Dienstag, 06. März 2018

„Jung, weiblich, obdachlos“: 20 Jahre Haus Margaret

Obdachlosigkeit ist nicht nur männlich. Es gibt auch Frauen, die ohne feste Bleibe sind, darunter vermehrt junge Frauen. Im Haus Margaret in der Bozner Kapuzinergasse werden seit nunmehr 20 Jahren obdachlose Frauen aufgenommen, betreut und begleitet. Im Interview mit STOL hat die Leiterin des Hauses, Giulia Frasca, die Problematik der Obdachlosigkeit von Frauen erklärt.

Obdachlose Frauen finden im Haus Margaret in Bozen eine Unterkunft und Hilfe. - Foto: Caritas
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Obdachlose Frauen finden im Haus Margaret in Bozen eine Unterkunft und Hilfe. - Foto: Caritas

Seit der Gründung des Hauses, kamen insgesamt 1050 obdachlose Frauen in das Haus Margaret in Bozen. „Diese Frauen sind nicht anders als andere Frauen: Sie wünschen sich Sicherheit und Geborgenheit – Dinge, die ihnen aufgrund von schwierigen Kindheits- und Lebenserfahrungen leider verwehrt geblieben oder abhanden gekommen sind“, sagt Giulia Frasca, die Leiterin von Haus Margaret, in einer Aussendung der Caritas.  

Im STOL- Interview erzählt die Leiterin: „Im Moment befinden sich 18 Frauen im Haus Margaret, das heißt alle Betten sind belegt“, meint Frasca weiter. Kinder können im Haus nicht untergebracht werden, es kommt aber auch vor, dass Schwangere oder Alleinerziehende eine Unterkunft suchen. 

„Sozialdienste schicken die Frauen zu uns. Gemeinsam mit anderen Diensten versuchen wir dann den Frauen zu helfen“, erzählt die Leiterin weiter.

Helfen wollen die Mitarbeiter des Margaret Hauses oft mit ganz einfachen Gesten: Sie schreiben zusammen einen Lebenslauf, sprechen mit den Betroffenen oder hören ihnen einfach nur zu. 

Immer jüngere Frauen sind von Obdachlosigkeit betroffen 

Die Gründe, warum Frauen plötzlich ohne ein Dach über dem Kopf sind, sind so verschieden wie die Betroffenen selbst. Oft sind es Schicksalsschläge wie Tod, Scheidung oder Trennung, die ihnen den Boden unter den Füßen wegziehen, schwierige Familienverhältnisse, Abhängigkeitsproblematiken und vieles mehr.

„Eine Zeitlang werden sie vielleicht von Freunden oder Bekannten aufgenommen, aber das geht nicht auf Dauer. Sie finden wegen fehlender Ausbildung häufig keine Arbeit -außer Schwarzarbeit- folglich auch keine Wohnung und damit beginnt für sie ein Teufelskreis“, sagt Frasca. 

Davon seien immer mehr auch junge Frauen betroffen. Allein im Haus Margaret waren im vergangenen Jahr 9 von insgesamt 46 aufgenommenen Frauen unter 30 Jahre alt, 11 von ihnen sind unter 40. 

5 der 18 Frauen, die im Moment betreut werden, sind zwischen 18 und 25 Jahre alt. STOL gegenüber erzählt Frasca: „Junge Frauen geraten hauptsächlich deshalb in diesen Teufelskreis, weil sie keine gute schulische Ausbildung erhalten haben und deshalb keine Arbeit finden.“

Obdachlose Frauen wollen nicht auffallen 

„Obdachlosigkeit äußert sich bei Frauen anders als bei Männern“, ist Frasca überzeugt. Frauen fallen im Gegensatz zu ihren männlichen Leidensgenossen weniger auf. „Die Frauen wissen, dass sie viel verletzlicher sind und sich schützen müssen“, erklärt Frasca in der Aussendung der Caritas. „Deshalb versuchen sie, so wenig wie möglich aufzufallen, sich zu pflegen, ordentlich zu kleiden und sich an Orten aufzuhalten, an denen niemand so schnell auf die Idee kommen würde, dass sie nur da sind, weil sie kein Zuhause haben.“ Doch diese ständige Unsicherheit habe ihren Preis. „Das sind Zeiten sehr prekären Lebens und Wohnens, gefährlich für den Körper, aber auch für die Psyche, weil man immer mit der Sorge lebt: Wie geht es weiter? Wo werde ich morgen sein? Bin ich sicher?“

„Mit unserer Unterstützung finden obdachlose Frauen eine Arbeit, aber das ist meist alles andere als leicht. Sie schämen sich und müssen erst wieder autonom werden. Sie trauen sich nicht, die Adresse der Unterkunft anzugeben und deshalb begleiten wir sie anfangs manchmal noch. Erst wenn die Frauen wieder autonom sind, können sie offen über ihre Lebenssituation sprechen. Sie fühlen sich dann angekommen und Zuhause“, so die Leiterin des Margaret Hauses gegenüber STOL. 

Obdachlose Frauen wollen nicht auffallen. Sie schämen sich für ihre Lebensumstände. - Foto: Caritas

Im Haus Margaret werden Frauen aufgefangen 

Im Haus Margaret, das die Caritas im Auftrag der Gemeinde Bozen seit nunmehr 20 Jahren in der Bozner Kapuzinergasse führt, wird versucht, Frauen ihre Sorgen abzunehmen. Insgesamt 1.050 Frauen wurden hier bereits aufgenommen. Sie können im Haus frühstücken, zu Mittag und zu Abend essen, duschen und ihre persönliche Wäsche waschen. „Wenn diese elementaren Grundbedürfnisse befriedigt sind, wird es auch möglich, mit den Frauen individuelle Projekte durchzuführen, die sie aus der Obdachlosigkeit führen sollen“, sagt Frasca.

Hier sei die Arbeit mit den Netzwerkpartnern besonders wichtig. „Wir wollen den Frauen ihr Selbstvertrauen und die oft verloren geglaubte Würde zurückgeben. Auch darin unterscheiden sich obdachlose Frauen nicht von anderen: Nur wer sich sicher, geschützt und geschätzt fühlt, findet auch die Kraft, negative Erfahrungen hinter sich zu lassen und ein selbst bestimmtes Leben zu führen.“

Zwischen 3 Monaten und 2 Jahren können Frauen in dieser Unterkunft bleiben und mithilfe von Pädagoginnen zurück ins Leben finden. Häufig werden Frauen während der Zeit im Haus auch von Psychologinnen betreut. 

Haus Margaret und seine Bewohner werden immer wieder durch großzügige Spenden unterstützt. Jüngst ging sogar eine Spende aus Frankfurt am Main ein: Bischof Ivo Muser hatte dort in der Stadtpfarrkirche das Karlsamt gefeiert, woraufhin die Kollekte von rund 2.100 Euro als Spende an das Haus Margaret der Caritas Diözese Bozen-Brixen ging. 

Die Leiterin des Margaret Hauses, Giulia Frasca. - Foto: Caritas

stol/nad

stol