Dienstag, 26. Januar 2016

Lebensmittel-Pfusch: "Auch in Südtirol gibt es schwarze Schafe"

Immer mehr Gesetze, mehr Kontrollen und auch mehr Lebensmittelskandale? In Zeiten von Gammelfleisch, Analogkäse und falsch deklarierten Bio-Eiern "ist die Sicherheit von Lebensmitten eine der dringendsten Aufgaben des Verbraucherschutzes." Das weiß man auch in Südtirol. Die Verantwortung dabei nur auf den Produzenten abzuschieben, wäre aber zu kurz gegriffen. Auch der Kunde sollte sich als der König erweisen, zu dem man ihn gern hochstilisiert.

Lebensmittelkontrollen: Ziel ist es, den Verbrauchern eine hohe Sicherheit für ihre Gesundheit anzubieten.
Badge Local
Lebensmittelkontrollen: Ziel ist es, den Verbrauchern eine hohe Sicherheit für ihre Gesundheit anzubieten.

Um Lebensmittelsicherheit dreht sich an diesem Mittwoch alles in der Bäckerei Lemayr in Bozen. Dabei wird eine Broschüre vorgestellt, die sich an jene Menschen richtet, die mit Lebensmittel arbeiten. Denn sie müssen laut EU-Verordnung Schulungen absolvieren. Grund genug, um dem Thema generell nachzuspüren. Ein Gespräch. 

Südtirol Online: Lebensmittelskandal ist die Umkehrform zu Lebensmittelsicherheit: Warum kommt es denn immer wieder zu teils gravierenden Übertretungen und großangelegtem Schwindel im Lebensmittelsektor?
Karin Bianchini, Direktorin vom Amt für Hygiene und öffentliche Gesundheit: Viel und billig muss es sein, das ist die Forderung der heutigen Zeit. Diese Vorgaben bewirken, dass so mancher in Versuchung geführt wird, zu tricksen oder zu betrügen. Es kommt vor, dass manchmal ein Etikettenschwindel in Kauf genommen wird, da der dabei zu erwartende Gewinn höher ausfällt, als gegebenenfalls die Strafe, falls der Schwindel auffliegt. 
Noch vor 50 Jahren gaben die Menschen hierzulande durchschnittlich mehr als ein Drittel ihres Einkommens für Lebensmittel aus. Heute sind es noch ca. 10 bis 15 Prozent. 

STOL: Will heißen, das Verhalten des Kunden ist auch nicht mehr koscher?
Die Qualität der erworbenen  Lebensmittel beeinflusst unsere Gesundheit in starkem Maße. Trotzdem beschränkt sich unsere Wahl vielfach auf die Sonderangebote im Supermarkt. Die Wertschätzung der Lebensmittel bleibt dabei leider vielfach auf der Strecke.

STOL: Werden Konsumenten durch Meldungen von Analogkäse und Gammelfleisch nicht auch aufmerksamer bei der Auswahl Ihrer Lebensmittel?
Ob der Konsument nur durch die Meldungen dieser Art aufmerksamer wird, kann nicht wirklich nachvollzogen werden.
Allgemein kann man aber in Südtirol vermehrt ein gewisses Interesse an der Qualität der Lebensmittel beobachten.  Es wird hier weniger "nur" auf den Preis geschaut, wie in anderen europäischen Ländern (beispielsweise Deutschland).

STOL: Zurück zum Skandal - Beispiel: Bio-Eier, die nicht bio oder verseucht sind. Steckt hinter solchen Vorfällen also pures Falschspiel der Erzeuger oder ein unentdecktes Missgeschick in der Produktion?
Das kann man generell nicht abschätzen. Die Verantwortung für die Produktion eines Lebensmittels liegt beim Lebensmittelunternehmer. Es liegt nicht im Ermessen der Kontrollorgane zu wissen, ob der  Erzeuger bewusst oder unbewusst das Produkt verfälscht hat.
Den Kontrollorganen obliegt aber die Aufgabe, entsprechende zu kontrollieren und eventuelle Mängel festzustellen und zu ahnden.

STOL: Aber Lebensmittel sollten doch von Natur aus sicher sein, oder nicht?
Lebensmittelsicherheit ist eine der dringendsten Aufgaben des Verbraucherschutzes. Ziel ist es, den Verbrauchern eine hohe Sicherheit für ihre Gesundheit anzubieten. 
Um die Sicherheit der Nahrungsmittelkette und die Qualität der Lebensmittel zu gewährleisten, muss jeder Bereich in der Nahrungsmittelkette miteinbezogen werden - sprich es ist eine Vorgehensweise „vom Acker bis hin zum Teller“ (from farm to fork) erforderlich - von der primären Produktion, über die Lebensmittelverarbeitung, die Lagerung, dem Transport bis hin zum Einzelhandel.

STOL: Wer ist der Hauptverantwortliche, wenn es um Lebensmittelsicherheit geht - und wer muss noch miteinbezogen werden?
Jeder in der Kette muss seinen Teil dazu beitragen, um die Lebensmittelsicherheit zu gewährleisten. An erster Stelle steht der Lebensmittelunternehmer, gleich ob Landwirt, Bäcker, Metzger oder Restaurantbesitzer. Er ist der Hauptverantwortliche für die Lebensmittelsicherheit.

Dazu kommen die amtlichen Kontrollen der Produkte und des Qualitätsmanagements der Betriebe von Seiten der Überwachungsbehörden. Dazu gehören z.B. Präventions-Techniker der Dienste für Hygiene und öffentliche Gesundheit oder die NAS-Sondereinheit der Carabinieri. 
Die Überwachung wird vom Amt für Hygiene und öffentliche Gesundheit koordiniert und zusammen mit den Diensten im Sanitätsbetriebe, den tierärztlichen Diensten und den zuständigen Labors der Landesumweltagentur durchgeführt.

Nicht zuletzt sind aber auch die Konsumenten gefordert, ihren Teil zur Lebensmittelsicherheit beizutragen, indem sie intelligent und gezielt ihre Lebensmittel auswählen, richtig aufbewahren und achtsam für den Verzehr vorbereiten.

STOL: Wie ist es in Südtirol um die Lebensmittelsicherheit bestellt – haben die meisten Betriebe eine weiße Weste?
Es kann behauptet werden, dass der Großteil der Lebensmittelbetriebe in Südtirol sehr achtsam und mit großer Verantwortung mit Lebensmitteln umgeht, die gesetzlichen Bestimmungen einhält und somit eine WEISSE Weste hat.
Demgegenüber stehen aber auch in Südtirol, wie überall auf der Welt, SCHWARZE Schafe, bei denen noch Handlungs- und Verbesserungsbedarf besteht.

STOL: Als Amt für Hygiene und öffentliche Gesundheit kontrollieren Sie den Lebensmittelbereich im Land inwiefern?
Die vorrangigen Zuständigkeiten des Amtes im Bereich Lebensmittelsicherheit liegen im Verwaltungsbereich. Dazu gehören die Ausarbeitung von Gesetzen, Beschlüssen  und Rundschreiben zur Lebensmittelsicherheit. 
Des weiteren programmiert das Amt die Kontrolltätigkeit für Lebensmittel und Getränke auf Landesebene, ist für Verwaltung des Lebensmittelfrühwarnsystems zuständig und die Bearbeitung von Verwaltungsübertretungen.

STOL: Welchen Beitrag können oder müssen Menschen leisten, die mit Lebensmitteln arbeiten?
Menschen, die mit Lebensmitteln arbeiten, müssen sich ihrer Verantwortung bewusst sein. Sie haben die Aufgabe und die Pflicht, die Sicherheit ihrer Produkte zu gewährleisten und den Schutz der Konsumenten zu garantieren. 
Dazu sind eine ständige Weiterbildung und regelmäßige Schulungen auch innerhalb der Betriebe notwendig. Das sieht eine EU-Verordnung vor. Mit Beschluss der Landesregierung sind nun die Inhalte dieser Schulung definiert und es ist eine Broschüre erstellt worden. 

STOL: Mal ehrlich - gibt es zu viele und zu strenge oder zu wenige, zu lasche bzw. zu wenig kontrollierte Gesetze im Lebensmittelsektor?
Der Bereich ist meiner Meinung nach ausreichend geregelt.
Innerhalb der Europäischen Union gelten Verordnungen, die für alle EU-Mitgliedsstaaten direkt verbindlich sind. Diese Verordnungen sind zum Teil mit nationaler Gesetzgebung, zum Teil mit Landesgesetzgebung auf Landesebene umgesetzt worden. Zum sogenannten EU-Hygienepaket gehören auch wichtige Bestimmungen für die Lebensmittel-, Küchen- und Personalhygiene:

  • Verordnung zur Festlegung der allgemeinen Grundsätze und Anforderungen des Lebensmittelrechts (EG Nr. 178/2002): Diese sogenannte Basisverordnung beschreibt allgemeine Grundsätze und erläutert unter anderem die Pflicht zur Rückverfolgbarkeit aller Lebensmittel, d.h. auf allen Stufen der Verarbeitung muss nachvollziehbar sein, woher ein Lebensmittel stammt und an wen es weitergegeben wurde.
  • Verordnung über Lebensmittelhygiene (EG Nr. 852/2004): Die Verordnung beinhaltet die grundlegenden Vorschriften zur Lebensmittelhygiene in gewerblichen Küchen. Themen wie die allgemeine Verpflichtung der Lebensmittelunternehmer zur Einhaltung der Hygienevorschriften, die Gewährleistung der Lebensmittelsicherheit, die Einhaltung der Kühlkette, das betriebliche Eigenkontrollsystem HACCP, Leitlinien für gute Verfahrenspraxis, Temperaturanforderungen und Hygieneschulungen werden hier beschrieben.
  • Verordnung mit spezifischen Hygienevorschriften für Lebensmittel tierischen Ursprungs (EG Nr. 853/2004): Hier werden die spezifischen Hygienevorschriften im Umgang mit Lebensmitteln tierischen Ursprungs aufgeführt.

Interview: Petra Kerschbaumer

stol