Sie plädiert dafür, Kindern frühzeitig Werte und Fähigkeiten für ein achtsames und fürsorgliches Zusammenleben zu vermitteln. Das Thema der Nachhaltigkeit stehe auch in heimischen Kindergärten auf der Agenda. <BR /><BR /><b>Klimakrise, Artensterben, Ressourcenknappheit: Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit bereits in der frühen Kindheit?</b><BR />Prof.in Iris Nentwig-Gesemann: In der Präambel der Agenda 2030 der Vereinten Nationen wird die Frage gestellt, wie Menschen das Wissen und die Fähigkeiten entwickeln können, die nötig sind, um die Welt positiv zu verändern. Die transformative Vision angesichts einer ungerechten, gefährdeten und beschädigten Welt ist natürlich auch eine pädagogische Vision.<BR /><BR /><b>Wo muss also angesetzt werden?</b><BR />So wie Menschen etwa durch Kriege die Welt zerstören können – können sie auch die globale und lokale Verantwortung übernehmen und sich für mehr Nachhaltigkeit einsetzen. Die Haltung, Verantwortung für die Welt zu übernehmen, entsteht schon in der Kindheit. Ziel ist es, eine lebenswerte Zukunft für alle Menschen und ihre Mitgeschöpfe zu erhalten, zu schaffen und wiederherzustellen – sofern dies überhaupt noch möglich ist.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1320408_image" /></div> <BR /><b>Welche Verantwortung ergibt sich daraus für Kindergärten und frühe Bildungseinrichtungen?</b><BR />Gerade die Frühpädagogik steht vor einer wichtigen Aufgabe: Kindern Werte und Fähigkeiten für ein achtsames und fürsorgliches Zusammenleben zu vermitteln. Sie sollen früh Erfahrungen sammeln, Wissen aufbauen und lernen, wie nachhaltiges Handeln gelingen kann und wie sie sich mit ihrer Umwelt verbunden fühlen.<BR /><BR /><b>Welche Bedeutung haben in diesem Zusammenhang Naturerfahrungen?</b><BR />Schon Kinder im Kindergartenalter interessieren sich sehr für Tiere, Pflanzen und Naturphänomene wie Wasser, Wetter oder Sterne. Studien zeigen, dass Kinder ein stärkeres Bewusstsein für Nachhaltigkeit entwickeln, wenn sie die Natur als ihren eigenen Erfahrungsraum erleben – beim Spielen, Entdecken und Staunen. Dabei entwickeln sie Fragen und zeigen früh Mitgefühl, Gerechtigkeitsempfinden und Fürsorge gegenüber ihrer Umwelt. Besonders wichtig sind dabei auch bedeutungsvolle Beziehungen – etwa zu einem Tier, einem Gemüsebeet, einem spannenden Wiesenhang – sowie dialogische Gespräche.<BR /><BR /><b>Welche Rolle nehmen Erwachsene in diesen Prozessen ein?</b><BR />Entscheidend ist, dass Erwachsene die Themen, Perspektiven und Fragen der Kinder ernst nehmen, aufgreifen und zusammen mit den Kindern nachdenken.<BR /><BR /><b>Mit welchen Fragen beschäftigen sich Kinder besonders?</b><BR />Fragen wie: „Tut es den Bäumen weh, wenn sie gefällt werden?“; „Sind Wölfe böse?“; „Was passiert mit dem Müll, wenn die Müllabfuhr ihn abgeholt hat?“; „Warum dürfen wir keine Blumen am Wegesrand pflücken, wenn doch im Blumenladen so viele abgeschnittene Blumen verkauft werden?“ „Warum werden die Gletscher immer kleiner und warum ist das schlimm?“ All diese Fragen sind großartige Anlässe für Gespräche, die für ein nachhaltiges Denken und Handeln sensibilisieren.<BR /><BR /><b>Wie kann ein solches nachhaltiges Denken und Handeln im Alltag aussehen?</b><BR />Wenn Kinder etwa Regenwürmer oder Bienen beobachten, selbst Pflanzen pflegen oder die landwirtschaftliche Pflanzenbehandlung beobachten, mit Wasser und Matsch explorieren, Steine oder andere Naturmaterialien sammeln, Plastikmüll im Wald entdecken oder in einem Kompostprojekt den Naturkreislauf miterleben, erfahren sie: Natur ist vielfältig, verletzlich und miteinander verbunden.<BR /><BR /><b>Welche Erkenntnisse gewinnen Kinder dabei?</b><BR />Sie erfahren, dass der Mensch Teil der Natur ist. Er kann sie achten und beschützen oder zum eigenen Nutzen, z.B. aus Profitgier, ausbeuten und verletzen.<BR /><BR /><b>Viele Kinder erleben die Klimakrise als etwas Bedrohliches. Wie wichtig ist das Gefühl, selbst etwas bewirken zu können?</b><BR />Aus pädagogischer Hinsicht ist zentral, Kindern zu vermitteln, dass sie nicht „machtlos„ sind – ganz im Gegenteil: Sie sind diejenigen, die die Welt von morgen gestalten und auch als Kinder schon ökologische Verantwortung übernehmen und Akteur der Nachhaltigkeit sein können.<BR /><BR /><b>Bedeutet nachhaltige Entwicklung also vor allem auch Veränderung im Alltag?</b><BR />Es geht nicht nur um globale Lösungen, sondern um eine Transformation unseres Alltagshandelns hin zu mehr Nachhaltigkeit. Das kann im Großen nur gelingen, wenn es auch im “Kleinen„ erfahren und gelebt wird. Kinder, die einen Beitrag für die Gemeinschaft, ihr Umfeld und eine lebenswerte Zukunft leisten können, erwerben wichtige Nachhaltigkeitskompetenzen. Das geschieht, indem sie Ideen entwickeln, an Entscheidungen mitwirken, Verantwortung übernehmen und gemeinsam Lösungen finden.<BR /><BR /><b>Wie stark ist das Thema Nachhaltigkeit inzwischen in der Südtiroler Kindergartenpraxis angekommen?</b><BR />Gemeinsam mit einer Arbeitsgruppe „Natur-, Wald- und Draußenpädagogik“, der auch ich angehöre, hat die Landeskindergartendirektion im vergangenen Jahr ein Ergänzungsdokument zu den Rahmenrichtlinien der deutschsprachigen Kindergärten in Südtirol erarbeitet. Ziel ist es, sogenannte „Zukunftskompetenzen“ im Sinne der Agenda 2030 stärker in der frühen Bildung zu verankern. Das betrachte ich als große Chance für die kommenden Jahre.<BR /><BR /><b>Was braucht es, damit diese Ideen langfristig in den Kindergärten verankert werden?</b><BR />Dafür braucht es gut ausgebildete pädagogische Fachkräfte im Bereich Nachhaltigkeit. Viele Professor:innen und Forscher:innen der Fakultät für Bildungswissenschaften an der Freien Universität Bozen leisten dazu einen wichtigen Beitrag.<BR /><?O_Fett><?_O_Fett><BR /><b>Blicken Sie trotz aller Herausforderungen optimistisch in die Zukunft?</b><BR />Zahlreiche Weiterbildungen, die ich im Auftrag der Bildungsdirektion zu diesem Thema durchführen konnte, stimmen mich optimistisch. Ich bin überzeugt, dass in den Südtiroler Kindergärten mit Interesse und Engagement ein Fundament für mehr erfahrene und gelebte Nachhaltigkeit entstehen wird.