Sowohl Mädchen als auch Buben wurden 2020/21 in Südtirol straffällig, wobei an Vorfällen mit Gewaltanwendung größtenteils Burschen beteiligt waren. Hier die Fakten und Details.<BR /><BR /><BR />Der Eindruck, dass die Jugend zusehends in Gewalttätigkeiten abdriftet, stimmt nicht, betont der Präsident des Jugendgerichtes, Benno Baumgartner. „Wir verzeichnen sogar einen Rückgang von Jugendstraftaten, diese Gewaltakte sind lokale Phänomene, die es in ähnlicher Weise wohl immer schon gegeben hat. “ Was allerdings auffällt: „Es gibt Anzeichen, wonach das Alter, in dem Jugendliche Alkohol und Drogen konsumieren, gesunken ist. Diese Substanzen enthemmen und können die Gewaltbereitschaft durchaus erhöhen“, sagt Baumgartner.<BR /><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="736907_image" /></div> <BR /><BR />Regelrechte Jugendbanden gebe es in Südtirol derzeit nicht. „Es passiert aber durchaus, dass einige Jugendliche, die vom rechten Weg abgekommen sind, in losen Verbindungen auftreten und sich mehrmals Anzeigen einhandeln“, sagt Baumgartner. Auch sorge der „Trend“, Videos von Übergriffen und Schlägereien im Internet zu posten, dafür, dass Aufmerksamkeit und Sensibilität der Öffentlichkeit für diese Phänomene zugenommen hätten. „Und eben diese wollten die Jugendlichen damit auch erreichen, weil sie sie oftmals in der Familie nicht erhalten“, sagt Baumgartner. Gesellschaftlich erzielten sie damit natürlich negative Aufmerksamkeit, jedoch unter Gleichaltrigen können sie damit auch Anerkennung ernten. In jedem Fall ruft Baumgartner dazu auf, derartige Übergriffe anzuzeigen. Nur so könne den Jugendlichen klar gemacht werden, dass ihr illegales Tun durchaus Konsequenzen nach sich zieht und sie nicht straffrei ausgehen.<h3> Schwere Gewalt Einzelfälle</h3>Abgesehen von den jüngst bekannt gewordenen Einzelfällen schwerwiegender Gewalt – beispielsweise in Meran – ist im Gerichtsjahr 2020/21 die Anzahl der Diebstähle, die von Jugendlichen begangen wurden, um rund die Hälfte zurückgegangen, und um fast ein Drittel die Anzahl der Körperverletzungen. Das geht aus der Bilanz des Jugendgerichtes für den Zeitraum vom 1. Juli 2020 bis 30. Juni 2021 hervor. Waren im selben Zeitraum des Vorjahres in Südtirol noch 103 Diebstähle – begangen durch minderjährige Täter – zur Anzeige gebracht worden, so belief sich die Zahl voriges Jahr auf 50. Die Anzahl der begangenen Körperverletzungen sank von 67 im Jahr 2019/20 auf 27 im vorigen Jahr, auch die gemeldeten Drogendelikte waren rückläufig – von 23 auf 16 Fälle. <BR /><BR />Der Präsident des Jugendgerichtes führt dies nicht zuletzt auf die Lockdowns im Herbst 2020 und Frühjahr 2021 zurück, als Lokale und Treffpunkte für Jugendliche geschlossen waren, Schüler im Fernunterricht und sich das Leben vornehmlich hinter häuslichen Mauern abspielte. „Im dritten und vierten Trimester des Gerichtsjahres, als die Einschränkungen aufgehoben wurden, haben die Zahlen dann aber wieder Vor-Covid-Niveau erreicht“, so Baumgartner.<BR /><BR />Sowohl Mädchen als auch Buben wurden 2020/21 in Südtirol straffällig, wobei an Vorfällen mit Gewaltanwendung größtenteils Burschen beteiligt waren. Bei Ladendiebstählen halten sich Mädchen und Jungen die Waage. Vom Alter her hat sich gezeigt, dass zusehends auch Minderjährige unter 14 beteiligt sind, besonders, wenn – wie etwa bei tätlichen Auseinandersetzungen und regelrechten Schlägereien – die Stärke und Dynamik der Gruppe ins Spiel kommt. Wenn es krachte, war der Auslöser meist banal, und die Situation hat sich dann hochgeschaukelt. Die klassische Version derjenigen, die vor dem Jugendgericht landen, lautet übrigens, dass sie sich nur verteidigt bzw. eingegriffen hätten, um andere zu verteidigen. <h3> Gemeinnützige Aufgaben</h3>Im Jugendgefängnis landen nicht viele Missetäter, in den meisten Fällen wird ihnen im Rahmen der Vorverhandlung eine Probezeit auferlegt, in der sie verschiedene Auflagen einhalten bzw. gemeinnützige Aufgaben bewältigen müssen, die durchaus auch mit der begangenen Tat verknüpft sein können. So kann z.B. ein Jugendlicher, der für schuldig befunden wurde, Wände beschmiert zu haben, die Aufgabe bekommen, Wände neu zu streichen. Ein erfolgreiches Projekt in Südtirol ist auch, Minderjährige, die bei Autoritäten bzw. Ordnungshütern grundsätzlich Rot sehen, mit Gemeindepolizisten auf Streife zuschicken, um ihnen zu zeigen, wie wichtig deren Einsatz für die Allgemeinheit ist. <BR /><BR />Viele straffällig gewordene Jugendliche kommen aus Familien mit Problemen, haben selbst wenig Verständnis erfahren, es fehlt ihnen oft an Empathie. Da kann die Mediation als eine Auflage der Probezeit Wunder wirken: Opfer und Täter werden zusammengebracht und haben Gelegenheit, zu erfahren, wie der jeweils andere den Vorfall erlebt hat. Rund die Hälfte der Opfer beteiligt sich an dem Mediationsprozess, falls nicht, übernimmt der Mediator dessen Rolle. In die Haut des anderen zu schlüpfen, kann auch durchaus für beide Seiten Augen öffnend sein. <BR /><BR />„In mehr als 80 Prozent der Fälle wird die Probezeit zufriedenstellend absolviert, die Jugendlichen nutzen die Möglichkeit, daraus zu lernen und ihr Verhalten zu überdenken. Es ist einfach Erfolg versprechender, wenn die Jugendlichen mitarbeiten, als wenn ihnen eine Strafe von oben aufgebrummt wird,“ weiß Baumgartner aus Erfahrung.