Freitag, 06. April 2018

Klimawandel verändert größten arktischen See dramatisch

Der Klimawandel wirkt sich selbst bei großen und tiefen Gewässern dramatisch aus, wie das Beispiel von Lake Hazen an der Nordspitze von Ellesmere Island im Norden Kanadas zeigt. Ein österreichisch-kanadisches Forscherteam hat beim volumenmäßig größten arktischen See der Welt massive Veränderungen innerhalb weniger Jahre festgestellt, berichten sie im Fachjournal „Nature Communications“.

Der Klimawandel wirkt sich selbst bei großen und tiefen Gewässern dramatisch aus, wie das Beispiel von Lake Hazen an der Nordspitze von Ellesmere Island im Norden Kanadas zeigt.
Der Klimawandel wirkt sich selbst bei großen und tiefen Gewässern dramatisch aus, wie das Beispiel von Lake Hazen an der Nordspitze von Ellesmere Island im Norden Kanadas zeigt. - Foto: © shutterstock

Lake Hazen liegt im Quttinirpaaq National Park, dem nördlichsten Nationalpark der Welt. Der etwa 70 Kilometer lange und bis zu zwölf Kilometer breite See ist mit einer Oberfläche von 540 Quadratkilometern und einer Tiefe von 267 Metern der weltweit größte See nördlich des Polarkreises.

In der rund 900 Kilometer vom Nordpol entfernten Region hat sich die mittlere Sommertemperatur seit 2007 um etwa ein Grad Celsius erhöht. Ursprünglich gingen die Wissenschafter davon aus, dass Lake Hazen aufgrund seines enormen Wasservolumens relativ stabil gegenüber der Klimaerwärmung ist. Doch die Arbeit von Günter Köck vom Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Innsbruck und seiner Kollegen von der Universität Toronto Missisauga zeigte, dass der Temperaturanstieg „nicht nur im Einzugsgebiet, sondern im gesamten Ökosystem des Sees zu dramatischen Veränderungen geführt hat“, wie Köck gegenüber der APA erklärte.

Zufluss von Schmelzwasser verzehnfacht

Der Wissenschafter untersucht die Klimaveränderungen in der kanadischen Arktis seit über 20 Jahren, hat den See im Rahmen des seit 1997 laufenden österreichisch-kanadischen „High-Arctic-Projekts“ tiefenkartiert und damit die Basis für die aktuelle Studie gelegt. So konnten etwa an der tiefsten Stelle (267 Meter) Bohrkerne vom Seesediment entnommen werden, die eine „seit mindestens 300 Jahren beispiellose Veränderung“ zeigen.

Lake Hazen wird ausschließlich vom Schmelzwasser der umliegenden Gletscher gespeist. Diese gehen in den vergangenen Jahren zunehmend zurück, wodurch sich der Zufluss von Schmelzwasser verzehnfacht hat. Damit wurden mehr Sedimente und organischer Kohlenstoff aus den umliegenden Böden sowie bisher im Gletschereis fixierte Schadstoffe wie etwa Quecksilber und Pestizide in den See geschwemmt. Zudem ist das Gewässer mittlerweile jeden Sommer eisfrei, bis vor kurzem taute die Eisdecke selten zur Gänze ab.

Jede Erwärmung in der Hocharktis gefährdet Ökosystem 

Diese Veränderungen haben weitreichende Auswirkungen: Das Artenspektrum der im See vorkommenden Algen hat sich dramatisch verschoben. Nun kommen vor allem Arten vor, die Freiwasser bevorzugen. Dadurch wiederum hat sich der Ernährungszustand der einzigen im See lebenden Fischart, der Seesaiblinge (Salvelinus alpinus), signifikant verschlechtert. „Die Fische werden durch das im Uferbereich immer trüber werdende Wasser ins offene Wasser getrieben, wo das Nahrungsangebot geringer und der Energieaufwand zur Nahrungsbeschaffung höher ist“, so Köck.

Die Wissenschafter halten die Erkenntnisse deshalb für so alarmierend, weil die Arktis die sich am schnellste erwärmende Region des Planeten sei, für die bei konservativer Schätzung eine weiterer Anstieg von etwa vier Grad Celsius bis zum Jahr 2100 vorhergesagt werde. Angesichts der massiven ökologischen Veränderung nach einem Temperaturanstieg von nur einem Grad Celsius sei zu befürchten, dass jede weitere Erwärmung in der Hocharktis die sensiblen Ökosysteme gefährde. Zudem wäre damit auch die Sicherheit der traditionellen Nahrung, etwa Seesaiblinge, für die arktische Bevölkerung bedroht.

Für Köck zeigt die neue Studie die Bedeutung von Langzeitvorhaben wie dem „High-Arctic-Projekt“. Die Erforschung von Umweltveränderungen in diesem Teil der Welt sei allerdings logistisch wie finanziell „äußerst herausfordernd“.

apa

stol