Ein BMI von unter 13 signalisiert einen extremen Mangelzustand des Körpers. In diesem Bereich sind die Organe massiv gefährdet, Kreislaufversagen, Herzrhythmusstörungen und Organschäden können die Folge sein. Viele Betroffene sind in diesem Stadium nicht mehr in der Lage, selbst über ihre Behandlung zu entscheiden, da die Krankheit ihre Wahrnehmung und ihr Urteilsvermögen stark beeinträchtigt – das Aufsuchen eines Krankenhauses jedoch dringend notwenig.<h3> Alarmierende Zahlen aus Südtirol</h3> Eine Untersuchung zur Häufigkeit von Krankenhausbehandlungen bei Südtiroler Patienten mit sehr schweren Essstörungen (dazu zählen Magersucht, Bulimie und Binge-Eating-Störungen) aus dem Jahr 2023 zeigt besorgniserregende Zahlen: Psychiatrien, Psychosomatik und Kinderpsychiatrie waren für 72 Krankenhausbehandlungen mit 2.858 Aufenthaltstagen verantwortlich, Kinderabteilungen für 39 Aufnahmen und 1391 Tage, an Internistische Abteilungen fanden 8 Aufnahmen mit 109 Tagen im Krankenhaus statt. <BR /><BR />Nach Bezirken getrennt steht bei weitem an erster Stelle der Bezirk Brixen mit 70 Aufenthalten im Krankenhaus und 3.067 Tagen . Dort haben auch die Koordinationszentrale des Netzwerks für Essstörungen EATNET und das Exzellenzzentrum für Minderjährige ihren Sitz. Es folgt der Bezirk Bozen mit 22 Aufnahmen und 735 Tagen im Krankenhaus. In Meran fanden 17 Aufnahmen mit 187 Tagen Verbleib statt, in Bruneck hingegen 5 Aufenthalte mit 64 Tagen. <BR /><BR />In ganz Südtirol wurden <b>4443 Tage</b> im Krankenhaus mit <b>123 Aufenthalten</b> allein von sehr schweren Essstörungen beansprucht. <h3> Verpflichtender „Percorso Lilla“ ab November</h3>In Italien gilt seit einiger Zeit eine klare Regelung: Patienten mit einem BMI von 12 oder darunter müssen unverzüglich in ein Krankenhaus aufgenommen werden. Diese Maßnahme kann im Notfall auch gegen den Willen der Betroffenen erfolgen. Ziel ist es, lebensbedrohliche Komplikationen und Langzeitschäden zu verhindern. Dieser Ansatz ist Teil des sogenannten „Percorso Lilla“, eines staatlich vorgegebenen Behandlungspfads für schwere Essstörungen.<h3> Interview mit Psychiater Dr. Roger Pycha</h3>Ab November 2025 wird auch in Südtirol der „Percorso Lilla“ verpflichtend umgesetzt. Was dieser Behandlungspfad genau beinhaltet, warum Magersucht die tödlichste psychische Erkrankung junger Menschen is und weshalb Patienten im Hungerzustand kaum mehr rational entscheiden können, erklärt der Psychiater Dr. Roger Pycha im Interview mit STOL. <BR /><BR /><b>Beziehen sich die oben genannte Zahlen zu den Krankenhausaufenthalten konkret auf Magersucht oder sprechen wir allgemein von Essstörungen?</b><BR />Dr. Roger Pycha: In den Zahlen enthalten sind Personen mit Magersucht – das ist jene Essstörung, um die wir uns am intensivsten kümmern, weil sie die gefährlichste und bei jungen Menschen die tödlichste psychische Erkrankung ist, mit einer Mortalität von etwa 15 %. Ebenfalls eingeschlossen sind Patienten mit Bulimie sowie mit Binge-Eating-Störung. Binge Eating bedeutet ein rauschhaftes Essen, das von Kontrollverlust begleitet ist. Die Betroffenen – häufig übergewichtig – können ihr Essverhalten nicht bremsen, leiden unter starken Beschwerden und oftmals unter massiven Verdauungsproblemen. Es handelt sich um ein impulsives, kaum stoppbares Essverhalten.<BR /><BR /><b>Ab November soll auch in Südtirol der „Percorso Lilla“ umgesetzt werden. Was genau bedeutet er?</b><BR />Dr. Pycha: In Italien gilt für Krankenhauseinweisungen die BMI Grenze von 12. Für Südtirol schlagen wir vor, den Schwellenwert auf 13 anzuheben. Wenn sie freiwillig bleiben, ist das unkompliziert – dann müssen wir lediglich festlegen, auf welcher Abteilung sie bleiben und wohin sie später verlegt werden. Wenn sie aber nicht freiwillig bleiben wollen, sollte ein Psychiater hinzugezogen werden.<BR /><BR /><b>Was sind die nächsten Schritte des Psychiaters?</b><BR />Dr. Pycha: Dieser beurteilt, ob die Person überhaupt zurechnungsfähig genug ist, um über ihre Gesundheit zu entscheiden. Bei extrem niedrigem Körpergewicht kommt oft nicht genug Zucker ins Gehirn, Entscheidungen werden verfälscht – die Erkrankung verstärkt sich gewissermaßen selbst. Menschen mit Magersucht geraten in eine Art „Hungerzustand“: Sie fühlen sich euphorisch, stärker und gesünder, als sie in Wirklichkeit sind, obwohl sie körperlich schwer gefährdet sind – Salzverlust, Unterzucker, Herzrhythmusstörungen, niedriger Blutdruck. Sie merken die Gefahr kaum und verweigern deshalb oft die Behandlung.<BR /><BR /><b>Was ändert sich nun aber konkret mit der neuen Vorgabe ab November?</b><BR />Dr. Pycha: Streng genommen handelt es sich nicht um eine gesetzliche Pflicht. Seit 2018 gibt es eine „Indicazione del Ministero della Salute“, also eine klare ärztliche Empfehlung. Kein Gesetz, sondern ein Leitfaden.<BR />Unser Ziel ist es , Ärzten und Betroffenen Entscheidungen zu erleichtern – besonders in der Ersten Hilfe, wo oft unklar war: Wer muss behandeln? Wer muss aufnehmen?<BR /><BR /><BR /><b>Es geht also darum, dass Patienten in der Ersten Hilfe nicht entlassen werden?</b><BR />Dr. Pycha: Genau. Dort entsteht meist das Problem der Zuständigkeit. Es handelt sich um Patienten, die ungern im Krankenhaus bleiben, bei denen aber jederzeit etwas passieren kann. Viele Fachbereiche halten sich dann lieber zurück. Wir brauchen eine klare Vorgabe von oben: Wer unter BMI 13 liegt, kommt auf eine von drei Abteilungen – Subintensiv, Innere Medizin oder Psychiatrie.<BR /><BR /><b>Was passiert konkret im Krankenhaus, wenn eine schwer erkrankte Person aufgenommen wird?</b><BR />Dr. Pycha: Zu Beginn geht es darum, die große Angst vor Gewichtszunahme zu überwinden. Die Betroffenen haben eine massive Körperschemastörung und halten sich für „zu dick“, obwohl sie extrem untergewichtig sind. Deshalb sind klare Strukturen nötig – etwa überwachte Mahlzeiten.<BR />Wenn das Essen nicht gelingt, wird eine Nasensonde gelegt. Das ist unangenehm, weshalb viele dann doch bereit sind, selbst Nahrung aufzunehmen.<BR /><BR /><b>Funktioniert die Essensaufnahme dann sofort „einwandfrei“?</b><BR />Dr. Pycha: Die Patienten versuchen anfangs oft, Gewichtszunahme zu umgehen – zum Beispiel durch übermäßiges Trinken, Verstecken von Speisen oder Manipulationen beim Wiegen. Pflegepersonal und Psychologen überwachen deshalb die Mahlzeiten sehr genau.<BR />Nach einigen Wochen beginnt die psychologische Arbeit: Gespräche, Familienarbeit, das langsame Akzeptieren von Gewichtszunahme, das Bearbeiten der tiefen Angst dahinter. Mit zunehmender Stabilisierung wird dieser psychologische Teil immer wichtiger. Die gesamte Behandlung dauert meist Wochen bis Monate.<BR /><BR /><b>Aber nicht jeder mit einer Essstörung wird stationär behandelt?</b><BR />Dr. Pycha: Genau, die große Mehrheit wird ambulant behandelt. Unser Netzwerk hat vier ambulante Teams – bestehend aus Ärzten, Pflege, Ernährungsberatung und Psychologen. Etwa 90 % der Patientinnen und Patienten benötigen keine stationäre Behandlung.<BR /><BR /><b>Wie gut stehen die Chancen, dass eine Essstörung frühzeitig abgefangen werden kann?</b><BR />Dr. Pycha: Sehr gut – je früher man interveniert, desto besser. Aufmerksamkeit der Eltern ist zentral, besonders bei jungen Menschen, die sich in exzessives Training oder extremes Hungern hineinsteigern. Frühzeitige Behandlung verhindert meist, dass es zu schweren Fällen kommt.<BR /><BR /><b>Kann man sagen, wie viele Menschen in Südtirol allgemein von Essstörungen betroffen sind?</b><BR />Dr. Pycha:Ungefähr, ja. Eine große italienische Studie aus 2009 spricht von 3 % der erwachsenen Bevölkerung, wenn man alle Essstörungen zusammenfasst. Für Magersucht allein – über das gesamte Leben betrachtet – gehen aktuelle Studien von etwa 1 % aus. Auf Südtirol umgelegt wären das mehrere tausend Menschen. Natürlich sind wir froh, dass nicht alle davon Behandlung benötigen – wir könnten sonst niemanden mehr versorgen. Von diesen Betroffenen bräuchten rund 500 tatsächlich einen stationären Aufenthalt. Die übrigen lassen sich ambulant behandeln.