Donnerstag, 07. April 2016

Kammerlander spricht über den "größten Fehler meines Lebens"

Er fuhr als erster Mensch auf Skiern vom Everest und bezwang fast alle Achttausender. Doch zählt das alles noch, wenn ein Fehler einen so großen Schatten über das eigene Leben wirft? Im Interview mit dem Magazin "1890" spricht der Bergsteiger Hans Kammerlander erstmals über den größten Fehler seines Lebens: Eine Alkoholfahrt, bei der ein junger Mann starb.

Hans Kammerlander: Seine Alkoholfahrt sieht er klar als größten Fehler seines Lebens: "Alle Fehler, die ich je am Berg gemacht habe, sind im Vergleich dazu banal."
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Hans Kammerlander: Seine Alkoholfahrt sieht er klar als größten Fehler seines Lebens: "Alle Fehler, die ich je am Berg gemacht habe, sind im Vergleich dazu banal." - Foto: © D

Der 21-jährige René Eppacher aus Rein in Taufers verlor bei dem Verkehrsunfall am 26. November 2013 sein Leben. Kammerlander hatte 1,48 Promille Alkohol im Blut. Dazu hat sich der Unfalllenker und Extrembergsteiger bislang nie öffentlich geäußert. Im Interview mit "1890", einem Kundenmagazin der Allianz, spricht er erstmals offen darüber und über seine Pläne, Südtirol zu verlassen (hier geht es zum vollständigen Interview). Hier ein Ausschnitt:

Am 26. November 2013 waren Sie wenige Kilometer von Ihrem Wohnort im Tauferer Ahrntal an einem Unfall mit fünf Fahrzeugen beteiligt. Ein junger Mann starb. Sie waren alkoholisiert, hatten 1,48 Promille.
Hans Kammerlander, Extrembergsteiger: Diese Autofahrt war ganz klar der größte Fehler meines Lebens. Alle Fehler, die ich je am Berg gemacht habe, sind im Vergleich dazu banal.

Anfänglich meldeten die Südtiroler Zeitungen, der tödlich Verunglückte sei in Sie hineingefahren. Diese Darstellung wurde korrigiert. Trotzdem vermuteten viele, Sie hätten einen Promibonus. Was ist Ihre Wahrheit?
Kammerlander: ?Ich habe sofort gesagt, dass der Polizeibericht falsch ist. Aber da war die Meldung schon draußen, ich lag im Krankenhaus. Dieses Hin und Her hat danach zu einer enormen Angriffswelle gegen mich geführt, vor allem in der Anonymität des Internets. Jeder hat das Recht, mich für diese Sache zu kritisieren, aber auf diese Art finde ich das feige.

Vor einem Jahr schlossen Sie einen gerichtlichen Vergleich: zwei Jahre Haft auf Bewährung, ein Jahr Führerscheinentzug wegen fahrlässiger Tötung und Alkohol am Steuer (STOL hat berichtet). Viele fanden das Urteil zu milde, heißt es.?
Kammerlander: Es sind viele Fehler gemacht worden in dieser Nacht, nicht nur von mir. Mehrere Autos haben die Sicherheitsabstände damals nicht eingehalten. Ein Auto fuhr wie ich zu weit in der Mitte. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich will mich nicht rausreden: Meine Schuld waren die 1,48 Promille. Diese Schuld ist da. Diesen Fehler hätte ich nicht begehen dürfen.

Die Eltern des Unfallopferswohnen in einem Nachbardorf.Haben Sie Kontakt zu ihnen?
Kammerlander: ?Nicht mehr. Ich glaube, das ist schwer für sie. Der Schock sitzt tief, und das kann ich verstehen. Es tut mir alles furchtbar leid. Sie waren vom milden Urteil enttäuscht.

Das gilt für viele Südtiroler – Ihr Ruf hat enorm gelitten. Sie halten in Ihrer Heimat keine Vorträge und geben auch keine Interviews mehr ...
Kammerlander: Es wird nie ganz vorbei sein. Ich sehe meinen Fehler klar ein, von der Angriffswelle gegen mich bin ich dennoch enttäuscht. Wenn ich heute zu Hause unterwegs bin und Leuten begegne, frage ich mich oft: Hat der auch solche Sachen über mich im Netz geschrieben? Es waren an die 8000 Beiträge, die über mich zu lesen waren, die meisten negativ. Ich spiele mit dem Gedanken, aus Südtirol wegzuziehen. Und dann wieder fällt mir der Schritt extrem schwer.

Wo würden Sie hingehen?
Kammerlander: Nach Osttirol, in die Lienzer Dolomiten. Da ist es so schön wie bei uns. Ich liebe Südtirol, aber ich hatte nie Heimweh, wenn ich woanders war.

Welche Freunde sind Ihnen geblieben?
Kammerlander: Die wahren. Diejenigen, die mit einem reden statt über einen. Einige haben zu mir gesagt: Wie oft habe ich etwas getrunken und bin Auto gefahren, aber ich habe immer Glück gehabt.

Stehen Sie auch deshalb so in?der Kritik, weil Sie als weltberühmter Sportler ein Vorbild waren?
Kammerlander: ?Ich bin kein Vorbild, ich war nie eines – das ist doch ein Blödsinn! Ich fühle mich doch nicht als Vorbild, wenn ich am Everest die Ski anschnalle und runterfahre. Da bin ich das Gegenteil! Die Mutter Teresa, die ist ein Vorbild, oder der Dalai Lama ...

... den Sie in Tibet mehrmals getroffen haben. Er sagt: Wenn du merkst, dass du einen Fehler begangen hast, dann unternimm alles, ihn zu korrigieren.
Kammerlander: Darüber habe ich viel nachgedacht. Aber bei dem Unfall ist mir diese Möglichkeit leider nicht mehr gegeben. 

stol

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