<BR /><b>Was hat Sie bei der Sichtung des Pfarrarchivs am meisten beeindruckt, und warum ist dieses Archiv so besonders im Vergleich zu anderen kirchlichen Archiven in Südtirol?</b><BR />Philipp Tolloi: Beeindruckt haben mich die außergewöhnliche Geschlossenheit, Vielfalt und historische Tiefe des Bestandes. Enneberg zählt zu den Altpfarren des Bistums Bozen-Brixen. Die Pfarrei entstand bereits im 12. Jahrhundert aus der Mutterpfarre St. Lorenzen und wird zu Beginn des 13. Jahrhunderts erstmals erwähnt. Dieses hohe Alter spiegelt sich unmittelbar in der Überlieferung wider. So besitzt das Archiv nicht nur viele mittelalterliche Urkunden, sondern auch die älteste überlieferte Urkunde des Gadertals von 1293, einen Ablassbrief für die Kirche in St. Vigil. Solche Dokumente sind von außergewöhnlichem Wert – zumal viele andere Pfarrarchive deutlich später einsetzen oder Lücken aufweisen. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1342296_image" /></div> <BR /><BR /><b>Gab es bei den Sichtungen auch Überraschungen?</b><BR />Tolloi: Ja, den Fund der mittelalterlichen Handschrift zur Christophorus-Verslegende aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Dieses bislang unbekannte Fragment ist heute einer von nur drei weltweit existierenden Textzeugen dieser Fassung und belegt, dass das Gadertal im Spätmittelalter intensiver in überregionale Kleriker-Netzwerke eingebunden war, als man bisher annahm. Herausragend ist zudem die Mehrsprachigkeit des Bestandes: Latein, Deutsch, Italienisch und Ladinisch – oft in Mischformen – liegen hier nebeneinander vor.<BR /><BR /><b>Man bewegt sich in der faszinierenden Welt kirchlicher Vergangenheit?</b><BR />Tolloi: Nicht nur, denn Pfarrarchive sind keine rein kirchlichen Archive. Durch ihre sichere Verwahrung im Kirchenraum wurden sie über Jahrhunderte hinweg zu den einzigen dauerhaften Gedächtnissen. Sie enthalten nicht nur religiöse Unterlagen, sondern auch Akten zu Schule, Armenwesen, Bauangelegenheiten, Gerichtsbarkeit oder sozialen Konflikten – also zur gesamten Lebenswelt des Tales. In vielen ladinischen Ortschaften reichen Gemeindearchive oft nur ins 19. Jahrhundert zurück, während Pfarrarchive bereits mittelalterliche und frühneuzeitliche Unterlagen bewahren. Diese Kombination – das hohe Alter, die kontinuierliche Überlieferung, die thematische Breite, die überdurchschnittliche Sprachvielfalt und der archivalische Reichtum einer Altpfarre – macht das Pfarrarchiv von Enneberg zu einem Bestand von außergewöhnlichem Wert.<BR /><BR /><b>Welche Bestände halten Sie für wissenschaftlich besonders wertvoll – etwa im Hinblick auf die ladinische Sprache, die Sozialgeschichte oder die Rolle der Kirche im Alltag der Bevölkerung? </b><BR />Tolloi: Alle Archivalien sind Unikate, und jeder einzelne Bestand besitzt seinen Wert – oft entscheidet erst die konkrete Fragestellung der Forschung darüber, welches Dokument für sie von zentraler Bedeutung ist. Deshalb nehme ich ungern eine hierarchische Bewertung vor.<BR /><BR />Ich kann aber jene Bestandsgruppen nennen, die aufgrund ihrer Geschlossenheit, ihres Alters oder ihrer sprachlichen und inhaltlichen Besonderheit ein außergewöhnliches wissenschaftliches Potenzial besitzen. Chronologisch an erster Stelle stehen die mittelalterlichen Urkunden, die im Archiv bereits im späten 13. Jahrhundert einsetzen. Diese Quellen tragen wesentlich zum Verständnis der älteren Rechts-, Besitz- und Frömmigkeitsgeschichte des Gadertals bei. Von herausragender Bedeutung sind zudem die sprachgeschichtlichen Bestände. Die Archive des Gadertals bewahren frühe Dokumente mit Ladinismen und später umfangreiche Bestände in ladinischer Sprache: Predigten, Hirtenbriefe, Übersetzungen und Privatkorrespondenzen. <BR /><BR />Gerade die jüngeren ladinischen Dokumente werden in Zukunft für die Sprachforschung von großer Bedeutung sein, weil sie den Übergang vom älteren, mündlich geprägten Ladinisch hin zu schriftlichen Formen im 19. und 20. Jahrhundert detailliert nachvollziehbar machen.<BR /><BR /><b>Das Archiv ermöglicht auch weitere Forschungen?</b><BR />Tolloi: Ja, von besonderem Wert sind die sozial- und alltagsgeschichtlichen Quellen: Armenfonds, Gemeinderechnungen, Prozessunterlagen, Bau- und Schulakten oder Unterlagen zur Gesundheitsversorgung. Diese Dokumente spiegeln das alltägliche Leben der Bevölkerung über Jahrhunderte hinweg wider und erlauben eine ungewöhnlich detailreiche Rekonstruktion der historischen Lebenswelt eines ganzen Tales. Von erheblicher wissenschaftlicher Relevanz sind schließlich die demografischen und genealogischen Quellen. Die lückenlose Matrikel ab 1605 sowie die zahlreichen genealogischen Aufzeichnungen sind ein idealer Ausgangspunkt für historische Bevölkerungsforschung. Dabei ist selbstverständlich, dass ein Pfarrarchiv immer im Zusammenspiel mit anderen Archiven genutzt werden muss – etwa mit dem Diözesanarchiv in Brixen, dem Südtiroler Landesarchiv oder dem Staatsarchiv in Bozen sowie dem Tiroler Landesarchiv in Innsbruck. Erst im Verbund entsteht demnach ein vollständiges Bild der historischen Entwicklungen.<BR /><b><BR />Das Archiv soll künftig weiter ausgebaut und teilweise digital zugänglich gemacht werden. Welche Chancen und Herausforderungen sehen Sie dabei?</b><BR />Tolloi: Ich erkenne bemerkenswerte Chancen. Zugleich gilt es, die strukturellen und konservatorischen Herausforderungen realistisch zu sehen. Die größte Chance liegt in der langfristigen Sicherung eines außergewöhnlichen Kulturerbes. Viele Dokumente sind fragil und nur begrenzt benutzbar. Eine fachgerechte Digitalisierung schützt sie vor physischer Abnutzung und macht sie zugleich für kommende Generationen zugänglich.<BR /> Darüber hinaus bietet die Digitalisierung die Möglichkeit, das kulturelle Erbe der ladinischen Täler international sichtbar zu machen. Zudem bietet die geplante Zusammenführung aller zwölf Gadertaler Pfarrarchive in Enneberg einen enormen Mehrwert. Ein gemeinsamer Archivstandort erleichtert weitere Erschließung, Forschung, konservatorische Betreuung, Zugang sowie digitale Bereitstellung und schafft eine einmalige Grundlage für übergreifende Studien zur Geschichte des gesamten Tales.<BR /> Die Herausforderungen betreffen vor allem die Ressourcen: Digitalisierung erfordert archivwissenschaftliche Expertise, IT-Infrastruktur und eine nachhaltige Pflege der digitalen Daten. Hinzu kommen Rechts- und Datenschutzfragen, insbesondere bei Matrikeln und jüngeren Personalunterlagen. Trotz dieser Herausforderungen überwiegen die Chancen. Eine Digitalisierung würde das Archiv von Enneberg zu einem Leuchtturmprojekt des ladinischen Kulturerbes machen.