Im s+ Interview erklärt der Alpinmediziner, wie man in Notfällen reagieren sollte, was bei Unterkühlung bzw. bei Erfrierungen im Körper passiert und wie man sich ideal auf eine Bergtour vorbereiten sollte.<BR /><BR />Wer sich in die Berge wagt, erlebt dort nicht nur die atemberaubende Schönheit der Natur, sondern setzt sich gleichzeitig einer Reihe von Gefahren aus. Einige, wie Steinschlag und Lawinen, sind offensichtlich, andere eher schleichend.<BR /><BR /> Auch auf Südtirols Bergen kommt es immer wieder zu Fällen von Unterkühlung und Erfrierungen bei Bergsteigern. Nicht zu letzt hat der <a href="https://www.stol.it/artikel/chronik/verletzter-tourengeher-ueberlebt-nacht-bei-minus-16-grad-auf-2750-metern" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">Vorfall im Ahrntal</a>, bei dem ein verletzter Tourengeher Temperaturen von minus 16 Grad Celsius in einer selbstgebauten Schneehöhle trotzen konnte, aufgezeigt, wie gefährlich Kälte sein kann aber auch, wie man sich mit einigen Vorkehrungen gezielt schützen kann.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="663551_image" /></div> <BR /><b><BR />Ist Kälte am Berg – besonders in den Sommermonaten - eine unterschätzte Gefahr?</b><BR />Rauch: Das ist sie auf jeden Fall. Die meisten Menschen gehen davon aus, dass Hypothermie (Unterkühlung) bei uns nur im Winter oder in Gegenden, wo es extrem kalt ist, vorkommt. Das ist aber nicht der Fall: Erst im Jahr 2018 hat ein Bergsteiger in der Marmolada-Südwand im August einen Herzkreislaufstillstand als Folge einer schweren Unterkühlung erlitten. So gibt es zahlreiche Beispiele, die zeigen, dass Unterkühlungen das ganze Jahr über und in allen Regionen der Welt vorkommen, sogar in den Subtropen.<BR /><BR /><b>In welchen Situationen kann die Kälte zur ernsthaften Gefahr werden?</b><BR />Rauch: Wenn unser Körper mehr Wärme verliert als er produziert, kommt es zu einem Absinken der Körpertemperatur. Mehrere Faktoren können dies begünstigen, insbesondere kalte und feuchte Umweltbedingungen sowie Wind. Auch Alkohol führt, über eine Weitstellung der Blutgefäße, zu einem rascheren Wärmeverlust. Besonders gefährlich wird es, wenn zu diesen Faktoren körperliche Inaktivität dazu kommt: Wenn sich etwa jemand am Berg verletzt und dann bewegungslos in widrigen Umweltbedingungen ausharren muss, kann es schnell lebensgefährlich werden, wie es unlängst auch am Monte Rosa geschehen ist.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-49855486_quote" /><BR /><BR /><b><BR />Wie äußert sich eine Unterkühlung im Körper?</b><BR />Rauch: Die Hypothermie kann in verschiedene Stadien eingeteilt werden. Im Stadium 1 spricht man von milder Hypothermie, die Körperkerntemperatur sinkt hier auf 32 bis 35 Grad Celsius: Der Betroffene hat ein Kältegefühl, fängt an zu zittern, ist aber in der Regel bei vollem Bewusstsein. Meist steigen Herzfrequenz und Blutdruck an. In diesem Stadium besteht noch keine unmittelbare Lebensgefahr durch die Hypothermie .<BR />Sinkt die Körperkerntemperatur unter 32 Grad Celsius, wird Stadium 2 erreicht: Das Zittern lässt nach, der Kreislauf wird heruntergefahren, Betroffene werden schläfrig und verlieren langsam das Bewusstsein. <BR />Sinkt die Temperatur unter 28 Grad Celsius (Stadium 3) sind Betroffene fast immer bewusstlos, können aber noch einen Minimalkreislauf aufweisen, der sich durch eine niedrige Herzfrequenz, niedrigen Blutdruck und eine verringerte Atmung äußert.<BR />Das Risiko einen Herzkreislaufstillstand durch Hypothermie zu erleiden besteht bei Körperkerntemperaturen von unter 30 Grad Celsius und steigt bei Temperaturen unter 28 Grad Celsius steil an. <BR /><BR /><b>Umgangssprachlich würde man in so einem Fall vom „Erfrieren“ sprechen, wobei eine Erfrierung und eine Unterkühlung 2 verschiedene Dinge sind…</b><BR />Rauch: Ganz genau. Erfrierungen und eine Unterkühlung können zwar gemeinsam auftreten, sind aber zunächst 2 unterschiedliche Sachen: Die Unterkühlung beschreibt ein Absinken der Körperkerntemperatur unter 35 Grad Celsius, während die Erfrierung ein lokaler Kälteschaden durch Ausbildung von Eiskristallen im Gewebe ist. Erfrierungen treten typischer Weise an Fingern, Zehen, Nase oder Ohrläppchen auf. Kommt es zu Erfrierungen sollte das betroffene Körperteil (z.B. im Wasserbad bei 37-40 Grad Celsius) möglichst schnell aufgewärmt werden, allerdings nur dann, wenn eine neuerliche Kälteexposition ausgeschlossen werden kann. Ist dies nicht möglich, sollte die Stelle warm und locker eingebunden sowie hochgelagert werden. Von Massieren oder Reiben der entsprechenden Stelle sollte man absehen. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="663554_image" /></div> <BR /><BR /><b>Wie sollte ich im Unterkühlungs-Notfall reagieren?</b><BR />Rauch: Besteht neben der Erfrierung auch eine Hypothermie, hat diese in der Behandlung auf jeden Fall Vorrang: Lieber verliert man einen Finger, als das Leben eines Menschen. Im ersten Stadium sollte man - sofern möglich - eine warme und windgeschützte Umgebung aufsuchen. Nasse Kleidung sollte durch trockene und warme Kleidung ersetzt werden. Eine Regenjacke und Überhose bzw. eine Rettungsdecke oder ein Biwaksack schützen vor Nässe und Wind. Eine Mütze vermindert die Wärmeabgabe über den Kopf. Heiße, gezuckerte Getränke geben dem Körper Energie zur Wärmeproduktion durch Zittern. Solange der Patient bei Bewusstsein ist, sollte er sich auch aktiv bewegen, denn Bewegung erzeugt sehr viel Wärme und kann eine weitere Auskühlung verhindern.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-49855730_quote" /><BR /><BR />Anders sieht es aus, wenn sich der Patient im Stadium der moderaten oder schweren Hypothermie (Stadium 2 oder 3) befindet: Dann sollte er möglichst nicht bewegt werden, damit sich das kalte Blut aus der Körperschale nicht mit dem noch wärmeren Blut im Körperkern vermischt. Nasse Kleider sollten nur entfernt werden, wenn sich der Patient in einer warmen Umgebung befindet. Sonst ist es besser, ihn mit verschiedenen Schichten einzuwickeln: innen eine Wärmedecke oder ein Schlafsack, außen ein Biwaksack bzw. eine Rettungsdecke zum Schutz vor Nässe und Wind. Ist der Patient bewusstlos, sollte er in die stabile Seitenlage gebracht werden, wenn er dagegen keine Lebenszeichen mehr aufweist, sollte mit der Herz-Lungen-Wiederbelebung begonnen werden.<BR /><BR /><b>Wie rüste ich mich am besten für meine nächste Bergtour?</b><BR />Rauch: Die Prävention ist das Um und Auf und diese beginnt natürlich schon Zuhause. Bevor ich mich in die Berge wage, ist eine richtige Tourenplanung – Länge, Verlauf, Höhenprofil, Schwierigkeitsgrad – essenziell. Außerdem sollte man sich schon im Vorfeld anschauen, wo nahegelegene Schutzhütten sind und ob es alternative Routen für den Notfall gibt. Das Wetter spielt natürlich eine große Rolle, denn Wetterumbrüche im Gebirge sind keine Seltenheit und können für schnelle Temperaturstürze sorgen. Deshalb sollte man die Vorhersage genau überprüfen. Natürlich ist aber auch die richtige Ausrüstung wichtig: In den Rucksack gehört auf jeden Fall trockene Wechselkleidung inklusive einer wärmeren Schicht, Regenschutz, leichte Mütze und Handschuhe (auch im Sommer) sowie ein Erste-Hilfe-Set, ein Biwaksack oder eine Rettungsdecke, ein Mobiltelefon (am besten mit einer Powerbank, weil Kälte Akkus schneller leert) und eine Stirnlampe.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-49855738_gallery" /><BR /><BR /><BR /><BR />