Dienstag, 25. Juni 2019

Kunst, größer als sein Leben? Vor 10 Jahren starb Michael Jackson

Seine Musik ist nicht tot zu kriegen: In einer New Yorker U-Bahn-Station singt eine Frau einen Song von Michael Jackson, einige bleiben stehen und wippen mit. Hier scheinen die Diskussionen um den größten Popstar aller Zeiten fast so, als hätte es sie nie gegeben. Dabei ist Jackson, dessen Tod sich am heutigen Dienstag zum 10. Mal jährt, seit einigen Monaten so umstritten wie wohl noch nie.

Am heutigen Dienstag vor 10 Jahren starb der „King of Pop“. - Foto: AP
Am heutigen Dienstag vor 10 Jahren starb der „King of Pop“. - Foto: AP

Zur selben Zeit steht auf dem Promenadeplatz in München die bronzene Statue des Komponisten Orlando di-Lasso. Die Menschen, die in den vergangenen Monaten wieder verstärkt zu ihr pilgerten, kamen aber wegen eines anderen Musikers. Denn der Sockel vor dem Hotel „Bayerischer Hof“ wurde zum Michael-Jackson-Denkmal umfunktioniert, nachdem der Musiker 2009 im Alter von 50 Jahren durch eine Überdosis des Narkosemittels Propofol gestorben war.

Michael Jackson, diese einmalige Kunstfigur mit dem durch und durch gemachten Gesicht, der zwischen den Grenzen von Geschlecht und Ethnie zu schweben schien wie bei seinen Moonwalks rückwärts über die Bühne. Kürzlich noch zeigte ein Bild an seinem Münchner Altar Jacksons Gesicht und die markanten schwarzen Locken. Statt dem Mund stand da das Wort „innocent“ (unschuldig).

Songs nach wie vor gespielt

Den Glauben an Jacksons Unschuld aber verloren in letzter Zeit viele, nachdem sie „Leaving Neverland“ gesehen hatten, die mittlerweile weltweit bekannte Dokumentation von Regisseur Dan Reed. In ihr erzählen James Safechuck (41) und Wade Robson (36) schockierend und in schwer zu ertragender Detailtiefe, wie der Sänger sie sexuell missbraucht haben soll, als sie noch Kinder waren. Angefangen habe der Missbrauch, als er sieben war, sagt Robson in der Dokumentation. Es wird beschrieben, wie Jackson sich systematisch an die Kinder annäherte, schließlich mit ihnen in einem Zimmer schlief und nach einer Zeit wieder abstieß. Robsons Mutter spricht von einem „Muster“: „Alle zwölf Monate hatte er einen neuen Buben an seiner Seite.“

Doch während einige eingefleischte Fans in den Foren noch immer darüber brüten, wie sie die Welt von der Unschuld ihres Idols überzeugen können – schließlich wurde „Jacko“ nie von einem Gericht verurteilt -, geht auch eine andere Debatte weiter. Darüber, ob man Jacksons Oeuvre angesichts der Vorwürfe noch genießen darf. Sind Kunst und Künstler trennbar?

Im Fall von Jackson gab es diejenigen, die mit Boykottaufrufen reagierten. Doch Radios spielen Songs wie „Billie Jean“, „Smooth Criminal“ oder „Heal the World“ weiterhin, bei Streaminganbietern bleiben sie im Programm. Für die Tour des Musicals „Beat it“, von den Veranstaltern als „zweistündige Hommage“ an das Pop-Genie beschrieben, werden nach wie vor Karten verkauft.

Der Broadway in New York bereitet sich inzwischen Medienberichten zufolge auf den Start eines großen Michael-Jackson-Musicals im nächsten Jahr vor. 

Das ist eine Entwicklung, die kaum überrascht, wenn man sich neben dem Werk auch die Wirkung des „King of Pop“ anschaut. Viele beschreiben ihn als Star von solcher Größe, wie sie vielleicht niemals wieder erreicht werden kann. Die einflussreichsten Frauen und Männer der Welt – Präsidenten, Könige und Diktatoren – hofierten Jackson, auch deswegen, weil er auf seine Weise noch mächtiger war als sie. Er spielte Touren vor Millionen, und seine Konzerte waren so groß, wie das Fassungsvermögen der Stadien es zuließ.

„Auf der einen Seite ist da die Mondlandung und auf der anderen der Moonwalk“

„Larger than life“ ist eine Beschreibung, die oft für Jackson verwendet wird – „überlebensgroß“. Und auch sein Lebenswerk ist genau das: zu groß und mächtig, um es ignorieren oder boykottieren zu können. „Ich würde sagen, dass es wahrscheinlich keinen anderen Künstler gibt, der so wichtig für die Populärmusik der Gegenwart ist wie Michael Jackson“, sagt der „New York Times“-Kritiker Wesley Morris. Jacksons Tanz-Choreografien mit einer Masse von synchronen Tänzern wie bei „Thriller“ sind damals wie heute State of the Art.

Eine der Fragen, in der vieles kulminiert, lautet: Können schreckliche Menschen großartige Kunst machen? Liebhaber des genialen Komponisten, Antisemiten und Nazi-Lieblings Richard Wagner würden sie wohl genauso mit „Ja“ beantworten wie diejenigen, die Pablo Picassos Malerei großartig finden, obwohl er immer wieder als Mann beschrieben wurde, der Frauen in seinem Leben herabwürdigte.

Ähnliches dürfte auch für diejenigen gelten, die den König der Popmusik nach „Leaving Neverland“ mit anderen Ohren hören. Auch wenn um die Person Jackson zehn Jahre nach seinem Tod heftig gestritten wird, so bleibt sein Lebenswerk doch der berühmte „Gamechanger“. Oder wie Journalist Morris die wichtigsten Ereignisse der US-Neuzeit zusammenfasst: „Auf der einen Seite ist da die Mondlandung und auf der anderen der Moonwalk.“

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apa/dpa 

stol