Am Freitag, 14. August 1998 gingen um kurz vor Mitternacht rund 10.000 Kubikmeter an Schlamm- und Gesteinsmassen auf die Autobahn nieder. 5 Menschen wurden unter den Schlamm- und Geröllmassen begraben. Warme und feuchte Luftmassen lagen an diesem Freitag über Südtirol. Am Vorabend des Hochunserfrauentages braute sich etwas zusammen, das sich eine knappe halbe Stunde vor Mitternacht über Franzensfeste, Mühlbach und dem Lüsener Tal entladen sollte. <h3> Strömender Regen</h3> <h3> auf Autobahn</h3> Nichts ahnend befanden sich an diesem späten Abend auch 5 Urlauber aus Deutschland auf der Durchreise. Ein Ehepaar aus Mainz sowie eine 3-köpfige junge Familie aus Schleswig-Holstein waren kurz vor Mitternacht mit ihren Fahrzeugen, einem Mazda und einem Audi, auf der Autobahn bei Franzensfeste unterwegs. Es muss in Strömen geregnet haben, die Wetterkarten zeigten später, dass in Franzensfeste innerhalb kürzester Zeit 50 Millimeter pro Quadratmeter niedergingen. <h3> 10.000 Kubikmeter an Material donnern auf A22 </h3>Nach Rekonstruktionen der Staatsanwaltschaft war es 23.33 Uhr, als sich oberhalb von Franzensfeste am Gorgentalgraben eine Mure löste. 10.000 Kubikmeter Geröll und Schlamm donnerten zu Tal, ergossen sich über beide Fahrspuren der Brennerautobahn und begruben die 5 Urlauber unter sich und hatten keine Chance dem Tod zu entrinnen. <h3> Wer waren die 5 Todesopfer?</h3>Das Murenunglück von Franzensfeste forderte 5 Todesopfer, allesamt deutsche Urlauber, die damals am späten Abend des 14. August 1998 auf der Brennerautobahn unterwegs gewesen waren: Hans Hermann Immerheiser (58) aus Mainz und seine Lebensgefährtin Heide Winhardt-Traband (54) aus Worms fuhren vom Brenner aus Richtung Süden, als sie von den Geröll- und Schlammmassen in den Tod gerissen wurden. Bei den 3 anderen Todesopfern handelte sich um Jens (36) und Astrid Hoffmann (34) und ihren 7-jährigen Sohn Jan. Die Familie stammte aus Pinneberg in Schleswig-Holstein und befand sich auf der Rückreise vom Gardasee.<h3> Weitere Muren lösten sich</h3>Gleichzeitig lösten sich auch an anderen Stellen im Gemeindegebiet Muren. Neben der Autobahn waren auch die Staatsstraße und die Eisenbahn vermurt, sämtliche Verkehrsverbindungen waren unterbrochen. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="928021_image" /></div> <h3> Rettung in letzter Sekunde </h3>Die Wucht des Unwetters bekamen auch Angelo und Mirella Dusi zu spüren. Sie hatten die Nacht in ihrem Wohnmobil unweit des Murenabgangs im Garten der Familie Goggi verbracht. Der Regen war so stark, dass sie sich nur durch das Fenster auf das Dach des Wohnmobils retten konnte. Luciana Goggi alarmierte die Feuerwehr, wenig später ergoss sich vor ihrem Haus eine Schlammlawine. Sie alle kamen Gott sei Dank heil davon. <h3> Unvergessene Unwetternacht</h3>Die Unwetternacht vom August 1998 dürfte für unzählige Einsatzkräfte unvergessen bleiben. Allein 100 Feuerwehren waren im Einsatz. Dazu kamen Einsatzkräfte der Bergrettung, des Rettungsdienstes, der Brennerautobahn, des Katastrophenschutzes, Geologen des Landes, Behörden. Die Schlamm- und Geröllmassen auf der Autobahn, die Befürchtung, dass Menschen unter der Mure begraben sein könnten, lösten bei allen blankes Entsetzen aus. <h3> Verkehrschaos und enormes Medieninteresse</h3>Die Mure ergoss sich auf einer Breite von 100 Metern über die Autobahn,teils war der Murenkegel bis zu 4 Meter hoch. Unmittelbar nach dem Abgang der Mure begannen die Bergungsarbeiten – anfangs noch händisch mit Schaufeln. Ein auch für die Retter gefährlicher Einsatz. Noch in der Nacht arbeitete sich Räumgerät zur Einsatzstelle vor, ein Metalldetektor kam zum Einsatz. Die Murenabgänge in dieser Nacht führten auch zu einem enormen Verkehrschaos in und um Südtirol, der Verkehr über den Brenner war für Stunden völlig zum Erliegen gekommen. Dank des Einsatzes aller beteiligten Rettungs- und Bergungsmannschaften konnte die Brennerstaatsstraße am späten Vormittag des 15. August, die Autobahn am Nachmittag und die Eisenbahn am Abend desselben Tages wieder für den Verkehr freigegeben werden. Das tragische Murenunglück zog das Interesse der Medien im In- und Ausland auf sich, zahlreiche Fernsehsender und Tageszeitungen berichteten. „Das Drama am Brenner“ titelte die „Bild am Sonntag“, Reporter von Fernsehsender berichteten live vor Ort mit Übertragungswagen von der Murenkatastrophe und den Aufräumarbeiten.<h3> Erhebungen und Ermittlungen</h3> Der katastrophale Murenabgang vom 14. August 1998 sollte auch die Justiz noch lange beschäftigen: Nach dem tödlichen Murenabgang war untersucht worden, ob das Unglück vermeidbar gewesen wäre und wenn ja, wer dafür verantwortlich gemacht werden könnte. Im Jahr 2001 wurden die Ermittlungen schließlich eingestellt, da ein Gutachten ergeben hatte, dass die A22 nicht für den verheerenden Murenabgang verantwortlich gemacht werden kann. Im Jahr 2008 wurde auch das Zivilverfahren eingestellt, nachdem die Versicherung der A22 den Hinterbliebenen von 2 Todesopfern jeweils rund 100.000 Euro für den Verlust ihrer Angehörigen gezahlt hatte. <h3> Bürgermeister erinnert sich zurück</h3>Im August vor 25 Jahren war Johann Wild Bürgermeister von Franzensfeste. Im Gespräch mit uns erinnert sich Wild an die verhängnisvolle Nacht. <BR /><BR /><b>Herr Wild, wie erlebten Sie die Nacht vom 14. auf den 15. August 1998?</b><BR />Johann Wild: Ich war an diesem Abend mit meiner Frau und den Kindern im Pustertal, bekam aber einen Anruf, dass es Probleme gab, ich fuhr noch am Abend nach Franzensfeste. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="928024_image" /></div> <BR /><b>Was haben Sie vorgefunden?</b><BR />Wild: Es war schon der Teufel los, ich habe das Auto am Bahnhof stehen lassen und bin zu Fuß nach Oberau gegangen. Es war Nacht, es regnete, ein modriger Geruch lag in der Luft. Eine chaotische Situation. Der Zivilschutz übernahm die Rettungs- und Bergungsarbeiten. Ich war immer dabei. Die Situation war für alle gefährlich und unberechenbar, es regnete und der Berg war noch in Bewegung. Bis zum Schluss wussten wir alle nicht, wie viele Autos die Mure verschüttet hatte. <BR /><BR /><b>Die Mure löste sich im Gorgentalgraben. War das vorhersehbar?</b><BR />Wild: Nein, auf keinen Fall. Wer die Geologie in diesem Gebiet kennt, weiß: Zwischen dem Stausee Franzensfeste und Mauls ist das Tal eng, links und rechts zweigen V-förmige Gräben ins Tal ab. Bei starken Regenfällen wird Material vom Berg in die Gräben geschwemmt, das sich in Bewegung setzen und als Mure ins Tal donnern kann. In den letzten 10 bis 15 Jahren wurde dieser Abschnitt gut von der Wildbachverbauung verbaut. Jetzt ist Gott sei Dank schon länger nichts mehr passiert. Aber wie gesagt: Die geologische Beschaffenheit des Tales macht die Sache schwierig. Man kann nicht jeden Graben verbauen. Die Natur bleibt ein Stück weit unberechenbar. <BR /><BR /><b>Wurden Fehler gemacht?</b><BR />Wild: Die Rettungs- und Bergungsmannschaften haben großartige Arbeit geleistet. Vielleicht hätte man die Autobahn früher sperren sollen. Hinterher ist man immer klüger. Die Gefährlichkeit dieses Streckenabschnitts ist bekannt. Würde man die Autobahn heute bauen, müsste man die Strecke zwischen Mauls und Franzensfeste meiner Meinung nach untertunneln. <BR /><BR /><b>Wie haben Sie in dem Moment die Last der Verantwortung erlebt?</b><BR />Wild: Die psychische und physische Belastung, die das Amt mit sich bringt, muss man aushalten. Man darf sich davon nicht unterkriegen lassen, sonst ist man am falschen Platz. <BR /><BR />