<b>Dr. Pizzinini, mit welchem Gefühl haben Sie Ende März das Krankenhaus verlassen?</b><BR />Dr. Marco Pizzinini: Mit einem lachenden und einem weinenden Auge. 40 Jahre sind eine lange Zeit – mit vielen Freundschaften und vielen Patienten, denen man helfen konnte. Ich habe meinen Pensionsantritt zweimal verschoben, aber mit 67 ist jetzt der richtige Zeitpunkt. Ich bin überzeugt, dass wir gute Arbeit geleistet haben, aber nach 20 Jahren an der Spitze tut ein Wechsel gut. Die Medizin entwickelt sich rasant, da braucht es junge Kräfte und neue Impulse. Und man sollte gehen, bevor die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter denken, es wird langsam Zeit – am besten eine Minute vorher.<BR /><BR /><b>Was bleibt in Erinnerung?</b><BR />Dr. Pizzinini: Da gibt es einiges – etwa die schweren Busunglücke im Gadertal, in Kiens und in Luttach. Und natürlich Covid, das war eine Zäsur für uns alle. Was bleibt, sind aber vor allem die Menschen, denen man helfen konnte. Unvergesslich ist eine Drillingsgeburt vor 25 Jahren. Mitten in der Nacht wurde ich gerufen, bei Schneesturm bin ich von St. Vigil – damals über die „Panoramastraße“ – nach Bruneck gefahren, wo noch drei Anästhesisten warteten. Drei winzige Babys, die nicht geatmet haben – wir haben sie mit einem guten Schutzengel über die Nacht gebracht. Am Morgen kamen Kollegen aus Bozen mit Inkubatoren – mit dem Auto, der Hubschrauber konnte wetterbedingt noch nicht fliegen. Die drei haben überlebt, sind kräftige Burschen geworden. Solche Momente bleiben.<BR /><BR /><b>Sie haben Covid genannt – wie haben Sie diese Zeit erlebt?</b><BR />Dr. Pizzinini: Als extrem belastend. In den ersten Monaten waren wir haarscharf an der Katastrophe – zeitweise gab es kein einziges freies Intensivbett mehr. Wenn in dieser Situation ein schwerer Unfall mit mehreren Schwerverletzten passiert wäre, hätten wir landauf, landab keine Intensivbetten zur Verfügung gehabt. Gleichzeitig hat das Sanitätssystem gezeigt, was es in kürzester Zeit leisten kann. Bis heute wird die Maskenfrage diskutiert und überstrapaziert – aber damals herrschte eine Ausnahmesituation. Wenn es am Freitag heißt, ab Montag gibt es fast keine Masken mehr, dann kann man keine Ausschreibungsverfahren abwarten. Dass die Betriebsführung damals das Maskenangebot aus China angenommen hat, war verständlich. Die enorme Leistung des gesamten Personals wird heute oft vergessen.<BR /><BR /><b>Hatten Sie Angst?</b><BR />Dr. Pizzinini: Respekt auf jeden Fall. Am Anfang wussten wir zu wenig über das Virus. Mit den Impfungen hat sich die Situation deutlich entspannt. Im zweiten Jahr hatten wir auf der Intensivstation fast nur mehr Ungeimpfte. Die Problematik der Impfgegner hat die bereits angespannte Situation für uns im Sanitätsbetrieb noch verschlimmert. Es hat sich gezeigt, dass viele nicht bereit waren, sich selbst und auch andere zu schützen.<BR /><BR /><b>Wie hat sich die Anästhesie in Ihrer Laufbahn verändert?</b><BR />Dr. Pizzinini: Enorm. Früher ging es vor allem um Narkose bei Operationen. Heute umfasst das Fach vier Bereiche: Anästhesie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie. Dazu kommt Diagnostik, etwa durch Ultraschall. Es ist ein breites und anspruchsvolles Fach geworden – und auch für junge Ärzte sehr attraktiv. Entscheidend war in all den Jahren immer das Team, das sehr motiviert war und diese Entwicklungen mitgetragen und mitgeprägt hat. Ein Einzelner kann wenig bewegen, ein gutes Team sehr viel.<BR /><BR /><b>Wie sind Sie zur Anästhesie gekommen?</b><BR />Dr. Pizzinini: Eigentlich durch Zufall. Ich war eher internistisch orientiert, aber in Bruneck musste man damals als junger Arzt alle Abteilungen durchlaufen – und auf der Anästhesie hat es mir sofort gefallen. Ich bin geblieben und habe es nie bereut.<BR /><b><BR />Ihr besonderes Anliegen war die Schmerztherapie.</b><BR />Dr. Pizzinini: Ja, sie liegt mir sehr am Herzen, weshalb ich sie in Bruneck etabliert habe. Gerade bei chronischen Schmerzen spielt die Psyche eine große Rolle. Deshalb ist die moderne Schmerztherapie multimodal: Medikamente, Physiotherapie, Psychologie – alles greift ineinander. Wichtig ist, sich Zeit für den Patienten zu nehmen und ihn als Ganzes zu sehen. Viele Faktoren können schmerzverstärkend wirken – meist sind es Belastungen verschiedenster Art. Wenn jemand das alles offen aussprechen kann, ist das ein erster und sehr wichtiger Schritt. <BR /><BR /><b>Dafür ist im Gesundheitssystem aber oft wenig Zeit...</b><BR />Dr. Pizzinini: Das stimmt. Früher gab es mehr Ärzte, heute fehlt einfach das Personal. Viele Südtiroler Mediziner bleiben im Ausland, weil dort die Rahmenbedingungen attraktiver sind. Allein die Aufnahmeverfahren sind bei uns viel zu bürokratisch und schrecken viele ab. Im Ausland spricht man mit dem Chefarzt, beginnt wenige Tage später und bekommt Unterstützung bei der Wohnungssuche. Da müssen wir aufholen – Landschaft und Lebensqualität reichen nicht. <BR /><BR /><b>Ist das Personal die größte Baustelle im Sanitätsbetrieb?</b><BR />Dr. Pizzinini: Eine der größten. Ein weiteres Thema ist die Digitalisierung. In Bruneck hatten wir mit IKIS, das unsere Informatiker hier entwickelt haben, ein hervorragendes System. Jetzt haben wir ein neues – und ich sage es so: Wir haben eine leere Karosserie gekauft und müssen erst alle Teile einbauen. Hätte man nicht auch ein fertiges Auto kaufen können? Das sorgt derzeit für Frust, weil Ärzte mehr Zeit am Computer als beim Patienten verbringen.<BR /><BR /><b>Wie sehen Sie die Zukunft der öffentlichen Medizin?</b><BR />Dr. Pizzinini: Sie wird angesichts der demografischen Entwicklung immer wichtiger und muss deshalb sicherlich weiter gestärkt werden. <BR /><BR /><b> Ist das finanziell überhaupt zu stemmen? </b><BR />Dr. Pizzinini: Es wird eine Herausforderung – auch ethisch. Mit der Ethik setzt sich die Intensivmedizin ständig auseinander, weil sich oft die Frage stellt, ob eine Behandlung noch sinnvoll ist oder nur Leiden verlängert. Dafür gibt es ethische Beratungsgruppen, die mit Ärzten, Pflegekräften, Psychologen und Angehörigen abwägen, ob und wann ein Rückzug medizinischer Maßnahmen angebracht ist – um die Würde des Menschen in seiner letzten Lebensphase zu wahren. Sehr positiv war der Ausbau der Palliativmedizin in Bruneck – sie ist heute unverzichtbar.<BR /><BR /><b>Derzeit wird viel über die Gemeinschaftshäuser diskutiert. Können sie die Notaufnahmen wirklich entlasten? </b><BR />Dr. Pizzinini: Grundsätzlich ja – ich schätze, 70 Prozent der Fälle könnten auch außerhalb der Notaufnahme behandelt werden. Aber die entscheidende Frage ist das Personal. Wer arbeitet dort? Ohne klare Lösungen könnte es auch zur Mehrbelastung werden. Um die Notaufnahmen zu entlasten, braucht es eine gute Vernetzung und Zusammenarbeit aller Ärzte im Krankenhaus, in der Privatmedizin und im Territorium.<BR /><b><BR />Sie haben in der Sanitätseinheit Ost angefangen, die nun eine Bezirksdirektion im großen Sanitätsbetrieb ist. Wie bewerten Sie die Zentralisierung? </b><BR />Dr. Pizzinini: Sie hat Vor- und Nachteile. Die Verwaltungswege sind länger und komplexer geworden. Gleichzeitig hat die medizinische Vernetzung Vorteile – gerade auch in Zeiten des Personalmangels. Ein Beispiel ist die standortübergreifende Nutzung von OP-Kapazitäten: Wir haben im Pustertal mitunter Operationssäle nicht ausgelastet, in Bozen aber kann häufig nicht operiert werden, weil hier OP-Pflegekräfte fehlen. Deshalb macht es Sinn, wenn Chirurgen aus Bozen zu uns kommen, um hier unsere oder ihre Patienten zu operieren. Das funktioniert in einigen Fachgebieten schon gut, mit der Neurochirurgie hoffentlich ab Herbst – die Wartelisten auf Bandscheiben-OPs sind nämlich sehr lang. Die Mobilität von Personal und Patienten wird wichtiger werden.<BR /><BR /><b> Was war Ihnen als Führungskraft wichtig?</b><BR />Dr. Pizzinini: Respekt und Kollegialität. Jeder im System ist wichtig – vom Reinigungspersonal bis zum Arzt. Flache Hierarchien und ein gutes Arbeitsklima fördern das Miteinander. <BR /><BR /><b> Man sagte Ihnen ein enormes Arbeitspensum nach. Wie schwer fällt es da, vom Vollgas herunterzukommen?</b><BR />Dr. Pizzinini: Ich hatte im Vorjahr einen schweren Skiunfall und war drei Monate außer Gefecht. Da habe ich also schon ein bisschen geübt. Danach bin ich schrittweise kürzergetreten. Trotzdem war der endgültige Abschied eine Vollbremsung. Und ich merke: Ganz lassen will ich es nicht. Es rufen ja auch weiterhin Menschen an, die Hilfe brauchen. Ein Arzt bleibt immer Arzt. <BR /><BR /><b> Sie arbeiten also weiter?</b><BR />Dr. Pizzinini: Ich werde die Schmerztherapie im Krankenhaus noch etwas weiterführen und plane ein kleines Ambulatorium für Schmerztherapie, aber auch mit alternativmedizinischen Ansätzen wie Akupunktur. Ganz aufhören möchte ich nicht.<BR /><BR /><b> Ihre Landsleute lagen Ihnen immer sehr am Herzen...</b><BR />Dr. Pizzinini: Es ist für Patienten wichtig, in ihrer Muttersprache sprechen zu können. Ich habe deshalb unter anderem immer versucht, besonders für Patienten aus den ladinischen Tälern und natürlich auch für die St. Vigiler da zu sein. Oft ganz unkompliziert: Wenn mich jemand im Gasthaus angesprochen hat, habe ich gesagt: Komm morgen im Spital vorbei. Das taten sie – da hatte meine Sekretärin einiges zu organisieren. An einem Morgen habe ich sie gefragt, wie viele Patienten wir heute haben. Sie sagte: „20 – die Vigiler nicht mitgerechnet.“ <BR /><BR /><b> Also bleiben Sie der Hausarzt der Vigiler?</b><BR />Dr. Pizzinini: (lacht) Absolut!<BR /><b><BR />Bleibt trotzdem etwas mehr Zeit für das Privatleben?</b><BR />Dr. Pizzinini: Ja, doch. Freizeit und Familie sind bisher sicher zu kurz gekommen. Ich wandere gerne, gehe gern auf den Berg. Das möchte ich nachholen, auch einige Reisen. Aber am Ende zählt vor allem die Gesundheit. <BR /><BR /><b>Was bleibt von 40 Jahren als Krankenhausarzt und was werden Sie vermissen?</b><BR />Dr. Pizzinini: Es bleibt vor allem die Dankbarkeit. Wenn man einem Menschen den Schmerz nehmen kann, dieses Lächeln – das ist unbezahlbar. Und ich bin meinem Team sehr dankbar, ohne sie wäre das alles nicht möglich gewesen. Vermissen werde ich die Menschen, das Team, das Miteinander. Ich habe bis zum letzten Tag dazugelernt – das geht nur gemeinsam. Genau das wird mir fehlen.<h3> VITA</h3>Dr. Marco Pizzinini stammt aus St. Vigil in Enneberg und lebt dort. Er hat in Innsbruck Medizin studiert, die Facharztausbildung für Anästhesie und Wiederbelebung in Verona absolviert sowie eine Akupunkturausbildung in Österreich. Seine Laufbahn im Sanitätsbetrieb begann er 1987 als Sprengelarztanwärter am Krankenhaus Innichen. Seit 1991 war er Anästhesist am Brunecker Krankenhaus, zuerst als Assistenz-, dann als Oberarzt. Ab 2001 war er Primar-Stellvertreter und ab 2006 Primar der Abteilung Anästhesie und Wiederbelebung und Leiter der Schmerzambulanz in Bruneck. Seit 2018 war er zudem Sanitätskoordinator im Gesundheitsbezirk Bruneck.