Seine schwarze Lederjacke erzählt still von wilden Zeiten. Fast könnte man Martin mit einem Biker verwechseln. Dass der 64-Jährige seine Geschichte öffentlich teilt, ist nicht selbstverständlich. Seine Mutter weiß bis heute nichts davon. <BR /><BR />Gedankenversunken blickt Martin zurück, die Stimme zittert leicht: „2001 bin ich vom Knast rausgekommen und habe eine Frau kennengelernt. Wir hatten Sex – und Heroinspritzen.“ Bei ihr steckte sich der heute 64-Jährige damals an. Mit HIV. Vieles ist seitdem zusammengebrochen. Die umherliegenden Scherben muste er alle selbst aufsammeln.<BR /><BR />Martins Blick streift ins Leere. Zwei Jahre lang war er im Gefängnis. „Ja, ich habe geklaut und mit Rauschgift gehandelt. Meine kriminelle Vergangenheit gehört zu mir. Auch wenn ich nicht stolz darauf bin“, sagt er. <BR /><BR />Nach der Diagnose zog der gebürtige Bozner in eine Sozialwohnung. Drei Jahre lang lebte er dort, bis er körperlich und mental nicht mehr gut „banond“ war, wie er sagt. Zuflucht fand Martin schließlich im „Haus Emmaus“ in Leifers, wo er seit 13 Jahren lebt. <h3> Von der Gesellschaft verstoßen</h3>Einst war das heutige „Haus Emmaus“ ein Gasthaus mit Kegelbahn. Heute leben hier 13 HIV-positive und aidskranke Menschen. Bald werden es 14 sein, wie Sozialarbeiter Dario Sciacovelli anmerkt. Er arbeitet seit mittlerweile 20 Jahren im „Haus Emmaus“. 1996 richtete die Caritas unter großer Polemik das Zentrum ein. Es liegt am alten Pilgerweg, der nach Maria Weißenstein führt, etwas abseits des Städtchens Leifers. Das Rauschen des nahen Brantenbachs unterbricht die Stille des Ortes. <BR /><BR />Dario Sciacovelli erzählt von seinen Anfangsjahren im Haus und von den vielen Vorurteilen gegenüber „Gästen“ – wie er sie statt „Patienten“ nennt: „Damals wollten sie viele Leiferer nicht hier haben. Es ging sogar das abstruse Vorurteil um, dass das Wasser des Baches von den Bewohnern „verseucht„ werde.“<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="780356_image" /></div> <BR />Das Bild eines schwachen, „ausgemergelten“ und sterbenden – sowie hochansteckenden – Menschen bestimmte in den 1980er- und 1990er-Jahren den Diskurs rund um das HI-Virus bzw. die Aids-Erkrankung. Lange Zeit konnte die Infektion tatsächlich nur unzureichend therapiert werden. Inzwischen sei mit der antiretroviralen Therapie (ART) annähernd eine durchschnittliche Lebenserwartung trotz HIV-Infektion möglich, wie der Sozialarbeiter berichtet.<BR /><BR />Hinter dem Haus versteckt sich ein schöner Garten. Gemeinsam mit Elmar, einem anderen Bewohner hier, kümmert sich Martin um die Bepflanzung. Die Tomatenstauden sprießen in die Höhe. Martin zeigt auf die Basilikumblätter, die eigentlich schon geerntet werden könnten.<BR /><BR />Das „Haus Emmaus“ ist zu seinem Zuhause geworden. Und die Bewohner und Mitarbeiter seine Familie, die er vorher nie hatte. <h3> „Es hätte vieles anders laufen können“</h3>Geboren wurde Martin in Innsbruck. Unmittelbar danach wurde er noch als Kind von seiner Mutter abgegeben. Seinen Vater hatte er nie kennengelernt. <BR /><BR />Eine Pflegefamilie kümmerte sich rührend um den Kleinen, bis er ihnen mit sechs Jahren entrissen wurde. „Meine leibliche Mutter kam, um mich zu holen. Von einem Tag auf den anderen musste ich fortgehen. Das war grauenvoll.“ <BR /><BR />Immer wieder versuchte er seiner Mutter zu entwischen. Denn diese kümmerte sich laut Martin nur um ihren alkoholsüchtigen Partner. Ihrem Sohn hingegen schenkte sie kaum Aufmerksamkeit, geschweige denn mütterliche Fürsorge und Liebe. „Einmal bin ich ihr entkommen, da war ich elf oder zwölf. Ich bin hinauf, nach Kastelruth zu meinen Pflegeeltern und bei ihnen eine Woche lang untergekommen. Dort habe ich wenigstens was zu essen bekommen“, erzählt er. <BR /><BR />Erfahrungen wie diese prägten seinen Lebensweg entscheidend mit. Und erweckten Abgründe in ihm, auf die der Bozner mit zwei tätowierten Tränen unter seinem rechten Auge zurückblickt: „Es hätte vieles anders laufen können, aber das ist es nicht. Und damit lebe ich.“ <BR /><BR />An das Leben mit HIV habe sich Martin mittlerweile gewöhnt, genauso wie daran, nicht mehr allzu viel über die Infektion nachzudenken. „Ich bin ein Mensch wie jeder andere“, sagt er nur. <BR /><BR />Ob er seine Geschichte öffentlich teilen wolle, darüber hat er lange nachgedacht. „Ich habe beschlossen zu sprechen.“ Es scheint fast, als würde eine gewisse Last von seinen breiten Schultern fallen, zu lange habe er seine HIV-Infektion vor anderen verschwiegen. Aus Angst vor Ablehnung. Nun möchte Martin ein Buch über sein Leben schreiben. Kommende Woche wolle er damit beginnen, verrät er. Ein Lächeln huscht über seine Lippen und sein tief versunkener Blick flackert zum ersten Mal auf. Blicke sagen eben doch mehr als tausend Worte.