Mittwoch, 29. November 2017

Kopenhagen im Würgegriff von Gangs

Kopenhagen gilt eigentlich als Stadt der Sorglosen. Bunte Häuser, das Meer ganz nah, eine lebendige Cafeszene, Hipster- und Fahrrad-Mekka, die sagenumwobene Hygge. Regelmäßig werden die Dänen zu den glücklichsten Menschen der Welt gekürt – und ihrer Hauptstadt merkt man das an. Jetzt allerdings droht die heile Welt zu zerbrechen. Seit Sommer tragen verfeindete Banden ihre Konflikte auf offener Straße aus. Es wird scharf geschossen. Immer wieder werden Unbeteiligte schwer verletzt.

Mitglieder der Gang „Loyal to familia“ bekriegen sich mit den „Brothas“. - Foto: Scanpix Danmark STF
Mitglieder der Gang „Loyal to familia“ bekriegen sich mit den „Brothas“. - Foto: Scanpix Danmark STF

Zuletzt starben in weniger als zwei Wochen drei Menschen.

Das alles passiert im hippen Norrebro, meist in den frühen Abendsstunden oder in der Nacht. Norrebro ist so etwas wie das Kreuzberg Kopenhagens. Ein Zentrum der Kreativen. Hier ziehen Szenecafes mit Öko-Latte und multikulturelle Geschäfte Hipster und junge Intellektuelle an. Trotz Gentrifizierung ist der einstige Arbeiterstadtteil immer noch rau und sehr durchmischt. Es gibt Vollkorn-Döner, islamische Schlachter, Spezialgeschäfte für Kopftücher.

Loyal to familia“ gegen „Brothas“

Hier streiten laut Polizei die Mitglieder der Gang „Loyal to familia“ mit den „Brothas“ aus Nordwest-Kopenhagen, nur wenige hundert Meter weiter. Es gehe um Drogen, persönliche Feindschaften und Eifersucht, sagen die Ermittler. Die „Brothas“ wehren sich nach Expertenmeinung zusammen mit Unterstützern dagegen, dass „Loyal to familia“ in der Kopenhagener Unterwelt zu stark geworden ist.

Anders als oft in den USA sei das keine Auseinandersetzung verschiedener ethnischer Clans, erläutert die Kopenhagener Kriminologin Anne Okkels. „Dänische Banden sind sehr durchmischt. Die Familien vieler Mitglieder leben seit Generationen in Dänemark.“ Sei seien integriert. Zusammengeschweißt würden die Gangs von der gemeinsamen Jugend im gleichen Kiez.
Einen Zusammenhang zu einer seltsamen Serie von Morden auf offener Straße im benachbarten schwedischen Malmö sieht die Kriminologin nicht. Doch auch die Kopenhagener Gangs messen ihre Kräfte ganz öffentlich, schießen aus Autos oder von Motorrollern.

Warnung an junge Männer

In Norrebro reagieren die Anrainer inzwischen sensibel auf das Geräusch von Hubschraubern. Die kreisen immer, wenn wieder etwas passiert ist. Seit dem 12. Juni bereits 42 mal. Manchmal an zwei Abenden in der Woche. Schon im Sommer warnte die Polizei junge Männer, abends auf den Straßen vorsichtig zu sein – in einer Stadt, in der man sonst ohne Bedenken nachts durch den Park geht.

Mit dieser Warnung signalisiert die Kopenhagener Polizei zugleich: Wir kriegen den Konflikt nicht in den Griff. Selbst sogenannte Visitationszonen, in denen die Polizei ohne Grund Passanten und Autos kontrollieren darf, haben kaum Effekt. Zuletzt hat die Regierung vorgeschlagen, Bandenmitgliedern die Sozialhilfe zu streichen.

Mit Fackeln auf der Straße

Anrainer gehen aus Protest gegen die Schießereien mit Fackeln auf die Straßen. Meist sind es Frauen. Sie fürchte sich nicht, sagt eine Mutter, die mit ihren drei Kindern genau in dem Häuserblock wohnt, der immer wieder in den Schlagzeilen steht: Mjolnerparken. Hier kleben Zettel an den Haustüren, die verstärkte Polizeikontrollen ankündigen.
„Die Stimmung hat sich schon verändert, aber nicht so sehr, dass ich hier nicht mehr leben möchte“, meint die junge Frau. Und dann: „Vielleicht glaube ich auch einfach noch nicht, dass um mich herum Menschen sterben.“

Tickende Bomben im Quartier

Jetzt sollen die Clanchefs in einer Moschee eine vorübergehende Waffenruhe vereinbart haben. Einen Monat ohne Schüsse. Aufatmen in Norrebro. Bisher hält der Frieden. Doch was passiert, wenn der Monat zu Ende ist? Terje Bech, ein Organisator der Fackel-Demonstrationen, traut der Ruhe nicht. Die Banden existierten weiter, sagte er der Nachrichtenagentur Ritzau.
„Sie sind eine tickende Bombe in unserem Quartier, und sie haben den Timer nur einen Monat weitergedreht.“

dpa

stol