7 Jahre lang als als Organist, Chorleiter und Musiklehrer in Ried im Innkreis, bevor er 1990 die Stelle als Domkapellmeister in Brixen antrat. Daneben unterrichtete er als Professor für Kirchenmusik am Konservatorium Bozen. Walder wird am 17. Oktober verabschiedet.