Donnerstag, 12. April 2018

Jugend-Missbrauch im Internet: 27 Prozent betroffen

27 Prozent der 11- bis 18-Jährigen in Österreich sind schon sexueller Belästigung im Internet ausgesetzt gewesen. Mädchen geraten mit einem Anteil von 40 Prozent fast 3 Mal häufiger in solche Situationen als Burschen, sagte Raphaela Kohout vom Institut für Jugendkulturforschung bei einer Pressekonferenz in Wien. Die Täter sind oft Unbekannte und meist viel älter als die Betroffenen.

Jugendliche finden sich zu häufig mit sexueller Belästigung im Internet ab.
Jugendliche finden sich zu häufig mit sexueller Belästigung im Internet ab. - Foto: © shutterstock

Neue Freunde finden und sich verlieben, das passiert für Jugendliche heute laufend auch in Online-Spielen, auf Chatportalen oder Instagram. Dass sie dabei mitunter „ungut angegangen werden“ – bis hin zu strafrechtlich relevantem Missbrauch -, werde von vielen als „normal“ empfunden: „Obwohl wir tagtäglich mit dem Problem konfrontiert sind, waren wir sehr schockiert, wie sehr sich Jugendliche mit sexueller Belästigung im Internet abgefunden haben“, sagte Elke Prochazka, Psychologin bei Rat auf Draht, der Jugend-Notrufnummer. Rat auf Draht und SOS-Kinderdorf, das die Beratungsstelle seit 2014 führt, waren Auftraggeber der Umfrage unter 400 11- bis 18-Jährigen.

Von sexuellen Fragen bis eindeutigem Missbrauch

Die Erlebnisse reichen von unangenehmen sexuellen Fragen bis hin zu eindeutigem Missbrauch. Häufig erhalten Kinder ungefragt Nacktfotos oder -videos. 20 Prozent ist so etwas bereits passiert. Etwas mehr als 10 Prozent der Befragten wurden erpresst, zum Beispiel mit intimen Fotos. 4 Prozent gaben an, jemand habe gegen ihren Willen Nacktbilder von ihnen veröffentlicht oder weitergeschickt. Erfahrungen mit Cyber-Grooming, der Online-Anbahnung von Sexualkontakten mit Kindern und Jugendlichen, haben 14 Prozent gemacht. Bei den Mädchen liegt der Anteil sogar bei 22 Prozent.

Maßnahme: Blockier- und Sperrfunktion

Die häufigste Gegenmaßnahme ist die Blockier- und Sperrfunktion (52 Prozent). Knapp ein Viertel meldet den Betreffenden dem Seitenbetreiber, fast ebenso viele versuchen es mit der Änderung der Privatsphäre-Einstellungen. Nur 16 Prozent holen sich Hilfe bei den Eltern, jeweils 4 Prozent bei Lehrern oder einer Beratungsstelle. Die Jugendlichen fühlten sich gegenüber den Online-Übergriffen ohnmächtig und teilweise auch mitverantwortlich, sagte Prochazka. Hier müsse klargestellt werden: „Egal wie man sich präsentiert, die Schuld liegt immer beim Täter.“

Rechtlich ist die Lage eindeutig, betonte Kohout. Beispiel Cyber-Grooming: Wer Kinder unter 14 auffordert, pornografische Fotos von sich zu schicken, sich vor der Webcam auszuziehen, oder wer sie mit der Absicht des sexuellen Missbrauchs zu einem Treffen zu überreden versucht, dem drohen bis zu 2 Jahre Haft. 56 Prozent der Befragten wussten nicht, dass solches Verhalten strafbar ist. Folgerichtig gehen nur 8 Prozent zur Polizei, wenn sie im Internet sexuell belästigt wurden.

Fast 80 Prozent wünschen sich mehr Aufklärung über die Gefahr, am liebsten in der Schule. Christian Moser, Geschäftsführer von SOS-Kinderdorf, knüpft daran 4 Forderungen an die Politik: Neben Hilfestellung für die Erziehungsberechtigten und Medienschulung an Schulen und Kindergärten forderte er, die Seitenbetreiber und sozialen Medien stärker in die Pflicht zu nehmen sowie eine effektivere Strafverfolgung samt besserer Ausbildung von Polizisten, damit Betroffene, die doch eine Anzeige machen, nicht „abgespeist“ werden, was mitunter vorkomme.

Die Psychologin Elke Prhazka spricht über sexuelle Gewalt im Internet und wie diese von Kindern wahrgenommen wird:

60 Prozent der Kinder nutzt Internet uneingeschränkt 

Die Studie zeigt auch erneut, dass Kinder das Internet sehr frei nutzen können. Mehr als 60 Prozent tun dies völlig uneingeschränkt. 21 Prozent gaben an, für einen begrenzten Zeitraum surfen zu dürfen, 9 Prozent dürfen nur bestimmte Seiten besuchen. Bei jeweils 5 Prozent kontrollieren die Eltern die Onlineaktivitäten beziehungsweise haben Filter aktiviert.

„Schutz durch Verbote und Filter ist leider ein Trugschluss“, sagte Prochazka. „Kinder müssen spüren können, was ihnen unangenehm ist, und sollten dazu auch Gegenstrategien in die Hand bekommen. Das geht nur, wenn man sie auf dem Weg ins Internet begleitet.“ Eltern seien damit aber maßlos überfordert. Warnen ohne zu informieren gehe ins Leere: „Um über sexuelle Belästigung zu sprechen, muss vorher schon über Sexualität gesprochen worden sein.“ Das meist im Alter von 12 oder 13 am Programm stehende Aufklärungsgespräch komme da viel zu spät, meinte die Psychologin.

apa

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stol