<b>Ein Leben zwischen Gewalt- und Sexualstraftätern: Was reizt Sie am Bösen?</b><BR />Frank Urbaniok: Diese Terminologie gebrauche ich nicht, mein Ansatz ist nicht moralisch, sondern pragmatisch. Ich fälle auch kein moralisches Urteil, sondern gebe eine Risikobewertung ab. Aber um die Frage dennoch zu beantworten: Ich habe in 32 Jahren Tausende von Fälle von Gewalt gesehen. Daran reizt mich nichts, mich fasziniert daran nichts. Ich sehe meine Arbeit als Dienst an der Gesellschaft.<BR /><BR /><BR /><b>Dann muss meine nächste Frage nicht lauten „was macht einen Menschen böse?“, sondern „was macht ihn gefährlich“?</b><BR />Urbaniok: Was meine Arbeit angeht, ja. Bei der Analyse eines Gewalttäters besteht meine Aufgabe darin, seine Gefährlichkeit abzubilden – und in einem zweiten Schritt seine Therapierbarkeit. Daraus ergeben sich dann die notwendigen Maßnahmen. Ist jemand z. B. hochgefährlich und zusätzlich nicht therapierbar, geht es nicht um Therapie, sondern um die langfristige (auch lebenslange) Sicherung. Das ist nur eine sehr kleine Gruppe, aber es ist wichtig, diese zuverlässig zu erkennen, um die Gesellschaft zu schützen. <BR /><BR /><BR /><b>Zurück zur Frage: Was macht die Gefährlichkeit eines Täters aus?</b><BR />Urbaniok: Um das zuverlässig und vorurteilsfrei herauszufinden, habe ich das forensische operationalisierte Therapie-Risiko-Evaluations-System – kurz FOTRES – entwickelt. Es ist KEIN Diagnosesystem für Krankheiten, denn ob jemand beispielsweise schizophren oder depressiv ist, sagt meist nichts über seine Gefährlichkeit aus, sondern nur über seine Krankheit. Ich habe über die Jahre 125 Risikoeigenschaften herausgefiltert und ein System entwickelt, quasi einen Werkzeugkasten, um diese zu erkennen, zu gewichten – und so das Gefährlichkeitsprofil eines Menschen abbilden zu können. <BR /><BR /><BR /><b>Gibt es eine, die allen Gewalttätern inne wohnt?</b><BR />Urbaniok: Diese eine gibt es nicht. Und es spielen auch bei jedem Täter meist 2 bis 6 dominierende Risikoeigenschaften eine Rolle. Ohnehin gibt es nicht den Straftäter, sondern ein großes Spektrum unterschiedlicher Menschen mit unterschiedlichen Taten und unterschiedlichen Risikoeigenschaften.<BR /><BR /><BR /><b>Ein Beispiel?</b><BR />Urbaniok: Nehmen wir Täter mit einer Dominanzproblematik: Sie suchen keine Beziehung auf Augenhöhe, sondern wollen ihre Macht spüren, ihren Partner kontrollieren, dominieren – und ignorieren die Bedürfnisse des anderen. Das ist eine Risikoeigenschaft, die etwa bei Häuslicher Gewalt, aber auch bei Sexualdelikten vorkommen kann.<BR /><BR /><BR /><b>Zu einigen Ihrer spektakulärsten Fälle gibt es Podcasts. Ganz allgemein boomt „True Crime“. Woran liegt das?</b><BR />Urbaniok: An unserer evolutionären Prägung. Sich darauf zu konzentrieren, was gefährlich ist, war für die Gattung Mensch überlebenswichtig. Und so fühlen wir uns grundsätzlich von Berichten über Gefahren und Verbrechen angezogen – nach wie vor. <BR /><BR /><BR /><b>Das ist auch Thema ihres Buches „Darwin schlägt Kant“ – die Evolution behält die Überhand über die Vernunft?</b><BR />Urbaniok: Das Buch handelt von einem Missverständnis. Wir leben im Glauben, unser Verstand sei darauf ausgerichtet, die Wirklichkeit richtig zu erkennen. Das ist der Evolution aber völlig egal. Ebenso humanistische Ideale. Der Evolution geht es darum, die Art zu optimieren, um sie zu sichern. Und dafür ist es wichtig, schnell handlungsfähig zu sein. Es gilt: „Besser falsch, dafür aber schnell und/oder eindeutig.“<BR /><BR /><BR /><b>Lässt sich auch das an einem Beispiel veranschaulichen?</b><BR />Urbaniok: Nehmen wir 2 verschiedene Typen von Mensch im Urwald, die es im Busch rascheln hören. Der eine vernünftig, sucht im Geist nach möglichen Ursachen für das Rascheln: ein Vogel, der Wind, ein kleines Säugetier... Er wägt Chancen und Risiken ab. Der andere denkt bei jedem Rascheln an einen Löwen – und rennt. Vielleicht rennt er 99 von 100 Mal umsonst, aber er rennt halt auch dann, wenn der Löwe kommt. Der Vernünftige hat ein genaueres Verständnis seiner Umwelt, aber er überlegt einmal zu viel und wird gefressen.<BR /><BR /><BR /><b>Auf unsere Gesellschaft umgemünzt, erklärt das, warum Kant – also Vernunft und Humanismus – so oft unterliegt?</b><BR />Urbaniok: Wir denken, wir sind heute die ausgereifte Spitze der Evolution. Doch den homo sapiens gibt es gemessen an der Geschichte der Evolution noch nicht sehr lange. Wir haben noch jede Menge evolutionäre Schwachstellen, bei manchen Menschen stärker und bei anderen weniger stark ausgeprägt. Sie erklären in der Tat viele Missstände der heutigen Zeit. Darunter die Anfälligkeit für Fake News und Populismus. Rund ein Drittel der Bevölkerung ist dafür anfällig.<BR /><BR /><BR /><b>Erklärt sich so auch das Verdrängen von langfristigen Gefahren und Phänomene wie das Leugnen des Klimawandels?</b><BR />Urbaniok: Ja, denn auch für langfristige Perspektiven sind wir nicht ausgelegt, wir handeln erst, wenn uns das Wasser bis zum Hals steht. Und wir bevorzugen gefühlte Wahrheiten und bequeme Wahrheiten. <BR /><BR /><BR /><b>Klimawandel und andere drängende Probleme lassen uns aber nicht noch 500.000 Jahre Zeit für den nächsten evolutionären Entwicklungssprung. Was tun?<BR /></b>Urbaniok: Ich bemerke und verstehe, dass viele vernünftige Menschen derzeit frustriert sind, weil sie gegen einfache Parolen, Populismus und Fake News nicht mehr durchdringen. Die Lösung kann aber nicht sein, sich dann zurückzuziehen. Wir brauchen mehr vernünftige Stimmen, nicht weniger. Und dürfen den Schreihälsen und Vereinfachern nicht die Diskussion überlassen.