Montag, 19. November 2018

Jugendliche immer häufiger in Fremdeinrichtungen

Die Kinder und Jugendanwaltschaft (Kija) ist immer häufiger mit Jugendlichen in Kontakt, die aus ihren Familien entnommen und in externen Einrichtungen untergebracht werden möchten. Südtirols Kinder- und Jugendanwältin Paula Maria Ladstätter ruft Eltern und Erziehungsberechtigte dazu auf, mehr Zeit mit den Kindern zu verbringen, ihre Probleme und Sorgen ernst zu nehmen und sie nicht mit Geld, psychischer oder körperlicher Gewalt besänftigen zu wollen.

Immer mehr Jugendliche möchten nicht mehr bei ihrer Herkunftsfamilie leben.
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Immer mehr Jugendliche möchten nicht mehr bei ihrer Herkunftsfamilie leben. - Foto: © shutterstock

Probleme gebe es in allen Familien: in reichen und armen, in städtischen und dörflichen Familien, in Familien mit mehreren oder Einzelkindern. Die Kija bietet Mediation an und begleitet Kinder und Jugendliche bei Bedarf in Zusammenarbeit mit den zuständigen Diensten und Behörden in externe Wohngemeinschaften.

Vater schlägt Sohn, Mutter verteidigt ihn nicht

Die Kija berichtet als Beispiel von einem besonders verstörenden Beispiel: Ein 14-jähriger Junge meldet sich bei der Kinder- und Jugendanwaltschaft und sagt, dass ihn sein Vater häufig schlage und die Mutter darüber Bescheid wisse. Sie unternehme aber nichts, um ihn zu schützen. Die Situation verschlimmere sich von Jahr zu Jahr: Bei jeder negativen Note, bei jedem noch so kleinen Fehler setze es Schläge.

Der Jugendliche ist verschreckt, hat Angst vor einem anstehenden Treffen mit den Eltern und den Verantwortlichen seiner Schule. Er befürchtet die Vergeltung seitens des Vaters nach dieser Zusammenkunft. Im Internet hat er von der Möglichkeit gelesen, aus seiner Familie entnommen und in einer Wohngemeinschaft untergebracht zu werden und bittet die Kija um Unterstützung.

Wunsch nach Fremdunterbringung steigt

Bereits 5 solcher Anfragen sind in der Kija heuer eingegangen. Der Wunsch fremduntergebracht zu werden, steige derzeit stark an, berichtet Paula Maria Ladstätter. Es gebe viele schwierige Situationen in Südtirols Familien, erfährt die Kinder- und Jugendanwältin täglich.

Jugendliche seien aber auch informierter als früher, versuchten, sich im Internet nach Alternativen umzuschauen und kommen in ihrer schwierigen Situation mit klaren Vorstellungen zur Kija. Es gelte, die jungen Menschen darüber aufzuklären, was eine Fremdunterbringung heißt, wie das Procedere ist.

Wer über die Fremdunterbringung entscheidet 

Entweder die Eltern oder das Jugendgericht entscheiden, ob es zu einer Fremdunterbringung kommt: „Als Kinder- und Jugendanwaltschaft begleiten wir die Jugendlichen in der Kommunikation mit den Eltern. Wir bieten Konfliktmanagement an und versuchen, falls es soweit kommt, die bestmögliche Unterbringungsform für die jungen Menschen zu finden“, sagt Paula Maria Ladstätter.

Das Kind und seine Herkunftsfamilie werden während des Entscheidungsfindungsprozesses unterstützt und befähigt, am Entscheidungsfindungsprozess aktiv teilzunehmen. Für die Kija ist es in solchen Fällen wichtig, die Netzwerkarbeit mit zuständigen Diensten und Behörden effizient zu aktivieren.

Angst und Hilfslosigkeit bei Eltern

Schwierige Situationen mit Jugendlichen machten Eltern ängstlich und hilflos, sagt Paula Maria Ladstätter. Wenn Eltern sich an die Kija wenden, hätten sie sich oft schon an viele andere Dienste gewandt. Viele dieser Einrichtungen hätten nicht die Möglichkeit, die Probleme zu eruieren, weil keine Zeit dafür sei.

Paula Maria Ladstätter ruft Eltern dazu auf, nicht in Überreaktion zu verfallen und den Diensten keine Informationen vorzuenthalten. „Eltern und Jugendliche brauchen Unterstützung“, sagt Paula Maria Ladstätter. In fast allen Familien habe der Stresspegel zugenommen, Trennung und Scheidung kämen häufig vor. Das führe zu Druck und Spannungen.

Gründe unter anderem langanhaltende Streitigkeiten

Jugendliche, die sich bei der Kija in Ausnahmesituationen melden, wollten einfach, „dass diese Situation aufhört“, erklärt die Kinder- und Jugendanwältin.

Gründe für das Weggehen-Wollen der Jugendlichen seien große und langanhaltende Streitigkeiten in der Familie, heftiges Reagieren der Eltern bei Herausforderungen in der Schule, extreme Erziehungsmaßnahmen wie gänzliches Smartphone-Verbot oder das Verbot, mit Freunden zu kommunizieren.

stol

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