<BR /><b>Herr Denicolò, Sie werden nach der vergangenen Nacht erschöpft sein...<BR /></b>Christian Denicolò: Ich bin müde, aber es geht schon. <BR /><BR /><b>Was haben Sie gestern Abend und in der Nacht auf Freitag erlebt?</b><BR />Denicolò: Um viertel vor 8 Uhr abends wurden wir wegen der Bergung zweier Personen alarmiert. Sie waren auf dem Weg von der Schlüterhütte zur Puezhütte in Bergnot geraten – wahrscheinlich wegen Starkwind und Schneefall. Es lagen auch schon 10 Zentimeter Schnee am Boden. Der Notarzthubschrauber Pelikan 2 hat mehrere Versuche unternommen, zu den beiden zu fliegen, aber die Wetterbedingungen ließen es nicht zu. Also sind wir zu Fuß hinauf – insgesamt 7 Bergretter. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1072275_image" /></div> <BR /><BR /><b>Bei starkem Wind, Schneefall und Einbruch der Dunkelheit...</b><BR />Denicolò: Wir hatten Schlafsäcke, Wärmedecken, ein Zelt und noch viel mehr mit. Der Aufstieg zum Paar in Bergnot nahm 2 Stunden in Anspruch. Die Wetterbedingungen erschwerten den Aufstieg ungemein: Im freien Gelände bei Wind und Schnee, stellenweise lagen schon bis zu 30 Zentimeter Schnee. Ich kenne den Weg gut, aber im Schneesturm war es schwierig, sich zu orientieren. Selbst für Experten kann es sehr kompliziert und gefährlich werden. Das ganze Team hat Großartiges geleistet. <BR /><BR /><b>Was erlebten Sie, als Sie die beiden Kanadier erreichten? <BR /></b>Denicolò: Der Hüttenwirt der Puezhütte und ein Bergführer waren bereits vor Ort. Die Frau war leider schon tot – an Unterkühlung gestorben. „Kümmert euch bitte um meine Frau“, hatte der überlebende Kanadier gesagt. Wir versuchten, ihn zu beruhigen und versicherten ihm, dass wir uns um sie kümmern würden. Man kann einem Mann in dem Zustand nicht einfach sagen, dass seine Frau gestorben ist. Ich glaube, er spürte es, war sich aber nicht hundertprozentig sicher. <BR /><BR /><BR /><b>Die Nacht im Schneesturm zu überleben, hatte zu dem Zeitpunkt wohl absolute Priorität.</b><BR />Denicolò: Wir haben das Zelt aufgebaut und den unterkühlten Mann mit Schlafsack und Decken gewärmt. Ich habe ihm alle 2 Stunden warmen Tee gegeben – er hat die Nacht gut überstanden. Wären wir nur eine Stunde später angekommen, wäre er vielleicht auch tot. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1072278_image" /></div> <BR /><BR /><b>Und was geschah am Freitagmorgen?</b><BR />Denicolò: Gegen 6 Uhr gelang es dem Notarzthubschrauber Aiut Alpin Dolomites, zu uns zu fliegen. Zuerst haben sie den Kanadier ins Langental geflogen, daraufhin uns ins Tal zur Carabinieri-Station. In der Zwischenzeit haben sie den Überlebenden ins Krankenhaus von Bozen geflogen, ehe sie uns wieder geholt haben – um den Leichnam der Frau zu bergen. Leider endete es in einer Tragödie.