Die Dreimillionenstadt dürfte bei weiteren russischen Attacken auf eine humanitäre Katastrophe zusteuern. Im Zentrum von Kiew gehen dick eingemummte Menschen tagsüber bei minus 12 Grad vorsichtig über die nach Schneefällen ungeräumten und teils vereisten Gehsteige. Vor Geschäften knattern Notstromaggregate. Dunkel und ohne die gewohnte Schlange zur Mittagszeit ist zum Beispiel einer der Kaffeekioske beim Gebäude des Grenzschutzes. „Kaffee können wir nicht zubereiten. Nur Backwaren können wir verkaufen“, sagt die junge Verkäuferin bedauernd.<BR /><BR />Im nahen Hinterhof hat ein Café noch Strom und verkauft warme Getränke. Dicht drängen sich mehrere Kunden an der Kasse. Die roten Ziffern auf der Digitalanzeige nahe der Decke springen zwischen 190 und 250 Volt wild hin und her. Doch wenig später ist der Strom auch hier ganz weg. Das ist seit Tagen trauriger Alltag in Kiew – aber nicht nur in der Hauptstadt.<h3> Stromabschaltungen als Alltag</h3>Seit dem Herbst gibt es bereits wieder angekündigte stundenweise Stromausfälle. Damals nahm das russische Militär seine systematischen Angriffe auf Umspannwerke, Kraftwerke und auch auf Heizkraftwerke wieder auf. Moskau will damit den Kampfgeist und das Durchhaltevermögen der Ukrainer brechen. Extrem wurde die Situation in Kiew nach den verheerenden Einschlägen ballistischer Raketen und Drohnen Ende vergangener Woche.<BR /><BR />Die auf dem Ostufer der Stadt gelegenen Stadtteile waren teils mehrere Tage ohne Strom. Gut 6.000 Wohnblöcke und damit mehrere Hunderttausend Einwohner waren ohne Heizung. Am Dienstag verschlimmerten neue russische Raketenschläge die Situation auch im Westteil Kiews. Seitdem sind in der ganzen Metropole Notabschaltungen an der Tagesordnung.<BR /><BR />Der auf Strom angewiesene öffentliche Nahverkehr stockt, eine Planung für das Waschen von Wäsche oder die Zubereitung von Essen ist für viele Kiewer nicht mehr möglich. Nicht funktionierende Aufzüge in den vielen Hochhäusern der Millionenstadt stellen vor allem für ältere und behinderte Menschen ein unüberwindbares Hindernis dar.<h3> Menschen in Kiew heizen Ziegelsteine auf Gasherden</h3>Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko versichert, die Mitarbeiter der Energieunternehmen arbeiteten rund um die Uhr an der Behebung der Schäden. „Doch leider lebt Kiew gerade mit Notabschaltungen des Stroms“, räumt er ein. Rund 300 Wohnblöcke seien immer noch ganz ohne Heizung.<BR /><BR />Doch auch eine formale Wiederherstellung der Fernwärme garantiert keine warme Wohnung: Viele Kiewer klagen über nur lauwarme Heizkörper und teils einstellige Temperaturen in ihren Wohnungen. Stadtbewohner mit Gasherden nutzen die Flammen teils, um Ziegelsteine aufzuwärmen und verwenden diese eingewickelt in Handtücher als Wärmequellen auch in ihren Betten.<BR /><BR />In sozialen Netzwerken teilen viele Kiewer ihren Alltag und sprechen sich gegenseitig Mut zu. „Wir sind auf den Kanaren. Wir sind auf den Malediven“, scherzt der mit Mütze und dickem Pullover unter einer Bettdecke liegende Taras Nesterenko auf TikTok. „Der Aufzug funktioniert nicht.“ 13 Grad seien es in der Wohnung, seit mehr als zehn Stunden gebe es keinen Strom. „Ich möchte die Waschmaschine anschalten“, teilt seine Frau ihren sehnlichsten Wunsch.<h3> Der Ukraine drohen lange Wochen bis zum Frühling</h3>Der nächste russische Angriff auf die ukrainische Infrastruktur wird vermutlich nicht lange auf sich warten lassen. Dabei könnten auch bisher erzielte Fortschritte bei den Reparaturen schnell wieder zunichtegemacht werden. Klitschko warnt die Bürger: „Der Frost wird laut Prognose noch gut drei Wochen anhalten.“ Kiew dürfte vor dem Frühling wohl kaum aus der aktuellen Krisensituation herauskommen.