<b>Herr Kardinal, seit wann schon kommen Sie nach Südtirol und welche Erinnerungen verbinden Sie damit?<BR /></b>Kardinal Gugerotti: Südtirol besuchte ich erstmals während meiner Studienzeit, als die Universität Padua Sommerkurse in Brixen anbot. Damals lernte ich Monsignore Gargitter, den Bischof von Brixen, kennen, der auf mich einen Eindruck von Beständigkeit machte. Ich erinnere mich auch an die Begegnung mit Weihbischof Forer, der mir erzählte, er hätte die Statue des Johannes Nepomuk gern ins Wasser gestellt, damit der Heilige begreife, dass er Regen schicken müsse... Dann, eines Tages, lernte ich in Rom einen Kapuzinerpater kennen, der sich als Wilhelm Egger vorstellte und sagte, er sei gerade zum Bischof von Bozen-Brixen ernannt worden. Kurz darauf kam ich zu seiner Bischofsweihe nach Brixen. Wir haben uns oft wiedergesehen. Zusammen mit seinem Bruder, ebenfalls Kapuziner und Sprachwissenschaftler, hielt ich in Brixen einen Vortrag über die psychologischen und sozialen Auswirkungen der Zweisprachigkeit. Als Bischof und Kardinal habe ich meine Ferien oft in Südtirol verbracht, in Maria Weißenstein, im Pustertal, vor allem im Gadertal. Ich habe eine sehr vertraute Beziehung zu Südtirol.<BR /><BR /><b>Also hatten Sie Gelegenheit, sich auch mit der ladinischen Sprache auseinander zu- setzen. Welche Bedeutung haben Minderheitensprachen?</b><BR />Gugerotti: Der Sprachenmarkt ist zu einer Art Supermarkt geworden. Heutzutage lernt man Sprachen im Allgemeinen, um mit Ausländern Geschäfte zu machen. Etwas anderes ist der Erhalt der Muttersprachen. Sie sind kein Mittel des Austauschs, sie sind der Kern der eigenen Identität. Die Sprache ist wahrscheinlich das grundlegendste Identitätsmerkmal. Sie ist das erste Instrument zur Integration in die Umwelt, lange vor der Schule. Ein Mensch lernt durch die Sprache, die er spricht, sich selbst zu sein. Mangelnde Pflege der Muttersprache bringt die eigene Identität zum Schweigen. Leider birgt der Begriff Minderheitensprache ein Problem in sich, denn wir verbinden den Begriff Minderheit automatisch mit der Tatsache, weniger Möglichkeiten als andere zu haben, quasi als Beeinträchtigung. Das ist aber nicht der Fall. <BR />Es geht schlichtweg um das Recht, die eigene Identität zu verteidigen, und Identitäten sind weder minderheitlich noch mehrheitlich. Sie sind einfach da. Ich war als Nuntius an verschiedenen Orten tätig, an denen Sprachenprobleme Kriege verursachten. Zu sehen, mit welcher Selbstverständlichkeit man in Südtirol von einer Sprache zur anderen wechselt – weil jeder seine eigene Sprache bewahrt hat –, vermittelt mir das Gefühl großer kultureller Integration, die die Grundlage des Friedens bildet. Wenn Identitäten aufeinandertreffen, ohne miteinander zu kollidieren, bedeutet das Frieden. Wenn hingegen jemand gezwungen ist, das Recht auf die Nutzung von etwas einzufordern, das ihm gehört, und der andere dies als Angriff auf die nationale Identität auffasst, entstehen Kriege. Eine fortschrittliche Sprachpolitik wie die, die ihr in Südtirol habt, ist zweifellos ein Zeichen großer Zivilisation und eine gute Voraussetzung für Frieden, aber nur, wenn jede Seite die Verschiedenheit des anderen weiterhin als Bereicherung betrachtet.<BR /><BR /><b>Sehen Sie im Ladinischen einen Wert, auch für die Liturgie und Weitergabe des Glaubens?</b><BR />Kardinal Gugerotti: Natürlich! Die Weitergabe des Glaubens geschieht in der Sprache … im Dialekt, wie Papst Franziskus immer sagte. Die Weitergabe des Glaubens findet im Zusammenhang mit den ersten Dingen statt, die man lernt. Auch große, befreundete Theologen sagten mir, dass sie in schwierigen Momenten nicht die Ausdrücke verwendeten, die sie in ihrer Theologie ausgearbeitet hatten, sondern jene Gebete, die ihnen ihre Mutter beigebracht hatte. Das ist meiner Meinung nach sehr wichtig. <BR />Es gehört zu den – auch soziologisch gesehen – grundlegenden Elementen der Identitätsbildung. Wenn der Mensch, sobald er erwachsen ist, weiter die Sprache spricht, die er in der Familie gelernt hat, wird diese Beziehung auch zu einer Beziehung der Nostalgie, der Schönheit, der Herkunft, der Kontinuität, der Erinnerung und des Gedächtnisses. Und damit zu einem Gefühl des Wachstums im eigenen Selbstverständnis ohne Traumata. Die Kontinuität der Sprache als Mittel des Gebets, sei es im Einzelnen oder in der Gemeinschaft, ist hingegen das Zeichen einer Gemeinschaft, die zusammenhält – nicht einer Gemeinschaft, in der jeder sein eigenes Ding macht, sondern von etwas, das verbindet und in dessen Namen es erlaubt ist, sich zusammenzufinden, um zu diskutieren und über die eigene Zukunft zu entscheiden. Wenn Menschen nicht dieselbe Sprache sprechen, können sie ihre Zukunft nicht gemeinsam gestalten.<BR /><BR /><b>Südtirol stellt eine ganz besondere Realität dar, mit einer Autonomie und drei Sprachgruppen. Außenstehende empfinden das manchmal als Privileg… <BR /></b>Gugerotti: Die Anerkennung von Vielfalt ist kein Privileg. Ihr wisst sehr gut, dass in der Geschichte dieses Landes jemand beschlossen hat, euch eine Identität aufzuzwingen, die nicht eure eigene war. Und sehr oft blieb die Kirche der Ort, an dem man die Sprache sprechen durfte, wenn auch nicht offiziell – im Katechismus, im Gebet. Dies ist ein Faktor, den ich in meiner diplomatischen Arbeit mehrfach in ähnlichen Situationen als Beispiel angeführt habe, aber mit weitaus geringerer Aussicht darauf, das zu erreichen, was hier in Südtirol verwirklicht wurde.<BR /><BR /><b>Können Sie uns erklären, was Ihre Rolle als Präfekt des Dikasteriums für die Ostkirchen bedeutet? <BR /></b>Kardinal Gugerotti: Das Ministerium für die Ostkirchen befasst sich mit allem, was die Christen östlich von Rom betrifft. Natürlich waren damals weder China noch Japan bekannt, geschweige denn Afrika oder Asien; daher bezeichnete man als „Orient“ das, was heute durch den Begriff „Naher Osten“ ersetzt wurde. Die Kirchen dort haben eine eigene, sehr alte Tradition, eine eigene Liturgie, eine eigene Kleidung. Als sich vor allem aus politischen Gründen bereits eine Spaltung zwischen dem Orient und dem Okzident ergeben hatte, schloss sich ein Teil dieser Kirchen Rom an, das heißt, sie bekräftigten ihre Katholizität. So schloss sich eine Gruppe dieser orientalischen Christen, in der Regel eine Minderheit, an und anerkannte den Papst, während der andere Teil die Rolle der Einheit mit Rom nicht mehr anerkannte. Alles, was diese katholischen Ostkirchen betrifft – also Katechese, Liturgie, Erziehung, Ausbildung und Entwicklung – fällt in die Zuständigkeit meines Dikasteriums. Es sind 25 Kirchen! Kirchen sui iuris, von denen jede anders ist. Sui iuris in dem Sinne, dass sie eine Autonomie besitzen, auch im kanonischen Bereich und in Bezug auf ihre Gesetze, gemäß ihrer eigenen Tradition.<BR /><BR /><b>Bevor Sie Kardinal wurden, waren Sie als Apostolischer Nuntius in verschiedenen Ländern tätig. Unter anderem auch in der Ukraine. Sie kennen daher die Lage sehr gut. Sehen Sie Aussichten auf Frieden?</b><BR />Kardinal Gugerotti: Nein, im Moment sehe ich keine. Nicht, weil es sie nicht geben könnte, sondern weil ich keine Haltungen sehe, die dies ermöglichen würden. Vor allem, weil Kriege heute allesamt Kriege anderer sind und nicht nur derer, die sie führen. Sie sind Teil eines Gesamtbildes, das dem Weltbild anderer Völker, die sich als dominant betrachten, entweder entgegenkommt oder im Wege steht. Und daher kann man erst ausgehend von einem Mindestmaß an Verständigung zwischen diesen großen Völkern – oder solchen, die sich selbst als solche neu definieren – daran denken, eine Perspektive für einen Dialog zu schaffen. Denn wer kämpft, hasst. Und oft hasst er seine Mitmenschen. Denken wir an die Juden und die Palästinenser, die aus einer gemeinsamen semitischen kulturellen Wurzel stammen. Denken wir an die Ukrainer und die Russen.<BR /><BR />Genau diese Ähnlichkeit ist es, die – wenn sie zum Gegensatz wird – das geringste Maß an Möglichkeiten für ein Verständnis bietet, weil sie sich zu sehr gleichen. Und daher lassen sie nicht jene Verschiedenheit zu, die den Dialog erst ermöglicht. Eines der grundlegenden Probleme dieser Gebiete ist die Sprachfrage. Minderheiten werden stets als Faktor der Instabilität wahrgenommen. Daher muss man sie so weit wie möglich zu einer Art gemeinsamer Kultur hinführen, damit sie ihre Verschiedenheit nicht als weiteres Mittel zur Gegenwehr nutzen. Wenn eine der Gruppen glaubt, der Hausherr zu sein, wird sie sicherlich als Erstes die Sprache der anderen unterbinden. Denn natürlich bedeutet das Wegnehmen der Sprache, zu verschmelzen, zu absorbieren und somit leichter zu manipulieren. Ihr in Südtirol habt ja auch gesehen, wie viel Widerstand es dagegen gab. Das bedeutet, dass die Menschen das Gefühl hatten, ihnen würde etwas Grundlegendes ihrer Existenz genommen. Die Sprache wird als so wichtiger Teil angesehen, dass es sich anfühlt, als würde man verstümmelt, wenn man sie verliert.<BR /><BR /><b>Gibt es denn Unterschiede zwischen der katholischen und der orthodoxen Kirche in der Ukraine? <BR /></b>Kardinal Gugerotti: Es gibt Unterschiede, die lange bestehen. Ich muss jedoch sagen, dass ich in Kriegsgebieten festgestellt habe, dass die christlichen Konfessionen – Katholiken und Orthodoxe – oft eine gemeinsame Sprache finden, da sie gleichermaßen der Auslöschung ausgesetzt sind, vor allem wenn sie eine kleine Minderheit bilden, wie im Nahen Osten. So sind beispielsweise in den letzten zehn Jahren 80 Prozent der Christen aus Syrien geflohen. Und in Syrien gab es das Christentum schon lange vor dem Islam!<BR /><BR /><b>Die christliche Gemeinschaft ist mittlerweile eine Minderheit, die zum Aussterben verurteilt ist.</b><BR />Kardinal Gugerotti: Hoffentlich nicht! Ich arbeite derzeit intensiv mit meinem Büro, damit Länder, in die Christen auswandern, diese unter Achtung ihrer Kultur aufnehmen. Für diese Gemeinschaften sind die Sprache, die nationalen Bräuche, die Poesie und das gemeinsame Gebet die wichtigsten Elemente zur Bewahrung ihrer Identität. Sie sehen, dass das Sprachproblem eines der Probleme ist, die sich stellen, wenn man gezwungen ist, seine Heimat zu verlassen.<BR /><BR /><b>Seit viel zu vielen Jahren beherrschen Kriegsszenarien viele Regionen im Nahen Osten. Ist Frieden eine Utopie? <BR /></b>Kardinal Gugerotti: Es geht nicht darum, dass wir nach dem Grund suchen müssen, warum es Frieden geben muss, sondern wir sollten uns fragen, warum es Krieg geben muss! Wir haben all das aufgebaut, was andere uns zerstören, und oft müssen wir es wieder aufbauen – zum doppelten Preis. Die größte Unlogik ist also jene des Krieges! Wenn der Mechanismus des Hasses in Gang kommt, ist es sehr schwer, vernünftig zu denken. Die Logik versagt, und die Reaktion besteht darin, sich auf den Erstbesten zu stürzen, der anders ist als man selbst. Da wird der Frieden zur Utopie, denn man hört nicht mehr auf die Argumente des anderen und muss ihm das Existenzrecht nehmen. Es herrscht das Gesetz des Dschungels.<BR /><BR /><b>Gibt es Hoffnung, und auf welcher Grundlage? <BR /></b>Kardinal Gugerotti: Immer. Hoffnung gründet sich stets auf die Bedeutung eines gemeinsamen Schicksals, jenes uralte Prinzip, das unseren Vorfahren sehr klar war: Behandle andere so, wie du selbst behandelt werden möchtest. Die Hoffnung besteht darin, eine gemeinsame Sprache zu finden, die es allen ermöglicht, in gegenseitigem Respekt zu leben, ohne dabei ihre eigene Besonderheit zu verlieren. Wenn, wie in der Ukraine, in einem Teil vor allem Ukrainisch und in einem anderen Russisch gesprochen wird, wird je nachdem, wer das Sagen hat, nur die eine oder die andere Sprache zugelassen. Die Sprache ist das Erste, worauf man einwirkt, um eine Identität zu schaffen, und das ist völlig falsch! Denn so entstehen Länder, die zwar die Sprache des ehemaligen Herrschers sprechen, sich aber nie seiner Kultur zugehörig fühlen.<BR /><BR /><b>Heilen diese Wunden nicht spätestens in der zweiten oder dritten Generation? <BR /></b>Kardinal Gugerotti: Es kommen Kinder zur Welt, die eine andere Sprache sprechen. Wenn man jedoch die Eltern fragt, antworten diese: „Wir sprechen diese Sprache, aber wir sind nicht identisch mit dem Volk, das sie hervorgebracht hat.“ Das heißt, das Bewusstsein für die eigene Andersartigkeit bleibt trotz der Auslöschung der ursprünglichen Sprache bestehen. Deshalb behält die katholische Kirche in diesen Ländern bewusst die bisherige Sprache oder die Landessprache als vorrangige Wahl bei, von Ausnahmen abgesehen.<BR /><BR /><b>Jede Kirche behält also ihre Sprache. Gilt das auch für Minderheiten, die in einem fremden Staat leben? <BR /></b>Kardinal Gugerotti: Das ist ein komplexeres Problem, da die Kirchen – und auch unsere eigene bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil – manchmal Sprachen verwendeten, die niemand beherrschte. In der orthodoxen Welt werden viele Sprachen von den Menschen nicht verstanden, da es sich um alte Sprachen handelt, wie zum Beispiel Griechisch. Die Frage dreht sich darum, der eigenen Sprache in der Liturgie gebührende Bedeutung beizumessen.