Mittwoch, 15. April 2020

Joggen ist in Leifers Sport, in Bozen nicht

„Was darf ich jetzt wirklich?“ Diese Frage stellte sich nicht nur Tagblatt „Dolomiten“ am Mittwoch, sondern mittlerweile fast jede Südtirolerin und jeder Südtiroler. Wie chaotisch die derzeitige Situation im Land ist, beweist eine Diskussion rund um das Thema Joggen.

Sport oder nicht? Die Dekrete in Sachen Coronavirus-Vorbeugemaßnahmen sind oft unklar.
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Sport oder nicht? Die Dekrete in Sachen Coronavirus-Vorbeugemaßnahmen sind oft unklar. - Foto: © shutterstock
Seit Beginn der Coronakrise Mitte März unterzeichnen Ministerpräsident Giuseppe Conte in Rom und Landeshauptmann Arno Kompatscher (gefühlt) täglich neue Dekrete, in denen Corona-Maßnahmen verändert oder präzisiert.

In vielen Haushalten türmen sich bis zu 4 verschiedene Versionen an ausgedruckten Eigenerklärungen, Schlauchtücher, selbst genähte Mundschutze und vielleicht sogar professionelle Gesichtsmasken.

Und mit jeder neuen Änderung häufen sich die Fragen in der Bevölkerung, zuletzt mit Dringlichkeitsmaßnahme Nummer 20 am Ostermontag: Was genau ist eine Kernfamilie? Wie weit darf ich nun spazieren? Auch hier wurde erst am Folgetag eine Präzisierung gegeben, die vieles, aber nicht alles klärt.

Eine präzise Berichterstattung ist nur dann möglich, wenn präzise Vorgaben existieren – was gerade in Zeiten von Corona nicht immer der Fall ist.



So hat etwa das Thema Jogging am Mittwoch die STOL-Redaktion in Atem gehalten.

Nachdem der Bevölkerung in der 20. Dringlichkeitsmaßnahme von Landeshauptmann Arno Kompatscher unter anderem mehr Bewegungsfreiheit ohne Entfernungslimit zugesprochen wurde, ruderten die Bürgermeister von Bozen und Leifers, Renzo Caramaschi und Christian Bianchi, zurück: Die Städte seien zu bevölkerungsreich, um weiterhin den Mindestabstand garantieren zu können, wenn jeder gehen könne, wohin er wollte.

Aus diesem Grund wurde die erlaubte Entfernung von der eigenen Wohnung von 200 Meter auf 400 Meter angehoben, wenn man sich „zu Fuß“ bewegt.

Auch STOL erklärte in einem Video, dass das Spazieren und Joggen unter den vorherrschenden Sicherheitsmaßnahmen wie Mindestabstand und Mundschutz erlaubt sei, in Bozen und Leifers jedoch nur innerhalb von 400 Metern rund um das Eigenheim.

Nun erreichte die STOL-Redaktion am Mittwochmorgen ein Anruf aus Leifers: Dort sei es keineswegs erlaubt, zu joggen, auch nicht innerhalb der 400 Meter.

Ein Anruf bei Bürgermeister Christian Bianchi bestätigte die Aussage: Joggen sei eine sportliche Aktivität und somit – wie im Rundschreiben des Ministerpräsidenten Giuseppe Conte vom 31. März 2020 ausdrücklich erklärt – grundsätzlich verboten. Jogger in Leifers würden folglich gestraft.

Im Dekret der Gemeinde Leifers steht: „Die körperlichen Aktivitäten im Freien sind auf öffentlichen und privaten Flächen ausschließlich erlaubt, unter der Bedingung, dass die zwischen-menschliche Distanz von mindestens 3 Metern zu jeder anderen Person und die maximale Entfernung von 400 Meter Luftlinie vom eigenen Wohnsitz eingehalten werden.“

Allerdings zählt auch hier die Auslegung Contes: Joggen zählt nicht zur körperlichen, sondern zur sportlichen Betätigung.

Ein Kontrollanruf in Bozen bei Bürgermeister Renzo Caramaschi sorgte für weitere Verwirrung: Natürlich sei jegliche Form der sportlichen Betätigung untersagt, auch innerhalb der 400 Meter, erklärte Bozens erster Bürger. Nur körperliche Aktivitäten seien zulässig, etwa spazieren oder joggen.

Auf genaue Nachfrage bestätigte Caramaschi: „Joggen ist ganz klar eine körperliche Betätigung und nicht 'Sport' in diesem Sinne.“ Wenn man also mal kurz ein paar Runden ums Haus läuft, ist das in Bozen durchaus erlaubt.

Und auch der Bürgermeister von Neumarkt Horst Pichler erklärte, in seiner Gemeinde sei das Joggen durchaus zulässig, hier allerdings ohne Beschränkung.

Das Fazit: Ein genaues Regelbuch für alle gibt es schon länger nicht mehr, schwammig definierte Begriffe wie „körperliche Betätigung“ lassen massig Raum für Interpretation, die jede Gemeinde für sich selbst machen darf.

Und solange die ausführende Hand nicht (immer) weiß, was der politische Kopf sich gedacht hat, dreht auch die journalistische Feder ihre Kreise, stets in der Hoffnung, ins Schwarze zu treffen.

stol

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