Welche Schritte sind jetzt zu setzen, um diesem besorgniserregenden Trend entgegen zu wirken?<BR /><BR /><BR /><b>Frau Zelger, wie ist die Situation der Hausärzte im Gesundheitsbezirk Brixen?</b><BR />Christine Zelger: Die Besetzung von Hausarztstellen in ländlichen Gebieten mit fixen Ärzten ist generell kein leichtes Unterfangen. Während im Sprengel Klausen noch 250 Plätze frei wählbar sind, ist die Situation im Sprengel Brixen ernster. Die 20 dort tätigen Ärzte haben nur in Ausnahmefällen Plätze frei. Über das Gesundheitsressort war es möglich, eine Erhöhung der Patientenbegrenzung zu erreichen, wodurch 310 freie Plätze für neue Patienten geschaffen wurden, was in dieser Phase ein sehr wichtiges Ergebnis war.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="736973_image" /></div> <BR /><BR /><b>Wie sieht es im Wipptal aus?</b><BR />Zelger: Grundsätzlich ist jede Nachbesetzung eine Herausforderung. Junge, gut ausgebildete Hausärzte können zwischen mehreren Stellen wählen, auch in den Städten sind oft wieder Stellen frei, die in den Augen der Bewerberinnen manchmal als attraktiver wahrgenommen werden. Wir sind aber mit vollem Einsatz dahinter, dass auch die Stellen im Wipptal sofort nachbesetzt werden.<BR /><BR /><b>Können Sie konkrete Zahlen nennen?</b><BR />Zelger: 2021 konnten im Wipptal 2 freiwerdende Stellen aufgrund einer Abwanderung und einer Pensionierung mit provisorischen Aufträgen nachbesetzt werden, nachdem die Ausschreibungen für die fixe Anstellung mit Voraussetzung Hausarztausbildung und entsprechendem Zweisprachigkeitsnachweis leer ausgegangen sind. Auch für die mit Ende Februar anstehende Pensionierung eines Hausarztes ist es gelungen, mit Anfang März einen jungen Arzt aus Bergamo provisorisch anzustellen, der 1587 Patienten übernimmt. Die Suche nach Hausärzten zur fixen Anstellung geht intensiv weiter.<BR /><BR /><b>Wie kann sich ein Arzt aus Bergamo hier zurechtfinden?</b><BR />Zelger: Wir haben zum Glück 2 erfahrende Ärzte – Dr. Esther Niederwieser, Dr. Pietro Stefani – die sich bereit erklärt haben, den neuen Kollegen einzuführen und ihn ins Netzwerk mit den Wipptaler Berufskollegen aufzunehmen. Es ist mehr als erfreulich und spiegelt das Verantwortungsbewusstsein der Ärzte wider, dass sich diese Kollegen um eine geregelte Nachfolge bemühen, damit die Versorgungskontinuität für die Bevölkerung gewährleistet wird. Sie stellen teilweise ihr Ambulatorium zur Verfügung. <BR /><BR /><b>Warum ist es so schwierig, Hausärzte für periphere Gebiete zu finden?</b><BR />Zelger: Da zeigt sich eine Entwicklung, die es auch in anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens und der Wirtschaft gibt. Junge Ärzte zieht es in die Zentren. Die Peripherie mit ihren weitläufigen Tälern und Weilern, die bei notwendigen Hausbesuchen versorgt werden müssen, erscheinen vielen zunächst als weniger attraktiv. Aber die ländlichen Gebiete haben auch Vorteile, und es gibt auch Ärzte, die gerade diese suchen. Wir müssen diese vermehrt ansprechen und aktiv kommunizieren.<BR /><BR /><b>Wie können Stellen attraktiver gestaltet werden?</b><BR />Zelger: Wir müssen eine Art „Willkommenskultur“ praktizieren, zusammen mit den lokalen Verwaltern und Einrichtungen. Es gilt den jungen Ärzten zum Beispiel ein Arztambulatorium zur Verfügung zu stellen, um ihnen den Berufseinstieg auf dem Gemeindegebiet zu erleichtern. Gemeindeverwalter vor allem kleinerer Gemeinden haben dies als Chance erkannt und bieten Ärzten Räume an – oder sorgen wie beim genannten Arzt aus Bergamo für eine rasche Integration in die Gemeinschaft. Vorteilhaft wäre, wenn die die räumlichen Voraussetzungen bestehen, dass mehrere Ärzte eine Gemeinschaftspraxis errichten können, um sich gegenseitig zu unterstützen und zu vertreten. Es müssen auch familienfreundlichere Arbeitsbedingungen geschaffen werden, zum Bespiel noch mehr Möglichkeiten der Teilzeitarbeit, denn der Trend hin zur weiblichen Medizin zeigt sich auch bei den Hausärzten. Die definitiven und provisorischen Rangordnungen für Hausärzte zeigen, dass mindestens 65 Prozent der Ärzte weiblich sind. In Zukunft wird es somit vermehrt Allgemeinmediziner in Teilzeit geben. Aber auch den Männern ist eine gute Work-Life-Balance wichtig. Um ausreichend Ärzte für die Peripherie zu finden, ist Unterstützung auf vielen Ebenen gefragt. Der Sanitätsbetrieb setzt bereits wichtige Schritte.<BR /><BR /><b>Welche?</b><BR />Zelger: Es gibt mehrere Hausärzte, die ihre Ausbildung in Österreich absolviert haben und dort tätig sind. Auf Assessoratsebene laufen intensive Bemühungen, abgewanderte Ärzte für die Rückkehr nach Südtirol zu gewinnen. Die Chancen stehen nicht schlecht, denn auch die Hausarzttätigkeit in Deutschland und Österreich ist mittlerweile ein Knochenjob geworden.<BR /><BR /><b>Wie kann der Beruf insgesamt attraktiver werden?</b><BR />Zelger: Wir arbeiten derzeit unter der Leitung des Gesundheitsressort an konkreten Maßnahmen. Überlegt wird beispielsweise, die Arztpraxen mit medizinischen Geräten für die Basisdiagnostik auszustatten. Dadurch würden die Krankenhäuser entlastet, zum anderen der Beruf des Basisarztes attraktiver. Für die Anstellung von Sekretariatskräften der Hausärzte soll es künftig eine Erhöhung der Finanzierung geben, falls die Sekretärinnen spezielle Ausbildungslehrgänge besuchen, die zu einer Berufszertifizierung und einer höheren Qualität führen.<BR />