Samstag, 02. Oktober 2021

Kritik an Polizeiempfehlungen für Frauen nach Mordfall Sarah Everard

Die jüngsten Verhaltensempfehlungen der Londoner Polizei für Frauen als Reaktion auf den Mord an Sarah Everard sind auf scharfe Kritik gestoßen. Die Vorschläge seien „geradezu lächerlich, wenn es nicht so ekelhaft wäre“, sagte die Frauenrechtsaktivistin Patsy Stevenson der Nachrichtenagentur PA.

Eine Gedenkstelle für die ermordete Sarah Everard.
Eine Gedenkstelle für die ermordete Sarah Everard. - Foto: © APA/afp / JUSTIN TALLIS
Die Londoner Polizei hatte Leuten geraten, die wegen des Verhaltens von Beamten verängstigt sind, an Türen zu klopfen, Passanten oder Fahrzeuge zu stoppen oder den Notruf zu wählen.

Der Mörder von Sarah Everard, ein Polizist, hatte sein Amt und seine Ausrüstung missbraucht, um die 33-Jährige zu verschleppen. Die Frauenrechtsorganisation Reclaim These Streets, die nach dem Mord an Everard Proteste und eine Mahnwache organisiert hatte, sagte: „Wieder wird die Verantwortung auf die Frauen gelegt, sich selbst zu schützen – und was noch schlimmer ist, dass sie sich vor den Menschen schützen sollen, die sie beschützen sollen.“

Everard war am Abend des 3. März in London zu Fuß auf dem Heimweg von einer Freundin. Kurz nachdem die 33-Jährige ein Telefonat mit ihrem Freund beendet hatte, stoppte sie der Polizist mithilfe seines Dienstausweises und nahm sie wegen Verstoßes gegen Corona-Regeln fest.

Er fuhr die mit Handschellen gefesselte Everard Dutzende Kilometer weit in die südostenglische Grafschaft Kent. Dort vergewaltigte er die junge Frau und erdrosselte sie mit seinem Polizeigürtel. Später kaufte er Benzin, zündete die Leiche an und versenkte Everards sterbliche Überreste in einem Tümpel.

„Das Problem lautet männliche Gewalt, nicht weibliches Versagen“

Die Labour-Abgeordnete Bell Ribeiro-Addy schrieb in den sozialen Medien, „dieser völlig lächerliche Ratschlag“ zeige, dass die Polizei Gewalt gegen Frauen immer noch nicht ernst nehme. „Und sie fragen sich, warum das Vertrauen so niedrig ist wie nie zuvor?“

In einem weiteren Post betonte die Oppositionspolitikerin: „Dies spielt genau in die abscheuliche Kultur der Täter-Opfer-Umkehr ein, die wir so oft sehen, wenn Frauen angegriffen werden.“ Die Ex-Chefin der schottischen Konservativen, Ruth Davidson, nannte die Ratschläge „so schlimm“. Die Met betonte hingegen, es handle sich um wenige Ausnahmesituationen, in denen Zivilpolizisten alleine unterwegs seien.




„Sie greifen nach jedem Strohhalm“, sagte Stevenson. In solchen Situationen könne man nicht einfach ein Fahrzeug anhalten. „Können Sie sich das Misstrauen der Menschen vorstellen, wenn sie sich auf diese Weise vor der Polizei schützen sollen? Das ist schockierend.“ Die Polizei will mit solchen und ähnlichen Ratschlägen eigentlich das Vertrauen der Bevölkerung zurückgewinnen.

Kritik an männlich dominierten Sichtweisen kam auch von der schottischen Regierungschefin Nicola Sturgeon. Mit Blick auf Aussagen eines Politikers, Everard hätte gewahr sein müssen, dass ihr Mörder sie nicht habe anhalten dürfen, betonte Sturgeon: „Die Kommentare sind erschreckend. Es liegt nicht an Frauen, dies zu ändern.“ Das Problem laute männliche Gewalt, nicht weibliches Versagen dabei, immer erfinderischer beim Selbstschutz zu werden, schrieb die Regierungschefin im Internet.

Der Mörder von Sarah Everard muss für den Rest seines Lebens hinter Gitter. Richter Adrian Fulford verurteilte den 48-Jährigen am Donnerstag zur Höchststrafe – lebenslange Haft ohne Aussicht auf vorzeitige Entlassung.

apa/dpa/stol