<b>Von Johanna Torggler</b><BR /><BR /><b>STOL: Im Jahr 2022 wurden in Südtirol offiziell 503 Fehlgeburten verzeichnet. Ein ungewollter Schwangerschaftsabbruch ist also keine Seltenheit, oder?</b><BR />Dr. Sonia Prader: Nein. Setzt man die offizielle Zahl von 503 Fehlgeburten in Verhältnis zu den knapp 5000 Geburten, die wir jährlich in Südtirol haben, so zeigt sich, dass offiziell jede 10. Schwangerschaft mit einem Kindsverlust endet. Allerdings handelt es sich hierbei nur um jene Fälle, die offiziell aufscheinen. Die Dunkelziffer der Fehlgeburten ist wesentlich höher. <BR /><BR /><embed id="dtext86-60079551_quote" /><BR /><BR />Außerdem ist wichtig zu erwähnen, dass es umso seltener zu Fehlgeburten kommt, je weiter eine Schwangerschaft fortgeschritten ist. Zu Beginn der Schwangerschaft kommt es bei 10 bis 15 Prozent der Fälle zum ungewollten Abbruch. Ein intrauteriner Fruchttod – also der Tod eines Kindes, das lebensfähig wäre – ist hingegen sehr selten. Zu einem intrauterinen Fruchttod kommt es nur bei 1 bis 6 pro 1000 Schwangerschaften. Aber umso schlimmer ist es dann natürlich für die betroffenen Frauen. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="908965_image" /></div> <BR /><BR /><b>STOL: Wie häufig kommt es also auf der Gynäkologie und Geburtshilfe in den Krankenhäusern Brixen und Sterzing zu Fehlgeburten?</b><BR />Prader: Ungefähr haben wir auf der Station 1 bis 2 Fehlgeburten pro Woche. <BR /><BR /><b>STOL: Warum kommt es überhaupt zu einer Fehlgeburt?</b><BR />Prader: Ursachen für die klassische Fehlgeburt vor der Lebensfähigkeit (also zu Beginn der Schwangerschaft) sind zumeist genetische Veränderungen, oder Infektionen sowie Fehlbildungen. <BR /><BR />Gründe für den intrauterinen Fruchttod nach der Lebensfähigkeit können Plazentainsuffizienz, oder Risikoschwangerschaften (wie z.B. Diabetes in der Schwangerschaft) und ein höheres Alter einer Erstgebärenden sein. Aber auch ganz normale Infektionen können für das Kind tödlich sein. <BR /><BR /><b>STOL: Eine Fehlgeburt ist eine extrem schmerzhafte Erfahrung, die Frauen und ihre Partner oft ein Leben lang begleitet. Wie geht es den Frauen in solchen Situationen und wie werden sie unterstützt?</b><BR />Prader: Eine Fehlgeburt ist immer schlimm. Besonders dann, wenn Eltern bereits eine Bindung zu ihrem Kind aufgebaut haben.<BR /><BR /><embed id="dtext86-60079555_quote" /><BR /><BR />Kommt es zu einem intrauterinen Fruchttod, wird nach Protokoll genau festgelegt, welche Untersuchungen eine Frau bekommt, aber auch wie besprochen wird, was die Fehlgeburt für die Zukunft, oder für eine weitere Schwangerschaft bedeutet. Außerdem wird gemeinsam entschieden wie das Kind geboren wird und wie man mit dem Kind umgeht, wenn es auf die Welt gekommen ist. <BR /><BR /><b>STOL: Wie meinen Sie das genau?</b><BR />Prader: Normalerweise werden Fotos gemacht. Wir ziehen das Kind gemeinsam mit den Eltern an, oder schenken den Eltern so viel Zeit mit dem Kind alleine, wie sie brauchen. Die Situation wird dabei immer genauso angepasst, wie sie für das jeweilige Paar stimmt. Die Eltern bekommen so viel Zeit und so viel Zuwendung, wie sie in diesem Moment brauchen. <BR /><BR /><b>STOL: Was ist besonders wichtig in dieser Situation?</b><BR />Prader: Das Wichtigste in der Situation ist immer sich jeder Zeit voll auf die Frau einzustellen. Denn für sie ist etwas Unvorstellbares Wirklichkeit geworden. Da muss man sehr sensibel darauf eingehen, wie man die jeweilige Frau am Besten unterstützt, damit sie nicht eine chronische depressive Verstimmung oder Traumatisierung daraus behält. Das ist das Ziel. <BR /><BR /><embed id="dtext86-60079580_quote" /><BR /><BR />Eine Frau wird sich immer an dieses Ereignis reagieren. Sie wird diesen Tag und diese Momente nie wieder vergessen. Aber das Ziel auf unserer Station ist es, die Frau so gut es geht zu begleiten, alles möglichst gut an sie anzupassen, und ihr Hilfe anzubieten, damit sie besser mit der Situation umgehen kann. <BR /><BR /><b>STOL: Was schätzen betroffene Paare in diesen Momenten?</b><BR />Prader: Wenn Frauen eine Spontangeburt haben, hat sich gezeigt, dass es in diesen Fällen besonders wichtig ist, den Paaren Zeit zu geben. In einem ruhigen Raum müssen sie gemeinsam erst einmal begreifen, dass es jetzt notwendig ist, die Geburt einzuleiten. Auch während der Geburt selbst, die ja eine sogenannte „Stille Geburt“ ist, ist es wichtig Ruhe zu bewahren. <BR /><BR />Auch hinterher geben wir dem Paar Zeit und Raum, um das Kind zu begreifen. Mit allen Sinnen. Mutter und Vater berühren das Kind, sie riechen es, sie hören. Dabei hören sie, dass man nichts hört. Das Kind wird in den Armen gehalten, die Temperatur wird gefühlt und die Eltern weinen gemeinsam. Wenn das Kind angezogen wird, merken die Eltern, dass das Kind nicht reagiert. Normalerweise machen die Eltern, oder wir, noch Fotos, bevor sie sich von dem Kind verabschieden und wieder alleine nach Hause gehen. <BR /><BR />Wir versuchen ein möglichst angenehmes Umfeld für diese brutale Situation zu schaffen. Das ist extrem wichtig. Denn wenn man hier nicht auf die Frauen aufpasst, die so etwas Schlimmes erleben, dann nehmen sie das in ihr restliches Leben mit, oder in die nächste Schwangerschaft. Die Frauen brauchen an diesem Tag von Beginn an Zuwendung und wir kümmern uns in jeder Phase um sie. <BR /><BR /><b>STOL: Emotionale Momente wie diese gehen sicher auch den Hebammen und Ärzten sehr nahe, oder?</b><BR />Prader: Ja natürlich. In der Gynäkologie arbeiten vorwiegend Frauen. Das sind ja alles potenzielle Patientinnen. Sie alle können nachvollziehen, wie sich so etwas anfühlen könnte – oder wie sich so etwas schon einmal angefühlt hat.<BR /><BR />Wir haben eine Psychologin, die in unserem Team mitarbeitet und es wird immer wieder auch darüber gesprochen, wie es den Behandlern geht. Manchmal haben ja auch Frauen eine Fehlgeburt, die wir kennen. <BR /><BR /><b>STOL: Wie werden die Frauen in der Zeit nach der Fehlgeburt begleitet?</b><BR />Prader: Alle Frauen bekommen beim Verlassen des Krankenhauses das Angebot der emotionalen Ersten Hilfe. Außerdem wird nach 6 bis 8 Wochen im Krankenhaus eine Kontrollvisite durchgeführt. Manche Frauen wollen, dass eine Autopsie gemacht wird, andere möchten, dass die Plazenta untersucht wird. Man versucht natürlich einen Grund zu finden, warum das Kind verstorben ist. <BR /><BR />Schon davor hat jede Frau die Möglichkeit zu einer Psychologin zu gehen, oder zur emotionalen Ersten-Hilfe. Es hängt von den jeweiligen Frauen ab, aber Hilfe wird zu jeder Zeit angeboten. <BR /><BR /><b>STOL: Wie kann man nach einem solchen Ereignis als Familie oder als Freundin reagieren?</b><BR /><BR /><embed id="dtext86-60079585_quote" /><BR /><BR />Prader: Oft sind Familienmitglieder und Freunde unsicher und wissen nicht genau, wie man mit der Situation umgehen soll. Die betroffene Person sollte aber auf keinen Fall gemieden werden. Und dann merkt man eigentlich ganz schnell, ob eine Frau das Gespräch bald abbricht, oder ob sie das Bedürfnis hat lange zu reden. Es ist wichtig da zu sein. Man sollte auf alle Fälle mit der betroffenen Person in Kontakt treten. Wenn man im Guten helfen will, kann man es eigentlich nicht falsch machen. <BR /><BR />Sollte es einer Frau in der Zeit nach einer Fehlgeburt nicht gut gehen, können sich auch Freunde, oder Familienangehörige bei der emotionalen Esten Hilfe melden und darum bitten, die betroffene Frau noch einmal zu kontaktieren. <BR /><BR />Für Paare ist es in der Zeit danach besonders wichtig zu erkennen, dass Frauen und Männer anders mit Trauer umgehen. Während Männer im Normalfall oft aktiv werden und viel Sport betreiben, neigen Frauen dazu sich daheim zurückzuziehen. Wichtig ist es hier, zu verstehen, dass einem die unterschiedliche Verarbeitung des Geschehenen nicht trennen, sondern ergänzen kann. Die 2 Arten der Trauerbewältigung können im Laufe der Zeit vereint werden. <BR /><BR /> <a href="https://www.stol.it/tag/Das%20Sonntags-Gespr%C3%A4ch" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">Alle STOL-Sonntags-Gespräche finden Sie hier.</a><BR /><BR />