<b>Das Nein zur Justizreform fiel klar aus. Wie bewerten Sie dieses Ergebnis?</b><BR />Francesca Bortolotti: Ich bin sehr froh, dass die Verfassung nicht geändert wurde, wie es die Regierung vorgesehen hatte. Gleichzeitig sehe ich die aktuelle Situation als eine außerordentliche Chance für die Politik, sich verstärkt mit den tatsächlichen Problemen der Justiz auseinanderzusetzen.<BR /><BR /><b>Wo sehen Sie den größten Reformbedarf in Südtirols Justiz?</b><BR />Bortolotti: In Südtirol herrscht großer Personalmangel, was es zunehmend schwieriger macht, einen effizienten Dienst zu gewährleisten. Besonders notwendig ist eine Digitalisierung der Dienste, vor allem im Strafrecht, aber auch im Bereich der Sprachgruppenzugehörigkeitserklärung. Zudem muss die Rolle qualifizierter ehrenamtlicher Friedensrichter gestärkt werden, damit sie nicht länger als Übergangslösung gelten. <BR /><BR /><b>Warum ist der Personalmangel besonders in Südtirol problematisch?</b><BR />Bortolotti: Das Verwaltungspersonal muss hierzulande einen Zweisprachigkeitsnachweis vorlegen, und der Proporz muss eingehalten werden. Das erschwert die Personalplanung.<BR /><BR /><b>Seit 2017 liegt die organisatorische Zuständigkeit bei der Region. Hat sich die Situation dadurch verbessert?</b><BR />Bortolotti: Wir stehen in engem Austausch, um die Bedürfnisse der Justizbehörden bestmöglich voranzutreiben. Trotz der Bemühungen der Region besteht aber noch viel Luft nach oben.<BR /><BR /><b>Welche strukturellen Probleme bremsen die Justiz aus?</b><BR />Bortolotti: Ein Problem ist der Richterwechsel zwischen den vier Hauptbereichen – Zivilgericht, Strafgericht, Unternehmensgericht und Familiengericht –, wodurch Fachwissen und Spezialisierungen verloren gehen. Auch organisatorisch gibt es Nachholbedarf: Führungskräfte müssen Managementkompetenzen derzeit selbst erwerben. Zudem müssen Justizministerium und Oberster Richterrat besser koordiniert zusammenarbeiten. <BR /><BR /><b>Dennoch werden es nicht weniger Prozesse...</b><BR />Bortolotti: Um die Gerichte zu entlasten, muss die außergerichtliche Streitbeilegung deutlich ausgebaut werden. Im Strafrecht sollten zudem weniger relevante Delikte entkriminalisiert oder durch alternative Sanktionen ersetzt werden.