Laut Zahlen des Gesundheitsministeriums ist der Konsum von Drogen in Italien in der Altersgruppe von 15 bis 19 von 18,7 Prozent im Jahr 2021 auf 27,9 Prozent im Jahr darauf gestiegen. Konsumiert wird vor allem Cannabis, gefolgt von sogenannten Designerdrogen. Der Dienst EXIT beim Verein „La Strada – der Weg“ in Bozen bietet Jugendlichen und Eltern hier Beratung. <BR /><BR /><BR /><b>Frau Sternbach, wer wendet sich an EXIT?</b><BR />Laura Sternbach: Vielfach die Eltern von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die psychoaktive Substanzen konsumieren. Aber es wenden sich auch besorgte Eltern von Jugendlichen, die viel Zeit mit Computerspielen oder sozialen Medien verbringen, an uns. In Bozen arbeiten wir hier mit dem Dienst „Young Hands“ zusammen. Weiters gibt es junge Erwachsene, die sich an uns wenden, sowie Jugenddienste und andere Beratungsdienste, etwa die Familienberatung. Wir arbeiten zudem mit den Gerichten zusammen. Dabei werden Jugendliche oder junge Erwachsene, die wegen des Konsums von illegalen Substanzen von der Polizei aufgehalten wurden und als Konsumenten aktenkundig sind, für Informationsgespräche zu uns geschickt. Wir als Dienst schicken aber auch Jugendliche weiter. Sobald beispielsweise klar ist, dass eine längerfristige Begleitung nötig ist, dann begleiten wir die Person zum Dienst für Abhängigkeitserkrankungen des Sanitätsbetriebes. Wir arbeiten hier stark im Netzwerk mit den anderen Diensten zusammen. Das bedeutet, dass wir mit allen Institutionen und Vereinen, die für die Prävention von Substanzkonsum und Abhängigkeit zuständig sind, eng vernetzt sind. <BR /><BR /><BR /><b>Was kostet die Beratung bei EXIT?</b><BR />Sternbach: Die gesamte Beratung ist kostenlos, egal wie lange sie dauert. Nur Schulen, die uns anfordern, zahlen einen Kostenbeitrag, wenn wir für Präventionsarbeit in die Klassen kommen oder Infoabende abhalten. Der Betrag wird dabei mit der Schule vereinbart.<BR /><BR /><BR /><b>Wer ist die EXIT-„Kundschaft“?</b><BR />Sternbach: Im vergangenen Jahr waren es u.a. junge Erwachsene zwischen 18 und 25. 84 Prozent waren Männer, 16 Prozent Frauen. Bei den Eltern eher die Mütter, auch wenn sich heuer vermehrt Väter an unseren Dienst gewandt haben. Hier scheint sich etwas zu tun. <BR /><BR /><BR /><b>Was sind die häufigsten Gründe dafür, dass Jugendliche zu Drogen greifen?</b><BR />Sternbach: Bei Konsum von Substanzen geht es oft um Neugierde, um die Frage, was macht eine gewisse Substanz mit meinem Körper. Ist es nur Neugierde, bleibt es meistens dabei. Kommt es aber zu problematischem Konsum, zu Missbrauch oder sogar zu Abhängigkeit, liegen häufig psychisches Unwohlsein, Ängste, Depressionen, problematische Beziehungen in der Familie oder im Freundeskreis zugrunde. Solche Probleme versucht der Jugendliche dann mit Drogen zu lösen. Natürlich ist das eine Pseudolösung, weil das eigentliche Problem damit ja nur kurz weg ist, aber nicht verschwindet. Besser ist es, das eigentliche Problem anzugehen. Genau das versuchen wir in unserer Beratung bei Gesprächen mit Jugendlichen, auch mit der Prävention in den Schulen. Es geht darum, negative Gefühle und Emotionen in schwierigen Momenten nicht unter den Teppich zu kehren, sondern sich damit auseinanderzusetzen. Das ist auf lange Sicht der bessere Weg.<BR /><BR /><BR /><b>Welche Drogen sind bei Jugendlichen in Mode?</b><BR />Sternbach: Bei EXIT haben wir viel mit Jugendlichen zu tun, die Cannabis rauchen. Die klassischen Einstiegsdrogen bei Minderjährigen sind weiterhin Alkohol und Nikotin, mittlerweile vermehrt Vapes, also Einweg-E-Zigaretten, die in verschiedensten Geschmacksrichtungen angeboten werden. Zuletzt ist der Gebrauch der Substanz Ketamin bei jungen Erwachsenen aktuell geworden. Aber auch Kokain und Ecstasy werden konsumiert. <a href="https://www.stol.it/artikel/chronik/keine-partydroge-warum-ketamin-konsum-toedlich-enden-kann" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">(Hier lesen Sie mehr zu Ketamin)</a><BR /><BR /><BR /><b>Stimmt es, dass das Alter der Konsumenten sinkt?</b><BR />Sternbach: Ja, wir sehen, dass zum Teil auch junge Minderjährige zu uns kommen. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass die Pubertät mittlerweile früher einsetzt. Das heutige Durchschnittsalter für das Einsetzen der Pubertät liegt bei fast 12 Jahren; vor 20 Jahren waren es noch 2 Jahre mehr. Das bringt mit sich, dass Jugendliche einige Erfahrungen früher machen. Dass mehr Jüngere zu uns kommen, könnte aber auch damit zusammenhängen, dass die Sensibilität in der Bevölkerung beim Thema Drogenkonsum gestiegen ist. <BR /><BR /><BR /><b>Welche Rolle spielt die Familie bei der Beratung?</b><BR />Sternbach: Die Familie spielt eine zentrale Rolle, sowohl im Positiven wie im Negativen, etwa, wenn sie nicht für den Jugendlichen da ist, oder die Beziehungen nicht tragfähig sind. Das kann ein großer Risikofaktor sein, der zu einer Abhängigkeit führen kann. Da die Familie eine wichtige Ressource sein kann, setzen wir stark auf die Arbeit mit den Eltern. Wir führen zum Beispiel eine parallele Beratung durch, wobei 2 unterschiedliche Psychologen den Jugendlichen und die Eltern getrennt betreuen. Denn Jugendliche haben oft Angst, dass der Psychologe den Eltern Vertrauliches erzählt, was wegen der Schweigepflicht zwar unbegründet ist, aber die Furcht kann dennoch da sein. Wenn es angebracht ist, gibt es auch Familiengespräche, bei denen dann beide Psychologen anwesend sind. Darüber hinaus gibt es bei uns auch Angehörigengruppen, in denen sie sich, begleitet von Psychologen, austauschen und stützen und Informationen von uns holen können. Wird die Familie unterstützt, ist das förderlich für die Genesung des Jugendlichen.<BR /><BR /><BR /><b>Prävention in Schulen ist ein Teil der Arbeit von EXIT. Funktioniert das und wie lässt sich das belegen?</b><BR />Sternbach: Das ist nicht einfach zu beantworten. Es gibt den Spruch „There Is No Glory In Prevention“. Wenn man gute Prävention macht, passiert nichts. Grundsätzlich gilt: Bereits einmalige Treffen mit Klassen sind effizient, aber weit effizienter sind mehrere Treffen. Und die Erfahrung zeigt, dass es besser funktioniert, wenn die Prävention Teil einer breiten Gesundheitserziehung ist, in die auch die Eltern einbezogen werden. <BR /><BR /><BR /><b>Was kann die Gesellschaft – u.a. Familie, Schule, Vereine, Verbände – tun, um Jugendliche von Drogen fernzuhalten?</b><BR />Sternbach: Sie von Drogen fernzuhalten, ist schwierig, denn sie sind überall. Wenn jemand wirklich Drogen will, wird er sie finden, mittlerweile egal wo. Was die Gesellschaft tun kann, ist, die Jugendlichen in ihrer Entwicklung zu stärken und ihnen für ihre Probleme Lösungen anzubieten, mit denen diese tatsächlich angegangen und dann auch gelöst werden können. Sonst kann es eben passieren, dass Jugendliche versuchen, diese Probleme mit Drogen zu verdrängen, was dann in die Abhängigkeit führen kann. Aber unsere Gesellschaft muss sich auch an die eigene Nase fassen, denn viele Erwachsene konsumieren ebenfalls Substanzen, legale wie illegale. Wir können nicht immer nur mit dem Finger auf die Jugendlichen zeigen. Wir müssen uns für die Kinder und die Jugendlichen Zeit nehmen, denn Beziehungen sind das um und auf. Wenn die Beziehung zwischen Erwachsenen und Minderjährigen positiv ist, dann ist das ein sehr guter Schutz dafür, dass Drogen zum Problem werden. Es ist wichtig, dass die Gesellschaft den Jugendlichen Freiräume gibt, in denen sie sich ausprobieren können und mit ihnen über Risiken spricht. Sie in Watte zu packen ist nicht möglich und kann sogar kontraproduktiv sein, da sie so weniger lernen können mit Risiken umzugehen. Wichtig ist immer, dass die Jugendlichen von erwachsenen Bezugspersonen begleitet werden, an die sie sich wenden können. <BR /><BR /> <a href="https://www.lastrada-derweg.org/?page_id=1803&lang=de" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">Hier erfahren Sie mehr.</a>