Samstag, 22. Mai 2021

Land der Artenvielfalt: Nagelprobe auf dem Puflatsch

Am heutigen 22. Mai ist Welttag der biologischen Vielfalt. Er steht unter dem Motto „Wir sind Teil der Lösung“. „Das Land Südtirol, welches gerne auch ein Land der Artenvielfalt sein und werden möchte, kann jetzt zeigen, ob dieses Motto auch bei uns gilt“, heißt es in einer gemeinsamen Aussendung des Alpenvereins Südtirol, Dachverbands für Natur- und Umweltschutz, Heimatpflegeverbands Südtirol, Lia per Natura y Usanzes und der Vereinigung Südtiroler Biologen.

Am 22. Mai ist der Welttag der Biodiversität.
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Am 22. Mai ist der Welttag der Biodiversität. - Foto: © Richard Lorenz
Auf dem Puflatsch findet sich ein europaweit einzigartiges Vorkommen von genetisch bedingten Farbvarianten bei Brunellen, einer geschützten Orchideen-Art. Doch dieses Vorkommen ist akut durch den Bau eines Speicherbeckens für die Schneeerzeugung bedroht.

Anfang Juni 2019 riefen Landeshauptmann Kompatscher, Landesrätin Hochgruber-Kuenzer sowie Landesrat Schuler in einer gemeinsamen Pressekonferenz zu größerem Bewusstsein für die Artenvielfalt auf. Man wolle in den kommenden Jahren weitere Schritte hin zum „Land der Artenvielfalt“ setzen. „Wie ernst die Politik ihren eigenen Aufruf und die politischen Versprechen nimmt, kann sie jetzt unter Beweis stellen“, heißt es in der Aussendung.

Einzigartige Orchideen am Puflatsch

Brunellen (Kohlröschen, wissenschaftlich Nigritella rhellicani) gehören zu den wildwachsenden europäischen Orchideen der Alpen und sind an der dunkelbraunen Färbung und dem vanilleartigen Geruch ihres kugelförmig-zylindrischen Blütenstands leicht zu erkennen. Bunt gefärbte Formen kommen extrem selten vor, mit einer großen Ausnahme: die seit über 100 Jahren europaweit bekannte Puflatsch-Population. Sie weist einen ungewöhnlich hohen Anteil an roten, rotweißen, weißroten, weißen und gelben Farbvarietäten auf.




Nach neuen molekulargenetischen DNA-Analysen liegt die Ursache für die Vielfalt ihrer Farbvarietäten in einzigartigen Genvarianten. Damit ist der Brunellen-Bestand auf dem Puflatsch europaweit einzigartig und verdient aufgrund seines hohen Wertes für die Biodiversität und die genetische Integrität nicht nur besondere Aufmerksamkeit, sondern auch entsprechende Bemühungen zum Schutz und Erhalt.

Speicherbecken zerstört Juwel der Südtiroler Natur

Nun sind die bunten Puflatsch-Brunellen akut bedroht: Nahe der Bergstation Puflatsch soll ein Speicherbecken für die Schneeerzeugung mit 82.770 Kubikmeter Fassungsvermögen gebaut werden. Durch das Speicherbecken selbst, die Baustelle und die Ablagerung des Aushubmaterials würde ein Großteil dieses Brunellenbestandes zerstört werden oder zumindest eine für das Überleben kritische Grenze unterschreiten.

Politik und Verwaltung wissen seit mindestens einem halben Jahr von diesem einzigartigen Juwel der Südtiroler Natur, dessen ökologische und vor allem evolutionsbiologische Bedeutung weit über die Grenzen Südtirols hinaus geht und bekannt ist. Orchideen sind zudem in Südtirol durch das Naturschutzgesetz streng geschützt. Der Rasen, in dem die Brunellen wachsen, entspricht dem EU-weit und damit auch landesweit geschützten Lebensraum „Artenreiche Borstgrasrasen“.

Landschaftsschutzgebiet Seiser Alm bewahren

Auch das durch die massiven Eingriffe der letzten Jahre ohnehin stark lädierte Landschaftsbild der Seiser Alm droht mit dem neuen Speicherbecken weiteren Schaden zu nehmen. Nicht ohne Grund ist die Seiser Alm mit ihren noch vorhandenen artenreichen hochalpinen Bergwiesen eines der beliebtesten Fotomotive der Südtiroler Tourismuswerbung und ein ikonisches Identifikationsmotiv der Südtiroler Bevölkerung.

„Die Entscheidungsträger in Politik und Tourismusindustrie täten gut daran, dieses Landschaftsschutzgebiet in seiner Einzigartigkeit zu erhalten und Projekten wie dem geplanten Speicherbecken einen Riegel vorzuschieben“, heißt es in der gemeinsamen Aussendung.

Das Verfahren zur Änderung des Bauleitplanes ist zwar bereits abgeschlossen und das Speicherbecken somit im Bauleitplan eingetragen, doch bedeutet dies nicht, dass auch das Projekt selbst positiv begutachtet und zwingend gebaut werden muss. Eine Änderung des Bauleitplanes kann jederzeit wieder rückgängig gemacht werden.

„An den europaweit einzigartigen Brunellen am Puflatsch wird sich zeigen, wie kohärent die Politik zum Schutz der Artenvielfalt steht. Die Versprechen dazu wurden bereits gegeben, jetzt braucht es die entsprechenden Taten“, schließt die Mitteilung ab.

stol