2 Tage lang lebte die schwangere Vinschgerin in ständiger Angst um ihren Mann, den Vater ihrer Kinder. <BR /><BR /><BR />An jenem 12. September ging Angelika Thaler mit ihrer 5-jährigen Tochter, ihrem Vater, ihrer Schwester und ihrem Mann Michael auf die Marteller Hütte. „Die Kleine ist hinaufgelaufen – besser als ich, auch für Michael war es nicht anstrengend. Vor dem Essen war Michi sehr unruhig, er lief hinein und hinaus, er konnte nicht sitzen bleiben, er fühlte sich nicht gut. Wir 2 fuhren ins Tal. Als wir dort ankamen, verlor Michi plötzlich das Bewusstsein. Ich habe nur mehr geschrien und gebrüllt“, erzählt Angelika Thaler. <BR /><BR /><b>Zuerst die Panik</b><BR /><BR />„Der Besitzer des Würstelkiosks und ein Junge sind herbeigelaufen. Er wich nicht mehr von unserer Seite und unterstützte uns. Wir haben Michael hingelegt, in die stabile Seitenlage gebracht. Die kenne ich – ich arbeite als Sozialbetreuerin, in der Theorie kenne ich die Erste-Hilfe-Maßnahmen, brauche sie aber nie“, sagt Angelika Thaler. So stand sie nun da, mit der Theorie, die sie an ihrem reglosen Liebsten anwenden sollte – sie war durcheinander, in Panik. <BR /><BR /> Plötzlich habe sie gesehen, dass Ohr und Lippen blau wurden. „Wir müssen ihn wiederbeleben“, sei ihr durch den Kopf geschossen. „Und dann war Kathrin da. Sie hat die Kontrolle übernommen, das Kommando, hat mir gesagt, was ich tun soll. Ich kann gar nicht beschreiben, wie schön es war, dass sie da war. Ich war nicht mehr imstande, seinen Puls richtig zu fühlen.“<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="718988_image" /></div> <BR /> Kathrin Plattner ist 39 und stammt aus Deutschnofen, sie ist seit 21 Jahren Freiwillige beim Weißen Kreuz. „Ich habe schon viele Einsätze gemacht, war aber selber erst vielleicht bei 5 Kreislaufstillständen.“ Mit ihren Kindern (11 und 14) und ihrem Mann wollte sie am 12. September das hintere Martelltal erkunden. <BR /><BR />„Mein Mann holte das Parkticket. Im Vorbeigehen fing er Angelikas Blick auf – panisch hat sie ihn angesehen. Er lief zu mir und sagte: Kathrin, da ist jemand, der braucht deine Hilfe“, erzählt sie. Zum Glück habe eine Frau sich ihrer Kinder angenommen – sie sahen alles, waren natürlich sehr aufgewühlt. „Ich bin zu Michael hingegangen und habe einen ersten Check durchgeführt. Ich habe erkannt, dass die Lage ernst ist. Mein Mann zum Glück auch – er holte den halbautomatischen Defibrillator, der neben dem Ticketautomat steht und alarmierte zugleich die Landesnotrufzentrale.“<BR /><BR /><b>Defibrilator steht bereit</b><BR /><BR />Der halbautomatische Defibrillator (AED) in Martell ist einer von 138, die in Südtirol an öffentlich zugänglichen Orten stehen – zudem gibt es AED-Geräte in allen Sportstätten und 24 entlang der Brennerautobahn. „Vermutlich gibt es mehr, eine Meldepflicht besteht eigentlich, aber alle Defibrillatoren sind bei der Landesnotrufzentrale nicht gemeldet“, bedauert Peter Nardon, Ausbildner beim Weißen Kreuz. <BR /><BR />Das neue Staatsgesetz, welches im August in Kraft getreten ist, sieht nämlich neben der Meldepflicht auch die Einführung einer App vor, über welche ausgebildete AED-Anwender, die sich zufällig in der Nähe aufhalten, im Falle eines Notfalls direkt von der Landesnotrufzentrale verständigt werden können. In Martell war das zum Glück nicht nötig; eine geprüfte Lebensretterin war vor Ort. <BR /><BR />Kathrin Plattner nahm auch gleich die Sache in die Hand und wies Angelika Thaler an, wie sie ihren Mann beatmen solle – sie selbst übernahm die Herzdruckmassage. „Sobald das AED-Gerät da war, habe ich es angeschlossen und sofort den ersten Schock ausgelöst. Zum Glück hat Michi sofort drauf reagiert und zeigte Lebenszeichen. Etwa 10 bis 15 Minuten haben wir gewartet, bis der Notarzthubschrauber Pelikan 1 da war“, erzählt Kathrin Plattner. <BR /><BR /><b>Ein tiefgründiges Gespräch</b><BR /><BR />Atemlos und in Panik musste die schwangere Frau zusehen, wie das Notarztteam ihren Mann intubierte. „In dem Moment war Michael die Priorität und ich habe dem Notarztteam geholfen, wo ich konnte. Ich wusste aber, dass Angelika mich gebraucht hätte“, sagt Kathrin Plattner. Der Notarzt hat die Notfallseelsorge angefordert, da Kathrin ihm erzählte, dass Angelika im 7. Monat schwanger war. „Für mich war es keine Frage, bei Angelika zu bleiben, bis jemand kam, damit sie nicht alleine ist.“ <BR /><BR />Die 2 Frauen hatten ein sehr tiefgründiges, intensives Gespräch. „Mehr als wir getan haben, hätten wir nicht tun können“, sagt Kathrin Plattner. Als der Hubschrauber abhob, war auch Angelikas Familie im Tal angekommen – „zum Glück musste die Kleine das nicht mitansehen“, sagt Angelika Thaler. <BR /><BR /><b>Eine Horrorfahrt nach Bozen</b><BR /><BR />Die Fahrt ins Krankenhaus nach Bozen war die Hölle. „Wir mussten mehrmals stehen bleiben. Ich war total in Panik und wollte wissen, ob Michi noch lebt. Die Notfallseelsorger hatten die Kontakte nach Bozen und konnten mir so versichern, dass er noch lebte.“ <BR /><BR />2 Tage lang lebte die schwangere Vinschgerin in ständiger Angst um ihren Mann, den Vater ihrer Kinder. Jeden Tag durfte sie ihn 2 Stunden lang besuchen. „Im Krankenhaus haben sie mich – auch weil ich es wollte – von Anfang an klipp und klar darüber aufgeklärt, was alles passieren könnte. <BR /><BR />Am Montag wurde zum ersten Mal versucht, ihn aus dem künstlichen Tiefschlaf zu wecken – er hat reagiert. Am Dienstag Früh wurde er geweckt“, erzählt Angelika Thaler. Am Dienstag Nachmittag durfte sie ihn sehen. Ihre Augen glänzen feucht, um ihren Mund spielt aber ein Lächeln, wenn sie an diesen Moment denkt. „Ich war noch 3 Meter vom Bett entfernt. Da hat er den Arm gehoben und gegrinst.“ Er habe wissen wollen, wie es der Kleinen und dem Baby gehe. „Da wusste ich, er erinnert sich an unsere Familie. Das war mir unglaublich wichtig“, sagt Angelika. <BR /><BR />Da sei es nicht so schlimm gewesen, dass er – wohl wegen der Medikamente – innerhalb einer halben Stunde dreimal nachfragen musste, was denn überhaupt passiert sei. <BR /><BR /><b>Retterin ist glücklich</b><BR /><BR />Am nächsten Tag rief sie Kathrin an. „Erst da fühlte ich Glück“, bekennt diese. Am Anfang habe sie nicht realisiert, was da passiert sei, dann habe sie bis zum Anruf von Angelika nichts gespürt – „ich fühlte mich einfach leer.“ Sie und ihr Mann sind am Dienstag nach Weißenstein gegangen, haben eine Kerze angezündet und gebetet. <BR /><BR />Nach 3 Tagen war Michael schon transportfähig und wurde nach Schlanders verlegt, Ende September wurde er entlassen. 4 Wochen Reha im Salus-Center in Tisens haben Michael vieles bewusst gemacht. „Jetzt sportelt er regelmäßig, er achtet auf die Ernährung, hat sofort mit dem Rauchen aufgehört. Er hat gelernt, auf seinen Körper zu hören“, sagt Angelika Thaler. <BR /><BR />Wie die meisten jungen Menschen dachten weder er noch seine Frau daran, dass er scheinbar aus dem Nichts einen Herzstillstand erleiden könnte. „Im Nachhinein werden einige Dinge wohl klarer. Bluthochdruck, Rauchen und erhöhte Cholesterinwerte sind Risikofaktoren, die man auch in unserem Alter nicht unterschätzen sollte“, meint Angelika Thaler. <BR /><BR /><embed id="dtext86-52127926_quote" /><BR /><BR />Offensichtlich tun das viele Menschen. „Alle 45 Sekunden erleidet in Europa ein Mensch einen Herz-Kreislaufstillstand“, weiß Peter Nardon. Greift schnell jemand ein wie Kathrin Plattner in Martell, ist nachher ein Leben wie vorher – natürlich ein bewussteres Leben – möglich. „In so einem Moment zählt aber jede Minute. Nach 3 bis 4 Minuten unterbrochener Sauerstoffzufuhr sind Folgeschäden für das Gehirn wahrscheinlich, nach 10 Minuten sind sie irreversibel“, sagt der Erste-Hilfe-Ausbildner.<BR /><BR /> Sehr viele machen im Zuge der Arbeitssicherheitskurse auch eine Erste-Hilfe-Ausbildung. Allein beim Weißen Kreuz haben im Laufe der letzten 5 Jahre 25.000 Südtiroler einen solchen Kurs belegt. „Bei der Arbeit werden es nur die wenigsten brauchen. Statistisch passieren 70 Prozent der Notfälle im privaten Bereich“, sagt Nardon. <BR /><BR />Und wenn so ein Notfall passiert, ist Eingreifen das Allerwichtigste. „Es gibt keine strafrechtlichen Folgen für Laienrettung – weder bei Anwendung des AED noch bei Herz-Lungen-Wiederbelebung“, unterstreicht Nardon. Der größte Fehler sei es, nichts zu tun. Schnelles, beherztes Eingreifen kann Leben retten – so wie das von Michael Ratschiller. „Ich habe mir schon das Schlimmste vorgestellt: Dass er stirbt, dass er im Wachkoma liegt“, sagt Angelika Thaler. Eingetreten ist aber die dritte und beste Variante: Michael lebt weiter – ohne Folgeschäden. Heute, gut 3 Monate nach dem Kreislaufstillstand, kann er sogar wieder arbeiten und seine kleine, gerade erst gewachsene Familie genießen. <BR />