<b>Von Miriam Roschatt</b><BR /><BR />Benzodiazepine – das sind starke, verschreibungspflichtige Beruhigungsmittel, zu denen unter anderem „Xanax“ und „Diazepam“ gehören. Diese Psychopharmaka wirken angstlösend, schlaffördernd und beruhigend. <BR /><BR />Wie die österreichische Nachrichtenagentur APA kürzlich berichtete, greifen nun auch immer mehr Jugendliche nach den „Wunderpillen“ – oft zusammen mit Alkohol. Warum ist das so? Und: Wie stark ist der Konsum hierzulande? <BR /><BR />Auf der Suche nach Antworten hat s+ mit einen Psychiater und einem Psychotherapeuten gesprochen. <h3> Die harten Fakten</h3>Dr. Roger Pycha, der Primar der Psychiatrie Brixen und Koordinator der „European Alliance Against Depression“, betont in aller Deutlichkeit: „Ich habe zwar keine Daten in der Hand, aber ich garantiere, dass der Konsum von Benzodiazepinen unter Jugendlichen in Südtirol gestiegen ist.“ <BR /><BR />Und das habe einen Grund. Als Hauptfaktor dafür nennt der Psychiater die Coronapandemie: „Seitdem sind weltweit die psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen um 25 Prozent gestiegen. Junge Menschen greifen dann zu Hilfsmitteln – unter anderem auch zu Psychopharmaka wie Benzodiazepine, die ruhig machen.“<h3> Gefährliches Suchtpotenzial</h3>Benzodiazepine, so der Primar weiter, gehören zu den am häufigsten verwendeten Medikamenten in der Psychiatrie. Warum? Pycha erklärt: „Weil sie gegen Angst, Aufregung, Anspannung und Depressionen helfen – und das innerhalb von Minuten.“ Die schnelle Wirkung sei nach Angaben des Arztes auch das Hautproblem der Benzodiazepine: „Die rasche Wirkeintrittsgeschwindigkeit kann das Abhängigkeitspotenzial erhöhen.“<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1017927_image" /></div> <BR /><BR />Gemäß Studien werden fünf Prozent aller Konsumenten von Benzodiazepinen süchtig. Zehn Prozent aller Konsumenten verwenden sie hingegen in der falschen Menge. Das heißt: 15 Prozent der Menschen, die Benzodiazepine konsumieren, haben einen ungesunden Umgang mit den Medikamenten. Daher sollten Psychiater mit der Verschreibung von Benzodiazepinen vorsichtig sein, „besonders bei Jugendlichen“, unterstreicht der Primar.<h3> Absetzen ohne Absprache</h3>Hinzu komme, dass über 70 Prozent der Patienten Psychopharmaka wie Benzodiazepine und Co nicht so einnehmen, wie von ihrem Psychiater empfohlen. Das habe laut Dr. Pycha auch einen Grund: „Ärzte sind heute nicht mehr die Götter im weißen Kittel. Das müssen wir akzeptieren. Behandeln heißt heute vor allem verhandeln.“ <BR /><BR />Eine starke Vertrauensbasis zwischen dem Psychiater und dem Patienten sei laut dem Primar der Psychiatrie Brixen heute daher das A und O: „Ich als Psychiater muss den Patienten einladen, mir zu erzählen, was er mit dem Medikament macht.“ <h3> Mischkonsum im Trend</h3>Wer Benzodiazepine einnimmt, sollte grundsätzlich keinen Alkohol konsumieren. So die Theorie. In der Praxis komme es aber häufig zu einem gefährlichen Mischkonsum. Warum der so gefährlich ist, erklärt Dr. Pycha wie folgt: „Wenn ich beide Substanzen kombiniere, dann ist es so, als würde ich doppelt so viel Alkohol trinken oder doppelt so viele Benzodiazepine einnehmen. Kurzum: Die beiden Substanzen verstärken sich gegenseitig.“ Die Folge: Intoxikationen, also körperliche Vergiftungen.<BR /><BR />Oskar Giovanelli, Psychotherapeut und Koordinator von „YoungHands“, einer Anlaufstelle für Jugendliche mit Suchtverhalten, spricht gar von einem Mischkonsum-Phänomen: „Mir ist bekannt, dass immer mehr junge Menschen beim Feiern Benzodiazepine zusammen mit Alkohol einnehmen. Auch Schmerzmittel wie Hustensäfte werden gerne gemischt, oft zusammen mit Energy-Drinks wie ‚Red Bull‘.“ Das Problem: „Viele Hustensäfte enthalten das Schmerzmittel Codein. Und Codein gehört zur Gruppe der Opiate; das sind psychoaktive Substanzen, die bei unsachgemäßer oder übermäßiger Anwendung wie Benzodiazepine zu einer Abhängigkeit führen können.“ <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1017930_image" /></div> <BR /><BR />Stellt sich die Frage, wie junge Menschen zu all diesen Medikamenten kommen? Giovanelli: „Mir wurde berichtet, dass Benzodiazepine und Schmerzmittel mittlerweile sogar schon aus dem Apothekenschrank zuhause geklaut werden.“ Auch auf illegalem Wege würden junge Menschen zu den größtenteils verschreibungspflichtigen Medikamenten kommen, die zumeist über soziale Netzwerke vertrieben werden. <h3> Hohe Dunkelziffer</h3>Sowohl im Ambulatorium für Suchterkrankungen bei Jugendlichen von „YoungHands“ als auch im Suchttherapiezentrum für Erwachsene „Hands“ werden nur zwei Prozent aller Patienten mit einer Medikamentenabhängigkeit behandelt. Giovanelli geht allerdings von einer hohen Dunkelziffer bei Menschen aus, welche die Medikamente missbräuchlich oder falsch verwenden, weil das Bewusstsein für die Risiken – wie eine Abhängigkeit – marginal sei. <BR /><BR />Als eine der wichtigsten Maßnahme gegen den Missbrauch von Psychopharmaka wie Benzodiazepine, aber auch von anderen Medikamenten wie Schmerzmitteln, nennt Giovanelli daher die Informationsvermittlung: „Menschen, egal welchen Alters, müssen über das Abhängigkeitspotenzial dieser Medikamente aufgeklärt werden.“ Informationslücken könnten nämlich bereits zu gewolltem oder ungewolltem Missbrauch führen.