Dienstag, 07. April 2020

Krankenhäuser in Spanien am Limit

Die Horrorszenen aus Krankenhäusern in Spanien erschüttern dieser Tage das ganze Land. Patienten, die auf dem kalten Boden liegen und die eigene Jacke als Kopfkissen benutzen. Stöhnende Kranke, oft älteren Jahrgangs, die zusammengepfercht in den Gängen stundenlang leiden, bis sie an der Reihe sind. Erschöpftes Personal, das in den Minipausen in Tränen ausbricht.

Das spanische gesundheitswesen stößt an seine Grenzen.
Das spanische gesundheitswesen stößt an seine Grenzen. - Foto: © APA/afp / PAU BARRENA
In Spaniens Krankenhäusern richtet die Corona-Pandemie Chaos an. Immer mehr Betroffene und Beobachter betonen: Schuld an den verheerenden Zuständen ist nicht nur das Virus. „Nach jahrelangen Einsparungen ist das spanische Gesundheitssystem am Abgrund“, schreibt die Zeitung „El Periodico“.

Der angesehene Politologe Vicenc Navarro klagt: „Neoliberale Politik tötet, sie gehört abgeschafft.“ Die Kritik ist in Spanien – zur Zeit das Land mit den meisten festgestellten Infektionsfällen in Europa – besonders laut.

„Die Einsparungen der vergangenen 10 Jahre waren ungeheuerlich“, sagt auch Mercedes Romero, Verwaltungsangestellte und Betriebsrätin im Hospital Severo Ochoa in Leganés bei Madrid. Die 49-Jährige hat mit verzweifelten Aufrufen die Öffentlichkeit besonders eindringlich wachgerüttelt. Man erfuhr aus ihrem Munde, dass es in dem angesehenen Haus nicht nur an Masken, Handschuhen und Schutzkleidung mangelte. „Bitte, schickt uns auch Trinkwasser! Unsere Ärzte haben Durst“, rief sie in einem Video auf Twitter mit gebrochener Stimme.

Angst vor dem Kollaps

Am 31. März erlebte die 190.000-Einwohner-Gemeinde Leganes mit 41 Todesfällen binnen 24 Stunden den bisher schwärzesten Tag. Sonst sterben dort im Schnitt nur 2, 3 Menschen pro Tag. Im Severo Ochoa seien Mitarbeiter an manchen Tagen regelrecht über Leichen gestolpert, man habe nicht gewusst, wohin mit den Toten, berichtete die renommierte Zeitung „El Pais“.

Die jüngsten Zahlen machen in Spanien und anderen europäischen Corona-Hotspots zwar etwas Hoffnung. Die Gefahr, dass das gesamte Gesundheitssystem kollabiert, bleibt aber. Mit jedem Tag schwinden die Kräfte des Personals. Ärzte und Pfleger arbeiten schon mal2 Wochen am Stück, Tausende wurden infiziert. Der Gewerkschaftsdachverband CCOO warnte am Montag, die Lage in den Kliniken sei „am Limit“.

Das spanische Gesundheitswesen, das eigentlich einen guten Ruf genießt, ist im Zuge der Eurokrise schwachgespart worden. Das Land hat seitdem knapp elf Prozent seiner Krankenhausbetten verloren. Nach jüngsten Daten des Europäischen Statistikamtes Eurostat hatte man 2008 noch 320 Betten pro 100.000 Einwohner, 2017 waren es nur noch 297. Vor 20 Jahren waren es sogar noch 365. In der EU-Rangliste ist Spanien weit hinten.

2017 gab Spanien 2.371 Euro pro Kopf für die Gesundheitsversorgung aus – 15 Prozent weniger als der EU-Durchschnitt. Das Virus wirft schonungslos Licht auf den Missstand. Der sozialistische Ministerpräsident Pedro Sanchez versprach mehr Mittel.

apa/dpa

Schlagwörter: