Es ist nicht jener Moment, in dem der 14-Jährige zum ersten Mal an einem Joint zieht, oder die 15-Jährige das Komasaufen ausprobiert ... Sucht beginnt schon viel früher. „Sie entsteht nicht von heute auf morgen. Sie hat eine lange Vorgeschichte und beginnt vielfach unbemerkt“, erklärt Edmund Senoner, Psychologe im Therapiezentrum Bad Bachgart, der u. a. auch in Vorträgen darüber aufklärt, dass die Grundlagen für Suchtverhalten bereits im Kindesalter gelegt werden.<h3> Drei Aspekte, die Suchtverhalten erklären</h3>Wenn es um die Frage geht, wie Suchtverhalten bei Heranwachsenden entsteht, verweist Senoner auf drei wichtige Erklärungsaspekte: die Wirkung, die Umgebung und den Charakter.<BR /><BR />Bei der Wirkung gehe es um die jeweiligen positiven oder negativen Erfahrungen: „Wer sich nach dem ersten Joint übergeben muss, bekommt sicher kein Cannabis-Problem. Wenn hingegen jemand merkt: Nach ein paar Gläsern Alkohol bin ich ‚gechillt‘, dann wird das hingegen als positive Wirkung erinnert.“<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="978910_image" /></div> <BR /><BR />Im Hinblick auf die Umgebung betont der Psychologe: „Es gibt zahlreiche Studien, die zeigen, dass eher jene Jugendlichen in eine Sucht fallen, bei denen die Peergroup konsumiert.“ In einer Sportgruppe seien Jugendliche demnach weniger gefährdet als in einer „Gang, die sauft und kifft.“<BR /><BR />Und schließlich sei Suchtverhalten auch eine Frage des Charakters. „Ein Risikotyp ist natürlich gefährdeter.“<h3> Fünf wichtige Bau- steine gegen die Sucht</h3>Wie groß sind aber die Einflussmöglichkeiten von Eltern, Großeltern, Tanten/ Onkel und weiteren erwachsenen Bezugspersonen, um Kinder und Jugendliche vor Süchten zu bewahren?<BR /><BR />Senoner nennt hierzu fünf wichtige Bausteine. Kinder und Jugendliche bräuchten dazu Selbstwertgefühl, Stabilität, einen angepassten Lebensstil, Erfolgserlebnisse und Umstände, unter denen sie sich wohlfühlten.<BR /><BR />Genau bei diesen fünf Bausteinen sei die Hilfe und Unterstützung der Eltern und des weiteren erwachsenen Umfeldes gefragt, damit die Kinder und Jugendlichen als stabile Persönlichkeiten heranwachsen könnten. „Denn“, so Edmund Senoner, „wenn diese Bausteine gegeben sind, jemand also Selbstwert hat, mit sich im Reinen ist usw., dann ist die Wahrscheinlichkeit viel geringer, dass jemand in ein Suchtverhalten fällt.“<h3> Baustein „Selbstwertgefühl“: Wichtige Werte als Erwachsene vorleben</h3>Die Entwicklung des Selbstwertgefühls ist laut Edmund Senoner ein besonders wichtiger Baustein für Heranwachsende. Das enthaltene Wort „Wert“ spiele dabei eine zentrale Rolle. Die Vermittlung eben dieser Werte sei in erster Linie Aufgabe der Eltern, aber auch der Schule und der Gesellschaft. Senoner: „Der wichtigste Grundwert ist das Leben selbst, also wie ich lebe.“ Als weitere wichtige Werte für Kinder und Jugendliche bezeichnet der Psychologe Familie und Nachhaltigkeit.<BR /><BR />Diese Werte gelte es – als Erwachsener – vorzuleben und zu stärken. Das Selbstwertgefühl schwächen würden hingegen „die Leistungs- und die Konsumgesellschaft sowie die Geschwindigkeit, mit der viele nicht mithalten können und dann ins Wanken geraten.“ Darüber zu reden und sich auszutauschen, sei wichtig. „Letztendlich zählt das Beispiel, das man vorlebt – bewusst und unbewusst“, betont Senoner. Schließlich würden Heranwachsende genau registrieren, wie etwa Eltern mit all dem umgehen. Sie sollten sich also selbst fragen: „Wie lebe ich, wie präsent bin ich in der Familie und wie nachhaltig ist mein Lebensstil?“ <h3> Baustein „Stabilität“: Bremsen oder anregen</h3>Für Stabilität bei Kindern und Jugendlichen sorgt laut Edmund Senoner vor allem Struktur, „also ein strukturierter Tagesablauf“, aber auch Bodenhaftung, die man u.a. in der Natur erfahre. Destabilisierend seien für Heranwachsende hingegen übertriebene Illusionen, die Einnahme von Substanzen/Drogen, übertriebenes sexuelles Verhalten und <?Uni SchriftWeite="95ru"> „schlechte“ Kollegen. Eltern<?_Uni> sollten hier gegensteuern oder eben auch stabilisierend einwirken, „also etwa bremsen, wenn es der Bub oder das Mädchen übertreibt, oder anschieben bzw. anregen, wenn sie es untertreiben.“ <BR /><BR /><h3> Baustein „Angepasster Lebensstil“: Umgang mit Rollenbildern erlernen</h3>Als Heranwachsender einen sogenannten „angepassten Lebensstil“ zu finden, bedeutet laut dem Psychologen, den Umgang mit verschiedenen Rollenbildern zu erlernen. Senoner: „Ich persönlich bin etwa Vater, Ehemann, Sohn, Bruder, Psychologe in Bad Bachgart, Sänger, Skifahrer … ich habe also verschiedene Rollen. Und in diesen Rollen versuche ich mich angemessen zu verhalten.“ Im Beruf kommuniziere man etwa anders als mit dem Ehepartner. Es sei also notwendig, sich dem jeweiligen Lebensstil anzupassen. Um das zu erlernen, würden sich Kinder und Jugendliche an guten wie schlechten Modellen orientieren (wie z.B. auch Influencern oder Stars) und sich fragen: Was ist nachahmenswert? Denn, so Senoner: „Modelle können hilfreich sein, um selber einen angemessenen Lebensstil zu entwickeln.“ Den Eltern komme hier wiederum die Aufgabe zu, „selbst Modell zu sein“. <BR /><BR />Wollen Kinder oder Jugendliche Influencer oder Fußballstar werden, gelte es sie, in ihren Bedürfnissen ernst zu nehmen bzw. eine unterstützende und nicht abwehrende Haltung einzunehmen. Dazu gehöre auch der Mut zum Scheitern.<h3> Baustein „Wohlfühl-Umstände“: Achtsam und interessiert sein</h3>Bei diesem Punkt sei es laut Edmund Senoner wichtig, „ganz bei sich zu sein und sich zu fragen, wann und wie ich mich besonders wohlfühle.“ Das könnten Aspekte wie Wärme, Freiheit oder Geborgenheit sein, aber auch bestimmte Umgebungen, z.B. in der Wohnung oder im Kinder-/Jugendzimmer. Individuelle Wohlfühlfaktoren auszumachen, das sei eine Sache, die gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen erarbeitet werden müsse. Sich auch als Erwachsene selbst die Frage nach dem eigenen Wohlfühlen zu stellen, „ist enorm wichtig. Aber wer tut es schon?“ Geht es um den Nachwuchs, müsse man „achtsam und interessiert sein und sich fragen: Was gefällt <BR />meiner Tochter oder meinem Sohn, womit mache ich ihnen eine wirkliche Freude?“ <h3> Baustein „Erfolgserlebnisse“: Gemeinsam nach (Alternativ-)Möglichkeiten suchen</h3>Wer Erfolgserlebnisse hat, fühlt sich wohl. Diesem Grundsatz folgend, gelte es zunächst einmal herauszufinden, welche Bedürfnisse Kinder und Jugendliche – individuell und altersentsprechend – überhaupt hätten, erklärt der Psychologe. „Dann muss man sich fragen, inwieweit diese Bedürfnisse erfüllbar sind.“ Gehe es zu sehr in ein Extrem – etwa durch <?Uni SchriftWeite="96ru"> nächtelanges Computerspielen –, sei<?_Uni> es als Eltern bzw. als Erwachsene wichtig, gemeinsam mit den Heranwachsenden „alternative Erfolgserlebnisse im Alltag auf verschiedenen Ebenen“ zu suchen, „also nicht nur am PC, sondern vielleicht auch im Sport, in der Schule, in der Musik, in der Kunst, beim Kochen …“ <BR /><BR />So sei es auch leichter, mit Frustration in einem dieser Bereiche umzugehen. „Denn man muss lernen, dass etwas auch mal nicht geht.“ Anerkennung und Belohnung vonseiten der Eltern sei laut Senoner im Zusammenhang mit Erfolgserlebnissen wichtig. Denn gerade Suchtmittel, vor denen man Kinder und Jugendliche bewahren möch<?TrVer> te, würden ebenso auf das Be<?TrVer> lohnungszentrum einwirken: „Neurophysiologisch werden die gleichen Systeme aktiviert, aber auf einer anderen Ebene.“ <BR /><BR /><BR /><BR /><BR />