Im Interview geht Verdorfer auf neue Sprachphänomene und den Einfluss von KI ein und erklärt, warum Südtirol in diesem Gremium überhaupt berücksichtigt wird. <BR /><BR /><b>Mit 20. August ist die Neuauflage des Dudens zur Rechtschreibung erschienen. Welche Neuerungen dürften dabei besonders ins Auge fallen?</b><BR />Gertrud Verdorfer: Ich glaube, dass die Neuerungen nicht sofort ins Auge fallen werden; die Vorschläge des Rates betreffen Teilbereiche, der allergrößte Teil der Regelungen zur Rechtschreibung bleibt unverändert. Anpassungen gibt es deshalb, weil sich Sprache laufend weiterentwickelt und sich ein veränderter Sprachgebrauch natürlich auch in der Schreibung niederschlägt.<BR /><BR /><b>Sprache ist stets ein Spiegel der Gesellschaft. Welche Begriffe hat der Duden neu aufgenommen, welche hingegen wurden gestrichen?</b><BR />Verdorfer: Deutlich wird, dass aktuell viele Begriffe aus dem Englischen im Deutschen verwendet werden. Diese finden dann auch Eingang in die Wörterbücher, zum Beispiel timen, mailen, chatten, whatsappen, framen, matchen. Es finden sich aber auch neue deutsche Wörter, die aktuellem Benennungsbedarf entsprechen: Ampelregierung, Beitrittsperspektive, Extremwetterereignis, Klimakleber, um nur einige Beispiele zu nennen. Andererseits werden Begriffe gestrichen, wenn sie in der Sprachverwendung nicht mehr nachweisbar sind. Dazu gehören vor allem „eingedeutschte“ Varianten von Fremdwörtern, die sich nicht durchgesetzt haben: Jogurt, Tunfisch, Spagetti, Panter, Exposee können als Beispiele genannt werden.<BR /><BR /><b>Was im Duden erscheint, wird zuerst von einem internationalen Gremium, dem Rat der deutschen Rechtschreibung, beschlossen. Welche Schwerpunkte der deutschen Sprache wurden in diesem Rat letzthin im besonderen Maße diskutiert?</b><BR />Verdorfer: Was immer wieder zu betonen ist: Sprache ist ein sehr weites und komplexes Feld; der Auftrag des Rates bezieht sich ausschließlich auf die Rechtschreibung und nicht auf die Sprache insgesamt. Auch ist zu betonen, dass die Regelungen und Neuerungen, die vom Rat vorgeschlagen und dann von den zuständigen staatlichen Stellen beschlossen werden, ausschließlich für Schule und Verwaltung verbindlich sind. Wörterbücher folgen natürlich den offiziellen Regelungen, aber kein Gremium kann vorschreiben, wie Sprache von Nutzerinnen und Nutzern, von Schriftstellern und Schriftstellerinnen, von Medienleuten verwendet wird.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1064379_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>Dennoch ist die Bedeutung des Gremiums nicht von der Hand zu weisen ...</b><BR />Verdorfer: Aufgabe des Rates ist es, die Schreibung und ihre Weiterentwicklung zu beobachten und dort regelnd einzugreifen, wo es notwendig erscheint. Das betrifft zum Beispiel die korrekte Verwendung englischer Verbformen im Deutschen. Ein wichtiges Augenmerk richtet sich auch auf die Erlernbarkeit der deutschen Rechtschreibung in der Schule. Vor allem aus diesem Grund legt das neue Regelwerk fest, dass das Komma vor dem erweiterten Infinitiv wieder verbindlich wird (Beispiel: Ich hoffe, dich morgen zu sehen). Bisher war das Komma hier fakultativ, der Erlernbarkeit in der Schule hilft eine klare und eindeutige Regelung. <BR /><BR /><b>Ein ziemlich kontroverses Thema ist derzeit das Gendern …</b><BR />Verdorfer: Dieses Thema hat auch den Rat in seiner letzten Amtsperiode stark beschäftigt und zu mehreren Stellungnahmen geführt. Ich habe den Eindruck, dass es in dieser Frage nicht in erster Linie um Rechtschreibung geht, sondern dass es ein gesellschaftliches Thema ist, bei dem sich verschiedene Ebenen vermischen. Einmal geht es um die Frage der geschlechtergerechten Schreibung und damit darum, alle Adressatinnen und Adressaten eines Textes angemessen anzusprechen. Dafür bietet die deutsche Sprache eine Reihe von guten Möglichkeiten und Südtirol hat in der Verwaltung mit den „Richtlinien für eine geschlechtergerechte Sprache“ schon seit 2010 einen sehr praktikablen und klaren Zugang gefunden. Zusätzliche Komplexität bekam die Diskussion vor allem 2017 in Deutschland, aber auch in Österreich durch die Entscheidung der Verfassungsgerichte, dass sich eine Person mit einem dritten Geschlecht im Geburtenregister eintragen lassen darf. Von einer solchen Diskussion sind wir in Italien momentan weit entfernt, deshalb stellt sich bei uns die Frage nach der sprachlichen Sichtbarmachung deutlich weniger.<BR /><BR /><b>Allerdings kocht die Thematik auch hierzulande mit schöner Regelmäßigkeit immer wieder mal hoch …</b><BR />Verdorfer: Anlass für Aufregung sind vor allem die sogenannten „Genderzeichen“, also Zeichen wie Sternchen oder Doppelpunkt im Wortinneren, um zu signalisieren, dass alle Geschlechter angesprochen werden sollen. Natürlich kann es die Verständlichkeit eines Textes beeinträchtigen, wenn die Zeichen exzessiv und ohne Rücksicht auf die Grammatik verwendet werden, andererseits zeigt sie Praxis, dass kompetenter und bedachter Gebrauch in bestimmten Textsorten die Lesbarkeit nicht beeinträchtigt. Niemand ist und wird zur Verwendung verpflichtet, plakativ vermittelte Verbote erscheinen mir auch nicht zielführend.<BR /><BR /><b>Inwieweit können Sie im Rat für deutsche Rechtschreibung Aspekte aus Südtirol einbringen?</b><BR />Verdorfer: Es ist ein großes Anliegen des Rates und insbesondere seines Vorsitzenden, auch die sprachlichen Realitäten in den kleinen Sprachgemeinschaften miteinzubeziehen und eine allzu große Dominanz von Deutschland und Österreich zu vermeiden. So konnte beispielsweise deutlich gemacht werden, dass das Thema einer geschlechtergerechten Sprache in Südtirol, aber auch z.B. in der deutschsprachigen Sprachgemeinschaft Belgiens mit deutlich weniger Polemik und medialer Aufregung behaftet war als etwa in Deutschland. Andererseits ist es auch gelungen, Besonderheiten des Wortschatzes in Südtirol in das amtliche Wörterverzeichnis (Verzeichnis orthographisch schwieriger Wörter) aufnehmen zu lassen. Als Beispiele kann man „Kondominium“ oder „törggelen“ nennen – diese Wörter werden außerhalb Südtirols nicht verwendet.<BR /><BR /><b>Welchen Einflüssen ist derzeit die Sprache besonders stark ausgesetzt? Welche Rolle spielen etwa die sozialen Medien?</b><BR />Verdorfer: Sprache war und ist laufend in Veränderung begriffen, das ist auch notwendig, damit sie als wichtigstes Kommunikationsmittel den Menschen die Instrumente zur Verfügung stellt, die sie zur Benennung ihrer Lebensrealität brauchen. Die sozialen Medien spielen sicher eine große Rolle, derzeit wird wohl so viel geschrieben wie selten zuvor. Allerdings ist es ein informelles Schreiben, bei dem die Regeln der Rechtschreibung eine untergeordnete Rolle spielen und auch der Dialekt beim Schreiben verwendet wird. Umso wichtiger ist es, dass in der Schule die Rolle einer verbindlichen Rechtschreibung für überregionale Verständlichkeit und leichte Lesbarkeit thematisiert wird und Sicherheit in der Rechtschreibung als ein wichtiger Teil von sprachlicher Verständigung auch angestrebt wird.<BR /><BR /><b>Wie beurteilen Sie die Entwicklung der diversen KI-Sprachmodelle? Wird es künftig noch notwendig sein, in vielen Unterrichtsstunden die Sprache und vor allem das korrekte Schreiben zu erlernen?</b><BR />Verdorfer: Eine kompetente Verwendung von Sprache ist mehr als das Beherrschen von Rechtschreibung, Sprache gehört zur Identität, folgerichtiges Denken und die Fähigkeit, diese Gedanken auch korrekt niederzuschreiben, gehören eng zusammen. Deshalb bin ich der Meinung, dass der Sprache in der Schule durchaus noch größerer Stellwert eingeräumt werden sollte – vor allem auch, um die diversen Tools und Instrumente, die uns die KI zur Verfügung stellen wird, kompetent und kritisch zu verwenden.