Laut einer Astat-Erhebung aus dem Jahr 2003 leben 14,9 Prozent der Haushalte in Südtirol an oder unter der relativen Armutsgrenze – das ist jede siebte Familie. Aus diesem Grund rücken die Caritas Südtirol und die Landesregierung das Thema Armut heuer in den Mittelpunkt.„2010 hat die Europäische Union zum Jahr gegen Armut und soziale Ausgrenzung erklärt. Ein wichtiges Zeichen gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise. Denn jeder Mensch, der in Armut lebt, ist einer zu viel“, unterstrich der österreichische Caritas-Präsidenten Franz Küberl am Donnerstag auf einer Pressekonferenz. Gemeinsam mit den Südtiroler Caritas-Direktoren Heiner Schweigkofler und Mauro Randi sowie Landesrat Richard Theiner stellte er Initiativen gegen Armut und soziale Ausgrenzung vor. Kampagne „Zero Poverty“„Unsere Vision", sagte Küberl, „ist eindeutig: Zero Poverty - Null Armut, und dies angesichts von 84 Millionen Menschen in Europa, die nicht genügend Mittel haben, um ihre grundlegenden Bedürfnisse zu erfüllen." Die Caritas bittet mit der Kampagne Frauen, Männer, Jugendliche und Kinder in Europa und weltweit sich für Menschen in Not zu engagieren.Ein Zeichen dafür, möglichst viele in diese Vision einzubinden, wurde bei der Pressekonferenz ausgeteilt: eine Anstecknadel, deren Inschrift „Zero Poverty" zu Diskussionen und Aktionen anregen soll. Dieses offizielle Zeichen der Kampagne gegen Armut in Europa, erklärte Caritas-Direktor Heiner Schweigkofler, solle Ausdruck dafür sein, „dass wir eine möglichst gerechte Gesellschaft anstreben, eine Gesellschaft der Teilhabe." Allen Menschen sollte die Chance für ein selbstgestaltetes Leben ermöglicht werden. „Europa", sagte Schweigkofler, „ist nicht nur eine Wirtschafts-, sondern auch eine Solidargemeinschaft." Auch Mauro Randi unterstrich die Notwendigkeit der Bekämpfung und Vorbeugung der Armut: „Wir arbeiten darauf hin, ein soziales Netz zu garantieren."Projekte und Aktionen im Jahr der ArmutDie Caritas hat für das Jahr 2010 verschiedene Aktionen geplant. Im Rahmen von youngCaritas sollen u.a. Jugendliche über Armut sensibilisiert werden und Möglichkeiten zur Armutsbekämpfung aufgezeigt werden: Projekte zur konkreten Nachbarschaftshilfe und ein „Laufwunder“ im Mai sind beabsichtigt. Ihre Präventionsarbeit verstärken will die Schuldnerberatung. Jährlich verzeichnet sie Zuwachsraten bei den Hilfesuchenden, im vergangenen Jahr haben sich über 1000 Personen an sie gewandt.Im Herbst dann will die Caritas mit einer Aktion auf Obdachlose aufmerksam machen. Derer gibt es laut offiziellen Schätzungen etwa 300 bis 500 in Südtirol.„Die Stärke unserer Gesellschaft muss sich am Wohl der Schwachen messen“, so die beiden Südtiroler Caritas Direktoren. Das Land Südtirol müsse alles unternehmen, um Armut an der Wurzel zu bekämpfen. „Funktionierendes Sozialsystem ist wichtig“„Ein gut funktionierendes Sozialsystem", erklärte Landesrat Richard Theiner, „muss der Armut vorbeugen." Die Bekämpfung der Armut sei „eine Querschnittsaufgabe aller gesellschaftlichen Bereiche und Kräfte", betonte er.Als „Grundpfeiler dieses Systems" nannte Theiner in erster Linie die soziale Mindestsicherung, die sich aus einem Bündel von Maßnahmen zusammensetzt wie die finanzielle Sozialhilfe, die Ergänzungsvorsorge, die Arbeitslosenunterstützung, das Wohngeld usw. Als unterstes soziales Sicherungsnetz sei das soziale Mindesteinkommen und die Hilfe bei Miete und Wohnkosten eine der wichtigsten Maßnahmen gegen Armut und soziale Ausgrenzung. Es handelt sich hier um eine zeitlich befristete finanzielle Unterstützung, die nicht automatisch beansprucht werden kann, sondern nur in begründeten Notlagen. Für einen Ein-Personenhaushalt beträgt das soziale Mindesteinkommen monatlich 585,60 Euro, für einen Zwei-Personen-Haushalt 766,16 Euro, bei drei Personen 995,52 Euro und bei vier 1.200,48 Euro. Dazu kommt die Übernahme von Miete und Nebenkosten. Ein weiterer Grundpfeiler ist die Pflegesicherung, 2007 beschlossen und 2008 eingeführt, um die Betreuung von pflegebedürftigen Menschen zuhause zu ermöglichen. Im Dezember 2009 haben 13.316 Empfänger Pflegegeld erhalten. 9.810 Menschen werden zuhause oder ambulant betreut und 3.506 in Heimen oder stationär. Der Pflegefonds 2009 belief sich auf 187.000.000 Euro.Was den dritten Punkt, das Familiengeld, betrifft, seien Änderungen geplant, kündigte der Landesrat an: „Die Familien müssen gestärkt werden, dazu wollen wir die Familiengelder der Region, des Landes und des Staates zusammenführen." Das Familiengeld erreichte im vergangenen Jahr von Region, Staat und Land zusammen 45.440.000 Euro.Auch ein weiterer Bereich, jener der Kleinkinderbetreuung, müsse vereinheitlicht, vereinfacht und ausgebaut werden, erklärte Landesrat Theiner: „15 Prozent der Kinder bis zu drei Jahren sollen bis 2015 einen Betreuungsplatz vorfinden. Damit wird einerseits die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gefördert und, was noch wichtiger unter dem Gesichtspunkt der Armutsbekämpfung ist, die Voraussetzung für die Erwirtschaftung eines zweiten Einkommens in der Familie geschaffen."Südtirol, unterstrich der Landesrat abschließend, habe ein ausgebautes, abgestuftes und gut organisiertes Sozialsystem: „Weitaus wichtiger sind aber die Menschen, die sich um den Nächsten kümmern. Die vielen einzelnen Frauen und Männer, die helfen, aber nicht an die Öffentlichkeit kommen, die Frauen und Männer, die in Verbänden und Vereinen engagiert sind und sich in den Dienst der Sache stellen. Zusammen können wir den Kampf gegen Armut und Ausgrenzung erfolgreich führen."