Es gibt Sätze, die vor einigen Jahren noch wie eine Zumutung geklungen hätten. Einer davon lautet: Menschen sollen auch nach Erreichen des Rentenalters freiwillig weiterarbeiten können – und dafür bessere Anreize bekommen. Heute klingt dieser Satz nicht mehr nach Tabubruch. Südtirol wird älter, die Babyboomer gehen nach und nach in Pension, Betriebe suchen Fachkräfte, das Rentensystem steht unter Druck. Wer in dieser Lage länger arbeiten will, sollte ermutigt werden.<BR /><BR />Der Vorstoß des SVP-Fraktionsvorsitzenden Harald Stauder geht deshalb in die richtige Richtung. Von den Wirtschaftsverbänden kommt breite Zustimmung. Der hds will sogar gemeinsam mit Senator Meinhard Durnwalder in Rom ein Pilotprojekt für Regionen und Provinzen mit niedriger Arbeitslosigkeit anregen. Eben dort, wo jede zusätzliche Arbeitskraft zählt – wie in Südtirol. <BR /><BR /><embed id="dtext86-74769763_quote" /><BR /><BR />Das Grundprinzip erinnert an den Bonus Giorgetti, soll aber weitergehen: Wer trotz Pensionsanspruch weiterarbeitet, soll die Sozialabgaben zur Gänze behalten können – und damit deutlich mehr Netto vom Brutto haben. Das ist sinnvoll, weil Geld ein starkes Argument ist. Das bestätigt auch eine Umfrage des Arbeitsförderungsinstituts AFI, wonach sich viele Beschäftigte grundsätzlich vorstellen können, über das gesetzliche Rentenantrittsalter hinaus zu arbeiten. Aber eben nicht um jeden Preis.<BR /><BR />Wer nach Jahrzehnten im Beruf verlängert, stellt sich eine einfache Frage: Was habe ich davon? In Euro – aber nicht nur in Euro. Denn längeres Arbeiten wird nur dann funktionieren, wenn auch die Arbeitswelt dazulernt. Es reicht nicht, älteren Beschäftigten zu sagen: Mach einfach weiter wie bisher. Noch ein Jahr. Noch zwei. Noch drei.<BR /><BR />Ein Berufsleben, das bis zum letzten Tag auf 100 läuft und dann abrupt in die Leere kippt, ist ohnehin kein Modell für die Zukunft. Altersteilzeit, gleitende Übergänge, neue Rollen im beruflichen Herbst: Auch hier gibt es noch viel zu tun. Aber das ist ein eigenes Thema. Klar ist nur: Die Debatte ist größer als ein Umschichten von Sozialabgaben.<BR /><BR /><embed id="dtext86-74769766_quote" /><BR /><BR />Gerade in Südtirol liegt darin eine Chance. In vielen kleinen und mittleren Betrieben gibt es Mitarbeiter, die seit Jahrzehnten wissen, wie der Laden läuft. Sie kennen Kunden, Abläufe, Fehlerquellen, unausgesprochene Regeln. Wenn sie von einem Tag auf den anderen gehen, verschwindet nicht nur Arbeitskraft. Es geht auch betriebliches Gedächtnis verloren.<BR /><BR />Es braucht also passende Aufgaben, flexible Modelle und echte Wertschätzung. Ältere Beschäftigte müssen spüren, dass ihre Expertise gebraucht wird. Im Grunde gilt für sie dasselbe wie für Jüngere: Man muss sich etwas einfallen lassen. Junge bleiben nicht, wenn sie keine Perspektive sehen. Ältere bleiben nicht, wenn sie das Gefühl haben, nur noch eine Lücke zu stopfen. Beide brauchen Aufgaben, die zur jeweiligen Lebensphase passen.<BR /><BR />Wenn Politik, Betriebe und Sozialpartner das richtig angehen, kann freiwilliges Weiterarbeiten ein Baustein für einen klügeren Arbeitsmarkt werden: einer, der Erfahrung nicht zu früh aufs Abstellgleis schiebt, Menschen länger einbindet und den demografischen Wandel praktisch beantwortet. Aus einem: „Du kannst noch länger arbeiten“ wird dann ein aufrichtiges: „Wir brauchen dich noch.“<BR /><BR /> <a href="mailto:rainer.hilpold@athesia.it" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">rainer.hilpold@athesia.it</a><BR /><BR /><b> <a href="https://www.stol.it/tag/Kommentar" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">Alle Kommentare und Analysen auf STOL finden Sie hier. </a></b>